San Marino entdecken: Urlaub auf dem Titan und Rimini im Blick
Staat im Staate, älteste Republik der Welt, lebendiges Mittelalter oder Shopping Paradies für EU-Bürger - wenn die Rede auf San Marino kommt, kann sich fast jeder eine interessante Seite des fünftkleinsten Landes der Erde aussuchen.
Für die meisten der rund zwei Millionen Besucher im Jahr ist der bebaute Felsen in Sichtweite von Rimini jedoch vor allem eines: ein Tagesausflug und Ablenkung vom einst so berüchtigten Teutonen-Grill.
Über die Zinnen des Torre Guaita aus gesehen scheint das Meer allerdings näher, als es wirklich ist. Hier, vom höchsten Punkt San Marinos aus, sind es zu den breiten Sandstränden der westlichen Adria rund 20 Kilometer. Bei guter Sicht kann man jedoch bis Ravenna im Norden oder Ancona im Süden schauen. Dabei ist der Blick Richtung Wasser ein komplett anderer als ins rückseitige Gebirge. Dort, weiß der geübte Stadtführer, ruht der Namenspatron der seit 1243 existierenden Republik: Marino, der Heilige. Zumindest macht die Silhouette eines Bergrückens uns das glauben. Knapp 1000 Jahre vor Staatsgründung gelangte der Christ und Steinmetz Marino aus Dalmatien über Rimini auf den Berg Titano. Hier suchte er Zuflucht vor den Häschern Kaiser Diokletians, gründete eine Glaubensgemeinschaft und bekam den Felsen von der römischen Patrizierin Donna Felicissima geschenkt.
Die wichtigsten Fakten zu San Marino
- Republik seit 1243 und damit die älteste der Welt
- UNESCO-Welterbe seit 2008
- Wahrzeichen drei Wehrtürme aus dem Mittelalter
- 20 Kilometer von Rimini entfernt
- Nicht Mitglied der EU, daher Mehrwertsteuerbefreiung für Touristen
San Marino vor Jesus
Wer den Stellenwert Marinos wirklich erfahren will, muss die Basilika del Santo besuchen. Hier steht nicht Jesus auf dem Altar unterm Kreuz. Dieser Platz ist dem Namensgeber vorbehalten. Der Sohn Gottes findet sich in der Galerie dahinter wieder, was regelmäßig zu Spannungen bei Papstbesuchen führt.

Marino statt Jesus. Der Namenspatron steht auf dem Altar.
Stefan KlugDoch die San Marinesen sind stolz auf ihre Geschichte und beharrlich bei ihrer Meinung. Das gilt auch für das strikte Neutralitätsgebot, das selbst die größten Despoten der Vergangenheit zu respektieren wussten. Und auch ihre Staatsform haben sie seit Gründung trotz aller Veränderungen im Umfeld unangetastet gelassen. Zwar wählen die Einwohner alle fünf Jahre ein neues Parlament, die Regierungs-Chefs jedoch, von denen es immer zwei gibt, wechseln dagegen alle sechs Monate.
Alle sechs Monate neue Regierungs-Chefs
Die Volksvertreter tagen im Palazzo Pubblico, der insofern zudem seinem Namen gerecht wird, als dass man ihn auch von innen besichtigen kann. Im Eingangsbereich des neugotischen Gebäudes findet im Sommer mehrmals täglich eine Wachablösung statt. Hier hat längst die neue Zeit Einzug gehalten, denn der Artillerie der Guardia di Rocca gehören mittlerweile auch weibliche Soldaten an.

Moderne Zeiten. Eine Soldatin hält Wache vor dem Sitz des Parlaments.
Stefan KlugDer Regierungssitz zählt architektonisch zu den eher jüngeren Gebäuden auf dem Titan. Geprägt wird dessen Bild vor allem durch die drei Türme, die Teile einer mittelalterlichen Wehranlage sind. Neben dem eingangs erwähnten Torre Guaita, dem ersten Turm, stehen normalerweise ebenso der zweite, Cesta, und der dritte, Montale, für Besichtigungen bereit.

Der Passo delle Streghe verbindet den ersten mit dem zweitem Turm. Richtung Osten geht es mehrere hundert Meter in die Tiefe.
VisitsanmarinoDer Passo delle Streghe - der Hexenpass - verbindet Turm eins und zwei und sieht dabei ein wenig aus wie eine kleinere Variante der Chinesischen Mauer, hinter der es steil mehrere hundert Meter in die Tiefe geht. Die alten Gebäude und Festungsanlagen auf dem Monte Titano gehören seit 2008 zum UNESCO-Welterbe, durch das sich serpentinenartig schmale Straßen und Gassen schlängeln.

