So sehen es jedenfalls die Bauern, weswegen sie neuerdings zu Protestformen übergehen, die an die ihrer französischen Kollegen erinnern, nur deutlich friedlicher sind. Auch politische Parallelen gibt es. So wie in Frankreich die Landbevölkerung verstärkt den rechten Rassemblement National, also den früheren Front National, wählt, so schwenken in Deutschland viele Wähler der dörflichen Regionen zur AfD um. In Hessen verlor die CDU im vergangenen Jahr elf Prozent an die AfD. Allerdings auch sieben Prozent an die Grünen.
Anderswo ist es ähnlich und es lässt sich erst einmal nur ableiten, dass die Landwirte von CDU und CSU enttäuscht sind. Die Hinwendung zur AfD ist überschaubar. Noch. Denn die radikalsten Forderungen der Bauern werden nur von der Rechtsaußenpartei unterstützt. Hier wächst für die Union durchaus eine Gefahr heran. Fakt ist: Seit Jahrzehnten prägen die Unionsparteien die Landwirtschaftspolitik. In Deutschland und in der EU. 6,6 Milliarden Euro Agrarsubventionen aus dem europäischen Haushalt bekamen die deutschen Bauern 2018, nach wie vor nach dem Prinzip: Wer viel hat, bekommt viel. Fläche ist wichtig, Insektenschutz nicht. Die industrielle Landwirtschaft wurde gefördert und der Flächenausverkauf  nicht verhindert. Es sind vor allem die Kleinbauern, die sich zu Recht die allergrößten Sorgen machen.
Und jetzt sollen Bienen, Gewässer, Klima geschützt werden und alle Landwirte sehen sich als Umweltsünder an den Pranger gestellt. Tatsächlich sind sie weder für das Insektensterben noch für das verseuchte Grundwasser allein verantwortlich. Die Bauernschaft sieht sich als Ausputzer für eine verfehlte Klima- und Umweltpolitik.
Aber auch wer die Agrarpolitik verurteilt, sollte daran denken, wem das System dient. Den großen Landwirtschaftsbetrieben, den Handelsketten  und uns, den Verbrauchern. Immer mehr, immer schneller – zu teilweise absurd niedrigen Preisen. Wen interessieren schon Gülle im Grundwasser und das Tierwohl, wenn das Kilo Schnitzel nicht mehr kostet als eine Schachtel Zigaretten. Angemessene Preise – das ist die Wertschätzung, die die Landwirtschaft braucht.
Es ist richtig, wenn die EU eine umweltverträglichere Landwirtschaft einfordert. Die wird es aber auf Dauer nur geben, wenn die Strukturen verändert werden. Dazu gehört, dass man Bauern ihre Beiträge zum Klimaschutz, zur Artenvielfalt und zur Erhaltung der Kulturlandwirtschaft bezahlt. So wie Umweltzerstörung sanktioniert gehört. Wenn es um Nachhaltigkeit gehen soll, reicht es eben nicht, den Bauern neue Vorschriften aufzuhalsen. Vielmehr muss sich die Politik dann auch mit Agrar- und Handelskonzernen anlegen. Andernfalls wird das Bauernlegen weitergehen und die Union wird eine einstmals sehr treue Wählergruppe  gänzlich verlieren.
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