Simultan-Übersetzer im Test: Mit dem KI-Dolmetscher auf Reisen

Fremde Sprache? Kein Problem. Die KI übersetzt fast simultan.
TimekettleTrotz Flugscham und steigender Ticketpreise hat die Reiselust der Bundesbürger nach dem Ende von Corona nicht nachgelassen. Doch ein Hauptproblem bleibt: Die Welt spricht nicht nur Deutsch, und selbst Englisch ist nicht immer die Lösung. Früher griff man zu Wörterbüchern, später half Google Translate zumindest im Gebiet des EU-Roamings. Doch heute erobern KI-gesteuerte Dolmetscher den Globus.
Übersetzen auf Knopfdruck in Schrift und Ton oder noch besser simultan wie von Menschenhand ist angesagt. Doch was taugen die Reise-Helferlein. Wir haben zwei unterschiedliche Konzepte getestet.
Beide stammen von Timekettle. Das einstige Start-Up mit Sitz in Shenzhen widmet sich seit rund sechs Jahren der mehrsprachigen Kommunikation. Mittlerweile gehören die Chinesen zu den Marktführern der Branche. Das will man mit zwei aktuellen Geräten untermauern. Da wäre zum einen der klassische Handübersetzer, einer Dolmetscher-App auf dem Smartphone nicht unähnlich. Der Fluentalk T1 Mini ist aber bei den Ausmaßen einer Kreditkarte vergleichbar und damit deutlich kleiner als ein Handy, gleichwohl er die Dicke eines Smartphones hat. Ebenso verfügt er über einen berührungsempfindlichen Bildschirm, über den die rudimentären Einstellungen vorgenommen werden. Die sind mit Schrift-, Online- oder Offline-Übersetzung schnell erklärt und selbsterklärend.
Sprachbarrieren waren gestern
Wie mit Smartphone & Co werden Schriftsätze gescannt und anschließend in die Zielsprache übersetzt. Der Fluentalk macht dafür ein Foto und lässt dann die Software rödeln. Die mag jedoch keine kleinen Schriften und komplexe Texte sowieso nicht. Für letztere ist einfach das Display zu klein. So bleibt der handliche Timekettle also vor allem für die Verständlichmachung von Schildern und kurzen Infos auf Tafeln und Anzeigen. Deutlich umgänglicher erweist sich da die Realtime-Übersetzung im Online Modus. Quell- und Zielsprache auswählen, Knopf drücken, Mikro dem Gegenüber vors Gesicht halten, fertig.

Textübersetzung via Kamera, wie auch beim Handy.
TimekettleDie Übersetzung kommt mit einem minimalen Lag von vielleicht einer Sekunde und wird zudem in Schriftform auf dem Bildschirm dargestellt, inklusive Original. Das klappt dank einjährigem weltweiten Datenvolumen auch ohne WLAN oder teuren mobilen Daten rund um den Globus. Etwas hakelig ist lediglich die Sprachauswahl über ein Dropdown-Menü. Wer Ausgangs und Zielsprache tauschen will, muss umständlich über eine dritte Sprache gehen, da der Fluentalk die gleiche Sprache für Quelle und Übersetzung nicht akzeptiert. Schließlich gibt es noch einen Offline-Bereich, der rein von der Anwendung dem eben beschriebenen gleicht.
Wichtigste Fakten Fluentalk T1 Mini
- Groß wie eine Kreditkarte, nicht dicker als ein Handy
- weltweite Datenoption für ein Jahr inklusive
- 36 Sprachen und 88 Dialekte online verfügbar
- Offline Englisch und Chinesisch mit sieben Sprachen kombinierbar, auch Deutsch
- Textübersetzung mittels Kamera und berührungsempfindlichen Display
85 Prozent der Welt abgedeckt
Allerdings sind ohne Daten-Anbindung die Wahlmöglichkeiten deutlich eingeschränkt. Es gibt nur Kombinationsmöglichkeiten von Chinesisch und Englisch mit jeweils sieben anderen Sprachen, Deutsch immer darunter. Online stehen immerhin 36 Sprachen zur Verfügung. Besonders erwähnenswert, dass sich dazu noch 88 Versionen, also Varianten, gesellen, die Chinesisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Arabisch, Portugiesisch und Tamil betreffen. Das ist alles in allem recht ordentlich.
