ArcelorMittal Eisenhüttenstadt: Mit Kurzarbeit und Fitness durch die Krise in 2009

Mit Kurzarbeit und Fitness durch die Krise – ruhende Baustelle bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt im Mai 2009: Die dritte Verzinkungsanlage sollte gebaut werden. Nun geht es aufgrund der miesen Wirtschaftslage nicht weiter.
Gerrit Freitag- ArcelorMittal Eisenhüttenstadt leidet 2009 stark unter der Wirtschaftskrise; Kurzarbeit und eingefrorene Investitionen.
- Produktion halbiert, 2200 von 2600 Mitarbeitern betroffen; keine betriebsbedingten Kündigungen.
- Dienstleister stark betroffen, viele Entlassungen in kleineren Firmen.
- Im Sommer leichte Erholung, Auslastung steigt auf 70%.
- Konzern erzielt trotz Krise 85,8 Mio. Euro Gewinn.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Wirtschaftskrise hat ArcelorMittal Eisenhüttenstadt (AMEH) und alle Branchen, die unter anderem mit der Autoindustrie zu tun haben, im Griff. Die Tochter des weltgrößten Stahlproduzenten, die auch Karosserie-Bleche liefert, muss die Produktion drastisch drosseln. Rund 1600 Mitarbeiter sind Anfang des Jahres 2009 in Kurzarbeit.
Wer auf ein schnelles Ende der Maßnahme hofft, wird im März arg enttäuscht. Im Stahlunternehmen in Eisenhüttenstadt wird die Kurzarbeit bis zum Jahresende verlängert. Die Auslastung des Werkes liegt bei 50 Prozent, teilweise darunter. Eine Verbesserung ist nicht absehbar. Im Frühjahr sind 2200 der etwa 2600 Mitarbeiter des Werkes von Kurzarbeit betroffen. Betriebsbedingte Kündigungen gibt es nicht.
ArcelorMittal Eisenhüttenstadt – Dienstleister leiden mehr
Weil das Stahlunternehmen bei der miesen Auslastungssituation gezwungen ist, nur absolut notwendige Dienstleistungen abzurufen, entstehen bei vielen Dienstleistern massive Auftragsrückgänge. Um diese kritische Situation zu meistern, hält ArcelorMittal sehr engen Kontakt zu Lieferanten und Dienstleistern. Jeden Monat finden Dienstleisterabende statt.
Bei kleineren Firmen gibt es aber nicht nur Kurzarbeit, sondern auch Entlassungen. Die Kurzarbeiter der Dienstleister spüren den Arbeitsausfall zudem stärker in der Geldbörse als die von ArcelorMittal. Denn AMEH stockt den Sockelbetrag der Agentur für Arbeit, der bei 60 bzw. 67 Prozent der Lohnkosten liegt, bei den tariflich bezahlten EKO-Angehörigen auf. Das Gesamtentgelt bei Kurzarbeit darf aber maximal 90 Prozent des üblichen Lohns betragen. Kleinere Dienstleister können das Kurzarbeitergeld nicht anheben.

ArcelorMittal Eisenhüttenstadt im Juli 2009: Thorsten Brand (l.) wird neuer Vorsitzender der Geschäftsführung und folgt auf Frank Schulz (r.)
Gerrit FreitagDie Dienstleister versuchen zwangsläufig, auch in anderen Branchen Fuß zu fassen, um nicht zu sehr vom Stahlriesen abhängig zu sein – unter anderem wird in Richtung Papierfabrik geschaut, die in der Nachbarschaft entsteht.
Stahlproduktion auf Niveau der 1950er-Jahre
Der weltweite Konjunktureinbruch hat die deutsche Stahlproduktion im März auf das Niveau der 1950er-Jahre abstürzen lassen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sind rund 50 Prozent weniger Roheisen und Rohstahl hergestellt worden, teilt das Statistische Bundesamt im März 2009 mit. Damit handele es sich um den stärksten Einbruch seit Beginn der gesamtdeutschen Statistik. Im März stellten die Hüttenwerke 1,28 Millionen Tonnen Roheisen und 2,1 Millionen Tonnen Rohstahl her. Das sind 50,3 Prozent weniger Roheisen und 49,8 Prozent weniger Rohstahl als im März 2008.
Beim größten deutschen Stahlkonzern ThyssenKrupp soll es einen tiefgreifenden Konzernumbau geben. Bei ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt läuft seit Ende des vergangenen Jahres ein Stellenabbauprogramm von 750 Jobs über Abfindungen, Altersteilzeit und normale Fluktuation.
