Union Berlin: Behrens und der „Wahnsinn“ eines Nationalspielers aus der Regionalliga
Die Rückennummer 24 sagt viel aus über den sagenhaften Weg von Kevin Behrens zum deutschen Nationalspieler. Diese 24 trug der Stürmer von Union Berlin damals auch beim SV Wilhelmshaven in seinem zweiten Jahr als Profifußballer in der Regionalliga Nord. Das war in der Saison 2011/12. Nun steht Behrens im reifen Alter von 32 Jahren auf der USA–Testspielreise vor seinem Debüt in der DFB–Auswahl — mit der Rückennummer 24.
„Ich freue mich übertrieben. Es ist Wahnsinn, dass einer wie ich, der vor sechs Jahren noch in der Regionalliga gespielt hat, jetzt für die Nationalmannschaft nominiert wird“, findet Behrens: „Es ist ein Traum, unbeschreiblich.“ Und irgendwie ist es ja auch ein wenig überraschend. Länderspiel–Debüt mit 32 Jahren — diese außergewöhnliche Pointe hat der Fußballgott vermutlich genau für einen wie Kevin Behrens erfunden. Einer, der den Aufstieg vom durchschnittlichen Viertliga–Profi zum angehenden Nationalspieler nicht seinem Talent, sondern zuallererst harter Arbeit verdankt.
Bei seinem Ausbildungsverein Werder Bremen spielte Kevin Behrens zwischenzeitlich sogar in der dritten Männermannschaft, ehe er zumindest in die Regionalliga nach Wilhelmshaven wechselte. Behrens galt damals als Heißsporn. Bei Rot–Weiß Essen flog er nach nur einem halben Jahr wieder raus. 2016 rasselte er beim damaligen Drittligisten Rot–Weiß Erfurt durch das Probetraining. Seine Karriere steckte in der Sackgasse.
Sieben Jahre später darf sich genau dieser Kevin Behrens jetzt also über die Berufung in die Nationalmannschaft freuen. „Kevin ist für viele andere ein Beispiel, dass man mit harter Arbeit ganz Großes erreichen kann. Da kann man einfach nur gratulieren“, lobte Union–Trainer Urs Fischer.
Übrigens schien auch Behrens von seiner Nominierung überrascht worden zu sein. Als erste Amtshandlung nach dem entscheidenden Anruf musste er erst einmal schauen, ob sein Reisepass überhaupt noch gültig ist. Am Donnerstag wurde er durch Bundestrainer Julian Nagelsmann persönlich von der Nominierung informiert. Er habe zunächst zwei Anrufe von Unbekannt auf seinem Handy gehabt, berichtete der Angreifer schmunzelnd. Daraufhin habe er dann den Unbekannten zurückgerufen — und Julian Nagelsmann am andere Ende der Leitung gehabt. „Ich habe die Stimme direkt erkannt. Aber natürlich hat man Zweifel, ob man veräppelt wird.“
Wie der Bundestrainer die Nominierung begründete? „Er will einfach mal sehen, wie ich es auf diesem Niveau mache“, fasste Behrens das Gespräch mit der geballten Erfahrung eines ehemaligen Regionalliga–Spielers im Nationaltrikot zusammen.
Wenn Kevin Behrens es so macht, wie in den vergangenen Jahren bei Union Berlin, dann könnte er eine echte Hilfe für die kriselnde DFB–Auswahl sein. Mit seiner Wucht und seiner Kopfballstärke sammelte er vermutlich die entscheidenden Pluspunkte für die Nominierung.
Komplizierte Zeit mit Union Berlin
Dass seine Berufung in eine für den 1. FC Union sehr komplizierte Zeit fällt, passt irgendwie zu diesem emotionalen Fußballmärchen. Einerseits ärgerte sich Behrens nach dem 2:4 bei Borussia Dortmund über die mittlerweile schon siebte Niederlage der Eisernen aus Köpenick. Andererseits freute er sich über sein bevorstehendes Debüt in der Nationalmannschaft. Der Stürmer spürt derzeit die ganze Bandbreite an Emotionen in diesem Geschäft. „Ich will nicht von verhext sprechen. Man sieht ja, dass wir Gas geben. Aber in den entscheidenden Momenten kriegen wir dann halt die Gegentore“, analysierte Behrens ein wenig ratlos die aktuelle Durststrecke des Champions–League–Teilnehmers aus Köpenick.
Er werde sicher noch ein, zwei Tage an dieser neuerlichen Niederlage zu tragen haben, räumte der Stürmer ein: „Aber dann kann ich mich auf die Nationalmannschaft freuen und konzentrieren.“
Immerhin wartet im kommenden Jahr mit der Heim–Europameisterschaft eine echte große Herausforderung auf die Mannschaft um den neuen Bundestrainer Julian Nagelsmann. Nach dem Spiel in der Dortmunder Signal–Iduna–Arena wurde Kevin Behrens auch gefragt, ob diese Heim–EM nun das neue, große Ziel für ihn sei. Einer wie Behrens hat in den vergangenen Jahren im positiven Sinne vorgemacht, wie schnell es im Profifußball gehen kann. Dieser Weg von der Regionalliga bis in die Bundesliga hat ihn auch eines gelehrt: Demut. „Ganz ehrlich — die EM habe ich derzeit nicht als Ziel. Ich versuche, alles zu genießen und aufzunehmen“, beantworte er die Frage: „Ich will mein Bestes geben, ich will den Moment leben — und nicht schon von einer Europameisterschaft zu träumen.“
Allein mit Träumen wäre der Mann mit der Rückennummer 24 beim SV Wilhelmshaven mit Sicherheit auch nicht ganz oben angekommen.