In Sachen Vielfalt kann der WT2 Edge/W3 noch einen draufsetzen. Während die Übersetzungs-InEars im Offline-Betrieb auf die gleiche Software wie der Fluentalk setzen, stehen bei einer Daten-Verbindung 40 Sprachen in insgesamt 93 Varianten zur Verfügung. Das entspricht in etwa 85 Prozent von dem, was weltweit für die sprachliche Kommunikation zur Anwendung kommt.
Die WT2 Edge/W3 sind dabei eine Kombi aus Übersetzungs-App und Kopfhörern, sehen aus wie derzeit alle InEars. Sie sind allerdings ausschließlich fürs Dolmetschen geeignet. Über den Aufbau schweigt sich Timekettle so einigermaßen aus. Bekannt ist nur, dass die Mikrofone zusammen mit der Software in der Lage sind, zum einen die Stimmen der Anwender von anderen zu unterscheiden und zudem Nebengeräusche so weit möglich auszublenden können. Das soll eine unverfälschte Eingabe der zu übersetzenden Texte ermöglichen.
Merkmale der WT2 Edge/W3
InEars gekoppelt mit App auf dem Handy
40 Sprachen und 93 Dialekte online verfügbar
Englisch bzw. Chinesisch mit sieben anderen Sprachen, auch Deutsch, offline als Zusatz-Paket erhältlich
Vier Anwendungsmodi für unterschiedliche Einsatzgebiete
Um einwandfreies Funktionieren zu gewährleisten, muss die Applikation über die InEars eingearbeitet werden. Dazu werden Texte vorgelesen. Bereits hier zeigt sich, dass für die akkurate Umsetzung durchaus laut und deutlich gesprochen werden muss, was wohl in einigen Einsatzbereichen eher Wunschdenken bleibt. Um dennoch akkurates Dolmetschen gewährleisten zu können, kommen die WT2 Edge/W3 mit vier verschiedenen Betriebsarten daher.
KI übersetzt zweisprachig simultan
Der spektakulärste ist sicherlich der Simultan-Modus. Über die App werden die Sprachen der Partner ausgewählt, jeder erhält einen Ohrstöpsel und schon kann die Unterhaltung beginnen. Mit minimaler Verzögerung übersetzt die Software und lässt eine KI-Stimme das Ergebnis verkünden. Wichtig ist nur, dass abwechselnd gesprochen wird. Und der Satzbau sollte nicht zu kompliziert sein.
Denn die App schweigt nicht etwa, wenn es unlogisch wird. Die künstliche Intelligenz gibt dann aus, was sie zu verstehen glaubt. Da man selbst die Übersetzung nicht hört und auch kaum Kontrolle darüber hat, könnte es im günstigsten Fall kurios, aber auch peinlich werden. Insofern ist von Vorteil, das Handy in der Nähe zu haben. Denn dort wird auf dem Bildschirm in Schriftform das Gespräch protokolliert. Nutzt freilich wenig, wenn man die Zielsprache so gar nicht kennt...

Die KI ermöglicht Gespräche in Echtzeit dank simultaner Übersetzung.
TimekettleEtwas weniger anfällig ist da der Touch-Modus. Auch hier teilen sich die Partner das Paar Ohrhörer und reden wie oben beschrieben. Der Unterschied: Per Tap auf den Earbud wechselt die Eingabe von einem zum anderen. Die Software muss also nicht erkennen, wer spricht und entsprechend handeln, was sich vor allem in lauteren Umgebungen als nützlich erweist. Zudem können im Touch-Modus bis zu drei Paar WT2 Edge/W3 mit einer App gekoppelt werden, was zweisprachige Meetings mit bis zu sechs Personen erlaubt. Ein größerer Personenkreis ist auch für den Hörmodus interessant. Über das Mikro des Smartphones wird die Quellsprache aufgenommen und die Übersetzung an die Ohrhörer übermittelt. Das entspricht in etwa der Simultanübersetzung, wie man sie aus Konferenzen kennt. Praktisch beispielsweise bei Vorträgen in Fremdsprachen.
