Union Berlin
: Leonardo Bonucci „naiv“? – Kritik aus Italien, Aufmunterung aus Köpenick

Leonardo Bonucci erlebte ein historisches, aber kein erfolgreiches Heimdebüt beim 1. FC Union Berlin. Bei der Niederlage gegen Hoffenheim werden die Stärken und Schwächen des Weltstars aus Italien deutlich.
Von
Frank Noack
Berlin
Jetzt in der App anhören
  • Nach dem Schlusspfiff war Leonardo Bonucci die Enttäuschung über die 0:2-Niederlage von Union Berlin gegen die TSG Hoffenheim deutlich anzusehen.

    Nach dem Schlusspfiff war Leonardo Bonucci die Enttäuschung über die 0:2-Niederlage von Union Berlin gegen die TSG Hoffenheim deutlich anzusehen.

    Imago/Oliver Behrendt
  • Leonardo Bonucci (links, Union Berlin) ist in dieser Szene eher am Ball als der Hoffenheimer Mergim Berisha

    Leonardo Bonucci (links, Union Berlin) ist in dieser Szene eher am Ball als der Hoffenheimer Mergim Berisha

    Ronny Hartmann/AFP
1 / 2

Wie ernst die Lage beim 1. FC Union Berlin nach der vierten Niederlage in Folge geworden ist, bekam auch ein Weltstar wie Leonardo Bonucci zu spüren. Dabei durfte der Italiener beim 0:2 gegen die TSG Hoffenheim endlich sein Heimdebüt im Stadion An der Alten Försterei absolvieren. Ein historischer Einstand: Denn mit einem Alter von 36 Jahren und 145 Tagen war Bonucci der älteste Feldspieler seit 21 Jahren, der in der Fußball-Bundesliga debütierte.

Von einem historischen Anstrich war nach dem Schlusspfiff in der Bewertung von Trainer Urs Fischer aber so rein gar nichts zu spüren. Angesprochen auf die Leistung von Leonardo Bonucci sagte Fischer mit versteinertem Gesicht: „Zur ersten Halbzeit habe ich mich schon deutlich geäußert. Das gilt auch für Leo. In der zweiten Halbzeit hat man gesehen, wozu er fähig ist. So sollte es weitergehen.“

Dazu muss man wissen, dass Fischer in der Pressekonferenz nach dem Hoffenheim-Spiel kurz zuvor die Leistung seiner Mannschaft in der ersten Halbzeit als eine „Nichtleistung“ eingestuft hatte und vor allem fehlende Basics beklagt hatte. In jedem Fall fiel seine Kritik so deutlich aus wie noch nie in seiner mittlerweile fünfjährigen Amtszeit in Berlin-Köpenick – und sie schloss ganz demonstrativ auch Weltstar Bonucci ein.

Leonardo Bonucci im Umkehrschluss eine „Nichtleistung“ in der ersten Halbzeit gegen Hoffenheim zu attestieren, wäre sicher zu hart. Aber es war ganz gewiss nicht die Leistung, die man sich bei den Eisernen vom 21er-Europameister aus Italien erwartet. Denn Bonucci war bei beiden Gegentoren direkt involviert. In der 22. Minute wurde er durch einen langen Flankenball überspielt und zupfte dann Andrej Kramaric elfmeterreif an der Schulter. Kramaric traf zum 1:0 für die Gäste.

Beim 2:0 (38.) avancierte Bonucci zum finalen Opfer einer langen Fehlerkette, die schon am gegnerischen Strafraum durch einen Ballverlust begann. Als der Hoffenheimer Konter auf ihn zurollte, kam er im entscheidenden Moment bei der flachen Eingabe auf Torschütze Maximilian Beier einen Tick zu spät. Die „Gazzetta dello Sport“ aus Italien schrieb sogleich von einer „desaströsen“ Heim-Premiere von Bonucci und bezeichnete sein Zweikampf-Verhalten als „naiv“.

