Union Berlin Bundesliga: Bonucci hat neue Liebe – „die Fans sind verrückt“
Der Weltstar erscheint in kurzen Hosen. Und er sollte dennoch mächtig ins Schwitzen geraten. Bei seiner ersten Pressekonferenz als Spieler des 1. FC Union Berlin muss sich Leonardo Bonucci immer wieder den Schweiß von der Stirn wischen. Das liegt aber nicht so sehr an den Fragen, sondern an der drückenden Hitze im Medienraum im Stadion An der Alten Försterei.
Freundlich lächelnd beantwortet der 36 Jahre alte Europameister aus Italien 20 Minuten lang geduldig die Fragen der deutschen Journalisten. Bonucci spricht meistens Englisch. Am wohlsten fühlt er sich jedoch, wenn ein Kollege auf Italienisch fragt. Dann wird sein Lächeln noch ein Stück breiter. Dann erzählt er ausführlich von den Schwierigkeiten, die ihm die neue Sprache bei seinem ersten Gastspiel im Ausland noch bereitet. „Es war keine einfache Entscheidung. Aber jetzt bin ich hier und möchte die neue Sprache, die neue Kultur und den neuen Lebensstil kennenlernen“, berichtet der Innenverteidiger: „Das ist eine große Veränderung in meinem Leben und in meiner Karriere, raus aus der Komfortzone.“
Dabei wollte Leonardo Bonucci die voraussichtlich letzte Saison seiner langen und erfolgreichen Karriere eigentlich für Juventus Turin spielen. Wo auch sonst? Insgesamt zwölf Jahre seiner Profi-Karriere hat er doch verbracht. „Juventus Turin ist mein Leben“, sagt Bonucci.
Doch im Sommer traf ihn der Bannstrahl von Trainer Massimiliano Allegri. Der Routinier wurde aussortiert. Und er musste sich neu orientieren. Lazio Rom hatte genauso Interesse wie zahlungskräftige Vereine aus Saudi-Arabien – und natürlich Union Berlin. „Ich wollte weiter auf hohem Niveau spielen. Deshalb habe ich die Angebote aus Saudi-Arabien abgelehnt“, erklärt Bonucci. Denn er hat ein letztes, großes Ziel: Zum Abschluss der Karriere möchte er es noch einmal in den italienischen Kader für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland schaffen.
Leonardo Bonucci ist gerade dabei, dieses für ihn noch weitgehend unbekannte Deutschland zu entdecken. Am vergangenen Wochenende war seine Familie zu Besuch in Berlin. Gemeinsam mit Ehefrau Martina sowie den Kindern Lorenzo (11), Matteo (9) und Matilda (4) schaute er sich einige Sehenswürdigkeiten und auch den Berlin-Marathon an. „Ich sehe mich im Moment noch als Tourist. Aber so langsam fange ich an, die Stadt zu mögen“, berichtet der Neuzugang.
Dass ein Weltstar wie Leonardo Bonucci zum 1. FC Union wechselt, wurde in der Branche aufmerksam registriert. Entsprechend groß ist das Medien-Interesse bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Berlin. Sechs Mikrofone stehen am Dienstagnachmittag auf dem Tisch vor dem Neuzugang. Mehrere Kameras filmen jede seiner Bewegungen – inklusive der Schweißperlen auf der Stirn.
Natürlich wurde hierzulande auch diskutiert, ob Bonucci mit 36 Jahren noch fit genug für die Bundesliga ist. In der Tat seien die Anforderungen an die Abwehrspieler komplexer als in Italien, die Geschwindigkeit des Spiels deutlich höher, räumt der Neuzugang ein. Aber – all das traue er sich zu, betont Leonardo Bonucci mit dem Selbstbewusstsein eines Europameisters und neunfachen italienischen Meisters. „Nachdem ich in der vergangenen Saison einige Verletzungen hatte, will ich jetzt wieder in Topform kommen. Ich weiß, dass ich in der Lage bin, viele Spiele zu bestreiten.“
Leonardo Bonucci schwärmt von den Fans
Über eine Sache möchte Leonardo Bonucci am Dienstagnachmittag unbedingt reden. Es geht um diese „Crazy-Fans“, also die aus seiner Sicht verrückten Anhänger der Eisernen. Dabei musste er zuletzt aus der Heimat einige Kritik einstecken. Auch sein verpatztes Heimdebüt am vergangenen Samstag gegen die TSG Hoffenheim (0:2) wurde mit einer gewissen Häme begleitet. Umso mehr genießt der Innenverteidiger die Unterstützung der Union-Fans hier in Berlin.
Zum ersten Mal erlebte Leonardo Bonucci die Atmosphäre im Stadion An der Alten Försterei vor drei Wochen gegen RB Leipzig. Union Berlin verlor 0:3, Bonucci saß 90 Minuten lang auf der Bank – und war trotzdem auf Anhieb schockverliebt. Er habe sich erstmal bei Robin Gosens erkundigen müssen, was da genau im Stadion passiert. „Die Fans sind verrückt. Sie unterstützen die Mannschaft immer, egal ob Sieg oder Niederlage“, staunt Bonucci. Auch seine Kinder auf der Tribüne seien beim Hoffenheim-Spiel ganz begeistert gewesen. „Trotz der Niederlage haben die Fans gesungen und uns gefeiert. So etwas gibt es in Italien nicht.“
Diese Unterstützung können Leonardo Bonucci und die Mannschaft gerade jetzt gut gebrauchen. Die letzten vier Spiele haben die Eisernen allesamt verloren. Nach Jahren des Aufwärtstrends muss der Verein zum ersten Mal eine Ergebnis-Delle verarbeiten. Ein Leonardo Bonucci kennt solche Situationen zur Genüge und will seine Erfahrung einbringen. „Natürlich ist das gerade eine schwierige Situation. Ich weiß, dass es nicht gut ist, wenn wir verlieren. Aber wir müssen uns jetzt Schritt für Schritt verbessern“, findet der Neuzugang mit dem großen Namen und der großen Vita.
Am Samstag, wenn Union Berlin beim FC Heidenheim spielt, ist Leonardo Bonucci erneut als Abwehr-Organisator gefragt. Und er wird auch dort vermutlich ins Schwitzen geraten.