Alpenfeeling am Titan. Mit der Goldel geht es schnell und Parkplatzfrei in die historische Altstadt.
Stefan KlugWeil es hier oben eben eng zugeht, sind Besucher gut beraten, die seit den 1950 Jahren in Betrieb befindliche Seilbahn zu nutzen. Mit der Doppelmayer-Gondel legt man über 200 Höhenmeter in weniger als zwei Minuten zurück und hat auch keinen Stress mit einem Parkplatz. Innerhalb des Stadtgebietes braucht ohnehin niemand ein Auto - mit Ausnahme der Regierungs-Chefs, die sich mit ihren repräsentativen Limousinen mitten durch die Touristenströme chauffieren lassen. Apropos Gäste: Wenngleich viele ganz sicher auch ein Auge für die historische Bebauung haben, so wälzen sich die Besucherströme doch vor allem durch die Geschäfte. Rein rechnerisch unterhält jeder vierte Einwohner einen Shop.
Shoppen ohne Mehrwertsteuer
Leder- und Bekleidung, Parfümerie und Elektronik sowie - zum Leidwesen der San Marinesen - auch Waffen, wenngleich keine scharfen Schießprügel, dominieren das Angebot. Der Euro ist offizielles Zahlungsmittel, doch der Zwergstaat gehört nicht zur EU. Das macht mal eben eine Mehrwertsteuerersparnis von mindestens 19 Prozent auf den Listenpreis daheim. Ein besonderes Mitbringsel und preisgünstig dazu ist das Visum. Braucht man zwar nicht, macht aber im Pass einen guten Eindruck und kostet nur fünf Euro.
Vor allem die Shopping-Touristen verlassen in den Abendstunden den Titan, was mit Sonnenuntergang San Marino ein völlig neues Feeling verleiht. Wenn Wehrgänge und Gassen in das warme Licht der Laternen getaucht werden, fühlt man sich schnell ein paar Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt. Jetzt entfaltet die Stadt einen besonderen Charme. Und nun schlägt auch die Stunde der Restaurants. Denn die Kulinarik-Szene hoch droben hat einen exzellenten Ruf.
Das Know-how findet sich in Form von traditionellen Nudeln aus San Marino namens Strozzapreti, Piadina, einem typischen Pfannkuchen der Region, oder Bustrengo, einem typischen Reiskuchen auf dem Teller wieder. Auch das lokale Bier „Birrificio Abusivo“ ist bei den Besuchern sehr beliebt. Typische Produkte sind Weine aus der Cantina di San Marino, natives Olivenöl extra, Käse, Fleisch, Milch und Honig. Preislich bewegt man sich hier auf dem Niveau des italienischen Umlandes, mit einem gewissen Höhenzuschlag.
Allein das besondere Ambiente am Abend ist diesen jedoch allemal Wert. Und auch die durchaus frischere Brise, die auf über 700 Metern weht, während Rimini einem Backofen gleicht. Die Ruhe genießen kann man am Folgetag so bis 10.00 Uhr, bevor die Tagesbesucher den Berg erobern.
Tour de France zu Gast
Zu trifft dies in diesem Jahr im wahrsten Sinne des Wortes auf die Radrennfahrer. Denn die erste Etappe der 111. Tour de France wird vom Herzen der Toskana an die Adriaküste nach Rimini führen und dabei über San Marino. Für Amateure sind die zu absolvierenden Höhenmeter vielleicht nur bedingt zu empfehlen, gleichwohl es sich rund um den Titan gut radeln lässt. Überhaupt locken die sieben Distrikte des Kleinststaates mit allerlei Outdoor-Aktivitäten.

Für Radler und E-Mountain-Biker bietet sich auch das Umland an.
VisitsanmarinoDa wäre beispielsweise die 43 Kilometer lange Titano Wanderung, der Naturpark von Montecchio oder die San Marino Experience. Letztere bietet maßgeschneiderte E-Bike-Touren rund um den Kalkstein-Felsen. Nicht zuletzt hat sich über die Jahrhunderte erhaltene Bogenschützen-Tradition zu einer echten Freizeit- und Sportaktivität gemausert. Um die Republik zu verteidigen, wurden einst von der Cerna dei Lunghi Archi von San Marino die „gente cernita“ ausgebildet. Die Fähigkeiten dieser Bogenkünstler können heute Einheimische und Besucher bei speziellen Parcours erlernen.