Hören und Sprechen leicht gemacht
Der Sprecher-Modus dreht dann das eben beschriebene Prinzip um. Der Träger der Ohrstöpsel spricht in seiner Sprache und über den Lautsprecher des Handy wird die Übersetzung ausgegeben. Wenngleich letztgenannte Modi deutlich weniger empfindlich als die beiden ersten sind für Fremdgeräusche, so sichert auch hier klare, laute Sprache mit möglichst unkomplizierter Satzbildung die einwandfreie Übersetzung.

Earbuds der WT2 Edge/W3. Lautsprecher und Mikrofon in einem.
TimekettleFür drei Stunden Konversation am Stück reicht der in den Buds verbaute Akku. Der ist dann nach 90 Minuten in der Ladebox wieder voll betriebsbereit, die insgesamt vier Ladezyklen ohne Stromanschluss zulässt. Zur Ausdauer des Fluentalk T1 Mini macht Timekettle keine Aussage. Nach unseren Test allerdings darf man davon ausgehen, dass er locker zwei Stunden durchhält. Klar dagegen ist, dass mobile Daten genau für ein Jahr nach Erstinbetriebnahme weltweit zu Verfügung stehen. Europa und Asien werden dabei großzügig abgedeckt, Südamerika dagegen kaum. Und auch in Afrika gibt es vor allem weiße Flecken. Nach zwölf Monaten verlangt der Anbieter für den jährlichen Nachschlag nicht ganz 50 Euro. Apropos Kosten: Da die InEars ja über die App gespeist werden, hängt hier alles an der Online-Anbindung des Handys. Wer offline nutzen will, muss das entsprechende Paket gegen Gebühr downloaden. Als virtuelles Zahlungsmittel dienen dabei Fishes, von denen aber bereits im Lieferumfang einige enthalten sind.
Revolution dank KI-Übersetzung
Keine Frage, die Simultanübersetzung ist, wenn sie einwandfrei funktioniert, schon eine Revolution in Sachen KI-Dolmetscherei. Denn sie ermöglicht Konversation mit Menschen, die man normalerweise nicht verstehen würde. Für Vielreisende und Geschäftsleute, die es mit unterschiedlichen Sprachen zu tun haben, ist der Touch-Modus ebenfalls ungemein praktisch, zumal er auch in Gruppen funktioniert. Hörer- und Sprecher-Modus haben ebenfalls eine Daseinsberechtigung. Das durchaus sehr gute Gesamtpaket muss man sich allerdings mit derzeit knapp 350 Euro zuzüglich der Offline-Option relativ teuer erkaufen. Für Normal-Reisende scheint daher der kleine Fluentalk T 1 für weniger als die Hälfte die zumindest preislich interessantere Wahl. Mit den gebotenen Möglichkeiten kommt man durchaus durch die Welt, ohne alle Sprachen beherrschen zu müssen. Dabei eignet sich der Übersetzer vor allem für das gesprochene Wort. Die Textübersetzung beherrschen Apple, Samsung & Co via Smartphone nach unserem Dafürhalten besser.
Test-Fazit KI-Übersetzer
Sich in anderen Ländern oder trotz fremder Sprachen gut zu verständigen war wohl noch nie so einfach. Die KI erlaubt zuweilen simultane Gespräche, besser geht es nicht. Auch wenn es hier und da noch hakt und deutliches als auch langsames Sprechen in möglichst ruhiger Umgebung von Vorteil ist, so sind beide Dolmetscher-Lösungen absolut alltagstauglich. Der Preis für die WT2 Edge/W3 ist ambitioniert, für den Fluentalk T1 Mini moderat, auch angesichts der Tatsache, dass Übersetzungsapps ohne Online-Unterstützung locker mit 50 Euro im Jahr zu Buche schlagen.