Der 1. FC Union hatte sich nahezu den gesamten Transfer-Sommer um die Dienste von Leonardo Bonucci bemüht und den Innenverteidiger letztlich von Juventus Turin losgeeist. Dass diese Entscheidung richtig war, zeigte Bonucci nicht nur in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim, als die Abwehr deutlich sattelfester wirkte und er viele lange Diagonalpässe nach vorn schlug. Auch bei seinem Debüt im Union-Trikot am Mittwoch in der Champions League gegen Real Madrid war Bonucci der Turm in der Abwehrschlacht im Bernabeu-Stadion. „Wenn du nicht weißt, wohin mit dem Ball – er hat immer eine Lösung. Das Gefühl gibt er auch an die Mitspieler weiter. Er hat eine Topleistung gebracht“, befand Frederik Rönnow in Madrid.

Schwere Aufgabe für Leonardo Bonucci

Zumal die Aufgabe für Leonardo Bonucci alles andere als einfach ist. Immerhin muss der Neuzugang mit Robin Knoche den Abwehrchef des 1. FC Union ersetzen. Und der galt eigentlich bisher stets als unersetzbar. Bonucci macht es auf seine Art: mit viel Routine und einem überschaubaren Laufpensum. Ein Makel ist das nicht, sondern viel mehr genau jene Art und Weise, die man von ihm im Herbst seiner langen und erfolgreichen Profi-Karriere erwarten durfte.

Dass selbst ein Weltstar wie Leonardo Bonucci nicht im Alleingang die Bundesliga auseinander spielen kann und auch nicht fehlerfrei ist, liegt auf der Hand, noch dazu ohne eine vernünftige Saisonvorbereitung. Schuld daran sind die Querelen bei seinem Ex-Klub Juventus Turin. Insofern liegt Leonardo Bonucci trotz der beiden Gegentore gegen Hoffenheim mit seinen Leistungen bei Union Berlin im Soll. „Er weiß, was er tun muss. Er hat ein gutes Spiel gespielt, wie schon in Madrid“, sagte der aktuelle Kapitän Sheraldo Becker.

Dieses Lob entsprach zwar – zumindest mit Blick auf die erste Halbzeit des Hoffenheim-Spiels – nicht ganz der Realität. Es war wohl aber ohnehin mehr als Aufmunterung gedacht. Und eine Aufmunterung können nach vier Niederlagen in Serie derzeit bei Union Berlin fast alle Spieler gebrauchen – selbst ein Weltstar wie Leonardo Bonucci.

1. FC Union Berlin – die Fußball-Bundesliga

1. FC Union Berlin – der DFB-Pokal

1. FC Union Berlin – die Champions League

  • Mittwoch, 20. September 2023: Real Madrid – 1. FC Union Berlin 1:0 (0:0)
  • 1. FC Union Berlin – SC Braga; Dienstag, 3. Oktober 2023, 18:45 Uhr
  • 1. FC Union Berlin – SSC Neapel; Dienstag, 24. Oktober 2023, 21:00 Uhr
  • SSC Neapel – 1. FC Union Berlin; Mittwoch, 08.11.2023, 18:45 Uhr
  • SC Braga – 1. FC Union Berlin; Mittwoch, 29. November 2023, 21:00 Uhr
  • 1. FC Union Berlin – Real Madrid; Dienstag, 12. Dezember 2023, 21:00 Uhr

Neuzugänge beim 1. FC Union Berlin

Abgänge beim 1. FC Union Berlin

Sven Michel (32, FC Augsburg)

Paul Seguin (28, FC Schalke 04)

Jamie Leweling (22, VfB Stuttgart, Leihe)

Rick van Drongelen (24, Samsunspor, Türkei)

Levin Öztunali (27, Hamburger SV)

Kevin Möhwald (29, KAS Eupen, Belgien)

Tim Maciejewski (22, SV Sandhausen)

Morten Thorsby (27, Genua CFC, Italien, Leihe)

Tymoteusz Puchacz (24, 1. FC Kaiserslautern, Leihe)

Lennart Grill (24, VfL Osnabrück, Leihe)

Niko Gießelmann (31, vereinslos)

Timo Baumgartl (27, FC Schalke 04)

Milos Pantovic (27, KAS Eupen, Belgien)

Dominique Heintz (30, 1. FC Köln)

Tim Skarke (26, SV Darmstadt, Leihe)

Jordan Siebatcheu (27, Borussia Mönchengladbach, Leihe)

Malick Sanogo (19, 1. FC Nürnberg)