Union Berlin: Die nervenden Tennisbälle der Fans sind für den Fußball-Osten wichtig

Die Spiele des 1. FC Union Berlin in der Fußball-Bundesliga wurden zuletzt immer wieder von den Tennisball-Protesten der Fans unterbrochen. Auch beim Heimspiel am Samstag gegen den 1. FC Heidenheim ist wieder mit einer Spielunterbrechung zu rechnen.
Jan-Philipp Strobel/dpaDie Tennisbälle werden wohl wieder fliegen, wenn der 1. FC Union Berlin am Samstag in der Fußball-Bundesliga den 1. FC Heidenheim empfängt – und sie werden wieder nerven. Es ist davon auszugehen, dass die Anhänger der Eisernen auch am 23. Spieltag ihren Protest gegen die Pläne der Deutschen Fußball-Liga (DFL) fortsetzen.
Eine inzwischen sehr umstrittene Abstimmung hatte bei der DFL den Weg dafür freigemacht, dass Investoren in die Liga einsteigen. Dieser Entscheid steht inzwischen infrage. Laut „Sportschau“ und „Sport-Bild“ will sich das DFL-Präsidium am Mittwoch zu einer Sitzung treffen. In der kommenden Woche soll es Gespräche mit den Clubs geben, eine Mitgliederversammlung und eine neue Abstimmung sei denkbar. Mit der US-Investmentfirma Blackstone ist ein erster Interessent für die DFL-Rechte schon ausgestiegen.
Fans von Union Berlin als treibende Kraft
Die Tennisball-Proteste, für welche die Union-Fanszene eine treibende Kraft ist, haben also ihre erste Wirkung gezeigt. Dass die ständigen Spielunterbrechungen nicht bei allen Fußballfans auf Gegenliebe stoßen, macht die Gemengelage so kompliziert. Keine Frage: Jede Woche Tennisbälle, das nervt auch. Aber wo die einen einfach nur in Ruhe Fußball gucken wollen, kämpfen die anderen um eine grundlegende Richtungsentscheidung.
Das drohende Szenario: Die Vermarktungsschraube würde weiter angezogen werden, es geht um viel Geld – vor allem für die Top-Clubs. Schließlich wollen die Investoren eine gute Rendite erzielen. Die gibt es nur, wenn die Strahlkraft der Top-Clubs wie Bayern München oder Borussia Dortmund weltweit bestmöglich vermarktet wird. Anstoßzeiten zur chinesischen Prime-Time, Bundesliga-Spiele in New York – klingt noch skurril, ist aber gar nicht so abwegig. Um zu ahnen, in welche Richtung es geht, muss man sich nur die Taylorswiftisierung des American Footballs in der US-amerikanischen National Football League (NFL) anschauen.
Regionalliga voller Traditionsvereine
Gerade im Fußball-Osten sollte man den Fans von Union Berlin deshalb diese Tennisbälle nicht übelnehmen. Schließlich würde ein Investoreneinstieg den Status quo im deutschen Fußball zementieren: Mit Union und dem mit Red-Bull-Millionen ohnehin schon investoren-ähnlichen Konstrukt RB Leipzig spielen nur zwei im Osten angesiedelte Vereine in der Bundesliga. Magdeburg kämpft in der 2. Liga, Rostock droht der Abstieg – und Dynamo Dresden sitzt im ewigen Fahrstuhl zwischen dritter und zweiter Etage.
Darunter gibt es noch Aue und Halle – und eine fast schon zu Tränen rührende Regionalliga: Jena, Erfurt, Zwickau, Cottbus Leipzig (ohne Red-Bull-Flügel) oder der BFC Dynamo. So viel ostdeutsche Fußball-Tradition spielt nur noch viertklassig.
Solidarität versus Investment
Die finanzielle Kluft nach oben ist jetzt schon riesig – und würde mit einem Investoreneinstieg fast unüberwindbar werden. Denn: Es würde künftig sicher viel Geld verdient werden – aber nicht bei den Vereinen in Ost-Deutschland ankommen. Der mit Geldscheinen tapezierte DFL-Kosmos verkäme zur geschlossenen Gesellschaft.
Eine Durchlässigkeit zwischen den Ligen und damit auch Aufstiegschancen für Vereine im Osten gibt es nur, wenn der deutsche Fußball einen neuen, solidarischen Weg einschlägt. Solidarität und Investment – das schließt sich de facto aus. Dabei müssen die Einnahmen dringend besser unter den Clubs verteilt werden, weil nur so der Wettbewerb gestärkt wird und nicht die Bayern-München-Endlosschleife dreht. Dafür sind aktuell die Tennisbälle ein wichtiger Beitrag – gerade weil sie so nervig stören.

