Union Berlin: Stiller Wutausbruch – warum Trainer Urs Fischer sein Team so hart kritisiert
Plötzlich wurde es dunkel beim 1. FC Union Berlin. Genaugenommen war es sogar zappenduster im Stadion An der Alten Försterei. Eineinhalb Stunden nach der 0:2-Niederlage gegen die TSG Hoffenheim fiel in sämtlichen Räumen für einen Moment der Strom aus.
Ganz so dunkel sieht die sportliche Situation der Eisernen aus Köpenick trotz der vierten Niederlage in Serie natürlich nicht aus. Vom sportlichen Glanz der vergangenen Monate ist die Mannschaft von Trainer Urs Fischer in diesen Tagen dennoch weit entfernt. Fischer schien am Samstag sogar regelrecht schockiert vom Auftritt des Teams zu sein – speziell in der ersten Halbzeit. Mit seinem wohlklingenden Deutsch-Schweizer-Dialekt hat er in den vergangenen Jahren den stetigen Aufwärtstrend in Köpenick begleitet. Nach der Partie gegen Hoffenheim klangen seine Worte jedoch wie Hammerschläge der Kritik. Zwar ruhig vorgetragen, aber in der Sache schmerzhaft deutlich. Man könnte es für Fischers Verhältnisse sogar einen stillen Wutausbruch nennen.
Urs Fischer attestierte seiner Mannschaft eine „Nichtleistung“ in der ersten Halbzeit. Keineswegs zufällig kamen die Gäste in dieser Phase zu ihren Treffern durch Andrej Kramaric in der 22. Minute per Foulstrafstoß sowie Maximilian Beier (38.) und stellten damit schon die Weichen auf Auswärtssieg. „Du kannst dem Gegner auch aus Weg laufen. Das geht so nicht“, kritisierte Fischer das Abwehrverhalten und biss sich vorsorglich auf die Zunge: „Viel mehr will ich lieber nicht sagen, ich bin im Moment etwas angefressen.“
Union Berlin: Was Trainer Urs Fischer vermisst
So viel Kritik an der eigenen Mannschaft hat man von Urs Fischer zuletzt selten gehört. Vor allem die Basics hätten gefehlt, lautete der Kernvorwurf des Trainers an seine Spieler. Klar, ohne diese Grundtugenden kann heutzutage keine Mannschaft der Welt mehr erfolgreich sein. Aber für ein Team wie den 1. FC Union sind sie von geradezu elementarer Bedeutung. Der Aufstieg von der 2. Liga bis in die Champions League wurde nicht durch individuelle Klasse, sondern durch mannschaftliche Geschlossenheit und eben diese Basics auf dem Platz möglich.
Dass seinen Spielern nur drei Tage nach dem glanzvollen Champions-League-Abend im Bernabeu-Stadion gegen Real Madrid möglicherweise die Kraft und die Konzentration für den Bundesliga-Alltag gefehlt haben könnten, ließ der Schweizer nicht als Entschuldigung gelten. Er verwies als Begründung auf den deutlich engagierteren, aber letztlich erfolglosen Sturmlauf in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim. Und außerdem, so Fischer, dürfe man von einem Profi erwarten, dass er „auch mal zwei Spiele innerhalb von drei Tagen spielen kann“.
Nun ist es beileibe nicht so, dass Union Berlin bei den vier Niederlagen am Stück viermal komplett enttäuscht hätte. Zudem verlieren gegen RB Leipzig, beim VfL Wolfsburg, bei Real Madrid und gegen Hoffenheim auch andere Mannschaften. Bei genauerem Hinsehen schleppen die Eisernen jedoch seit Wochen dieselben Probleme mit sich herum. Die anhaltende Offensivschwäche zum Beispiel. In diesen vier Spielen hat Union nur ein einziges Tor erzielt. Sheraldo Becker sucht nach mehrwöchiger Verletzungspause seine Topform. Die hochtalentierten Premier-League-Neuzugänge David Fofana und Branden Aaronson fremdeln nach wie vor mit der Bundesliga. Und auch Kevin Behrens kommt nach seinem Hammerstart in die Saison, als ihn viele Beobachter schon auf dem Weg in die Nationalmannschaft wähnten, derzeit nicht so richtig zum Zuge.
Dazu müssen mit den verletzten Robin Knoche und Rani Khedira zwei wichtige Säulen für das Gleichgewicht in der Defensive weiter pausieren. Beide fehlen nicht nur auf dem Rasen, sondern in der aktuellen Misere auch als Wortführer in der Kabine, um das Team wieder auf Kurs zu bringen. Und Kapitän Christopher Trimmel ist wie zu erwarten nur Teilzeit-Arbeiter. Zuletzt in Madrid und gegen Hoffenheim bekam Josip Juranovic auf der rechten Abwehrseite den Vorzug.
Die Bestandsaufnahme vom aktuellen Kapitän Sheraldo Becker fiel am Samstag ernüchternd aus. „Es ist schwer zu akzeptieren, viel Mal in Folge zu verlieren. Das ist frustrierend, das ist nicht Union Berlin“, räumte Becker ein und ergänzte: „Im Fußball kannst du Spiele verlieren. Entscheidend ist aber, wie wir diese Spiele verloren haben. Das ist das Hauptproblem.“
Union Berlin spielt in Heidenheim
Womit man letztlich wieder bei den Basics, also den Grundtugenden, landet. Die vergangenen Jahre haben vor allem eines gezeigt: Urs Fischer verzeiht seiner Mannschaft so manches. Was er aber niemals verzeihen wird – dass die Basics fehlen.
Natürlich kann man vier Niederlagen in Serie als Krise bezeichnen. Aus Sicht von Union Berlin ist es eher eine Ergebnis-Krise auf hohem Niveau. Im Moment fehlt dem Team ganz einfach auch das Momentum, das den Erfolg der vergangenen Jahre begünstigt hat. Denn für ein Momentum braucht man Siege. In jedem Fall ist die Niederlagenserie eine ganz neue Erfahrung für die meisten Spieler im Team. „Auch solche Phasen gehören zur Entwicklung einer Mannschaft dazu, damit muss man umgehen können“, sagte Fischer am Samstag: „Es wäre schön, wenn es immer nur bergauf gehen würde. Aber manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um zwei nach vorne zu machen.“
Für Union Berlin bedeutet das: Real Madrid und die Königsklasse müssen jetzt erst einmal wieder raus aus den Köpfen. Und es bedeutet auch, zurückzukehren zu den von Urs Fischer geforderten Basics. Seine Spieler seien „erwachsen genug“, um das zu begreifen, formulierte Fischer nett verpackt seine unmissverständliche Erwartungshaltung für die nächsten Trainingstage.
Am Samstag steht dann die nächste Bundesliga-Aufgabe bei Aufsteiger FC Heidenheim an. Sollte Union auch dort verlieren, wäre es ein historischer Moment. Denn fünf Niederlagen in Folge gab es unter Fischer noch nie. Gespielt wird in Heidenheim übrigens um 15.30 Uhr. Eine plötzliche Dunkelheit während des Spiels ist also nicht zu befürchten.



