Syrien, Libyen und Jemen
: In Kriegsgebieten leiden Menschen unter dem Coronavirus

Nach Jahren des Krieges ist das Gesundheitssystem in Syrien, in Libyen und im Jemen am Boden. Das hindert die Akteure nicht, die Kämpfe fortzusetzen.
Von
Martin Gehlen
Tunis
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Ein kleines Mädchen blickt hinter einer Mauer in einem Slum eines Kriegsgebiets von Sanaa im Jemen hervor. Die Vereinten Nationen warnen davor, dass sich die Zahl der unterernährten Menschen wegen der Corona-Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen weltweit fast verdoppeln könnte.

Mohammed Mohammed/dpa

Im Blick hat der Chef der Vereinten Nationen dabei vor allem die Bürgerkriege im Nahen Osten, in Syrien, im Jemen und in Libyen, wo seine Mahnungen jedoch bisher auf taube Ohren stoßen. Überall das gleiche Bild — Millionen auf der Flucht, Krankenhäuser in Trümmern und das Gesundheitswesen am Boden. Fachleute befürchten eine dramatische Ausbreitung der neuen Lungenkrankheit, denn die Seuche trifft auf eine Bevölkerung, die ihr hilflos ausgeliefert ist.

„Es wird ein Massensterben geben, wenn die Pandemie Teile von Syrien und den Jemen erreicht“, erklärte Jan Egeland, Generalsekretär des Norwegischen Flüchtlingsrats. Das in New York ansässige International Rescue Committee (IRC) warnte, das durch neun Jahre Bürgerkrieg ruinierte Syrien könnte weltweit zur schlimmsten Corona–Region werden.

Viel zu wenig Intensivbetten

Das betrifft vor allem die nordsyrischen Rebellengebiete. Noch gibt es hier keinen offiziellen Corona–Fall, erst kürzlich lieferte die WHO die ersten 300 Test–Kits. „Zu Hause bleiben — ich wünschte, ich könnte das“, schrieben in Zeltlagern zusammengepferchte Flüchtlinge auf Plakate. Die meisten Krankenhäuser sind durch russische und syrische Luft­angriffe zerstört oder beschädigt.

Für die rund vier Millionen Bewohner existieren lediglich 148 Intensivbetten und 153 Beatmungsgeräte. Nirgendwo gibt es Schutzmasken, Handschuhe oder ausreichend Desinfektionsmittel. Obendrein sind eine Million Menschen seit der letzten Assad–Offensive auf der Flucht. Die meisten leben unter unvorstellbaren Bedingungen in einem schmalen Korridor entlang der syrisch–türkischen Grenze. Ihre Zelte stehen auf engstem Raum. Es fehlt an allem.

Ähnliches droht auch im Jemen, wo kürzlich der erste Fall diagnostiziert wurde. Obwohl Saudi–Arabien den Huthi–Rebellen einen Waffenstillstand anbot, gehen die Kämpfe weiter. Im Norden in der Provinz Marib rollt die Offensive der vom Iran unterstützten Rebellen gegen die Regierungstruppen. In Aden nutzte die Unabhängigkeitsbewegung Hirak am Wochenende die Virus–Panik, um einen eigenen Staat Südjemen auszurufen.

2,3 Millionen haben Cholera

Schon vor Corona litt das Land an der größten Cholera–Epidemie der Gegenwart. 2,3 Millionen Menschen haben sich angesteckt, jeden Tag kommen nach Angaben der Nothilfeorganisation Oxfam 1200 neue Erkrankungen hinzu. Die Hälfte der Bevölkerung ist nach fünf Jahren Bürgerkrieg unterernährt oder hungert. 17 Millionen Jemeniten haben kein sauberes Wasser, eine Grundvoraussetzung für jegliche Hygiene.

In den ersten vier Kriegsjahren 2015 bis 2018 gab es nach einer aktuellen Studie der jemenitischen NGO „Mwatana für Menschenrechte“ über 120 Angriffe auf Kliniken. „Als Arzt bist du jederzeit in Gefahr“, berichtete ein Mitarbeiter des Al–Thawra–Krankenhauses in Taif, das regelmäßig attackiert wird. „Die meisten Kollegen sind nach den vielen Angriffen weggeblieben. Wir haben nur noch einen Orthopäden und zwei Chirurgen übrig. Die anderen Spezialisten sind nicht mehr hier.“

Straßenzüge liegen in Trümmern

Das gleiche Bild auch in Libyen, wo der selbsternannte Feldmarschall Chalifa Haftar die Pandemie zu nutzen versucht, um auf dem Schlachtfeld Fakten zu schaffen. Seit vier Wochen nimmt er die Hauptstadt Tripolis unter Dauerfeuer, in den südlichen Vierteln wird mittlerweile von Haus zu Haus gekämpft. Ganze Straßenzüge liegen in Trümmern. Der seit dem 12. Januar vereinbarte Waffenstillstand ist Makulatur. 150.000 Menschen mussten seit Beginn der Haftar–Offensive im April 2019 aus ihren Häusern fliehen und Zuflucht suchen in Schulen und Massenunterkünften.

Nach ersten Corona–Fällen in Tripolis verhängte die international anerkannte Regierung von Ministerpräsident Fajis al–Sarradsch jetzt eine Ausgangssperre. Sie zwingt die Menschen, in ihren Wohnungen zu bleiben, während draußen pausenlos Granaten einschlagen. Und die mit zivilen Bombenopfern und verwundeten Kämpfern überfüllten Hospitäler sind praktisch nicht in der Lage, sich auf die drohende Infektionswelle vorzubereiten.

„Unsere Welt hat einen gemeinsamen Feind — Covid–19“, redete derweil UN–Generalsekretär Antonio Guterres in seinem Corona–Appell allen Kriegsparteien ins Gewissen: „Die Wut des Virus offenbart die Torheit des Krieges.“

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona–Blog.