Bei den Tarifgesprächen für die 8000 Beschäftigten der ostdeutschen Stahlindustrie haben sich Gewerkschaft und Arbeitgeber unterdessen geeinigt. Laut IG Metall gibt es eine Einmalzahlung von 350 Euro für die Monate April bis Dezember 2009. Ab Januar 2010 werden die Löhne und Gehälter um 2 Prozent erhöht. Wobei die Beschäftigungssicherung in den Tarifverhandlungen eine wichtigere Rolle spielt als die Entgelt-Erhöhung.
Fitness mit Schlips und Kragen
Aber nicht nur die Stahlkrise sorgt für Schweißperlen auf der Stirn vieler Metaller. An allen Standorten von ArcelorMittal in mehr als 60 Ländern wird im April der Health & Safety-Day durchgeführt – mit Sporteinheit, die manch einer sogar in Schlips und Kragen absolviert. An der Vision einer unfallfreien Fabrik wird trotz Krise festgehalten.
Gab es im EKO 1998 noch 132 Unfälle mit Arbeitsausfall, war es 2008 gerade mal einer. Für 2009 leuchtet bislang eine Null auf.
„Stahl muss in Eisenhüttenstadt eine Zukunft haben“, heißt es auf Flugblättern, die im Mai am Werktor von der IG Metall verteilt werden. „Wir fordern Standortsicherheit und klare Perspektive in der Krise.“ Im Berlin, wo eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung ansteht, soll es eine große Kundgebung geben. Hunderte fahren hin.
Im Sommer erste Zeichen von Zuversicht
Im Sommer gibt es gebremste Zuversicht. Im August sagt Thorsten Brand, der seit Juli neuer Vorsitzender der Geschäftsführung von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt ist, dass man den Tiefpunkt der Krise wohl durchlaufen habe. Aber er präsentiert auch ernüchternde Zahlen: Im Brammenwerk lag die Produktion im ersten Halbjahr 2009 mit 446.000 Tonnen nicht mal halb so hoch wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres (973.000 Tonnen), als es bei EKO noch richtig brummte. Heftig sind auch die Umsatzeinbußen. Für dieses Jahr rechnet das Unternehmen mit 938 Millionen Euro, das wären knapp 400 Millionen Euro weniger als im vergangenen Jahr.
Die Zahl der Kurzarbeiter ist indes gesunken. Waren davon vor wenigen Wochen noch 2600 Mitarbeiter betroffen, liegt die Zahl im August bei unter 2000.
Im Dezember sind die Anlagen wieder zu 70 Prozent ausgelastet, nach nur 45 Prozent zu Jahresbeginn. Der einzige große Hochofen, der aufgrund der Krise sogar stillgelegt werden sollte, ist wieder voll ausgelastet. Und der Konzern ArcelorMittal hat trotz eines massiven Auftragseinbruchs 2009 noch einen kleinen Gewinn erzielt. Unter dem Strich blieb ein Überschuss von 85,8 Millionen Euro.
Das neue Jahrtausend bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt – ein historischer Adventskalender
Das neue Jahrtausend zählt 24 Jahre, genauso viele Türen hat ein Adventskalender. Aus diesem Grund öffnen wir bis 24. Dezember jeden Tag das Fenster in ein altes Jahr, und zwar mit Blick auf ArcelorMittal Eisenhüttenstadt.
Hier geht es zu den bereits erschienenen Beiträgen:
- 2001 – Die Stahlwelt wird durchgeruckelt und EKO ist mittendrin
- 2002 – Rassismus als Grund für Kündigung
- 2003 – Massiver Stellenabbau und ZUG geplant
- 2004 – Boom in der Stahlbranche und ein Brand
- 2005 – Lohnverzicht und Millionen für Schulden-Stadt
- 2006 – Milliardär fliegt ein nach Mega-Fusion
- 2007 – Warum 2007 für EKO-Stahl-Mitarbeiter ein Fest war
- 2008 – Erst Formel 1, dann großer Absturz
- 2009 – Mit Kurzarbeit und Fitness durch die Krise
- 2010 – Preisschock – Rohstoffe enorm teuer
- 2011 – Warum eine Glocke den Stahlwerk-Namen trägt
- 2012 – Auto der Zukunft mit neuer Stahl-Sorte
- 2013 – Erfolgreiches Stahl-Jahr und ein Trauerfall
- 2014 – Strompreis bedroht Industrie – Stahl-Chef warnt
- 2015 – Hund schützt Hochofen und zwei Inder rocken Hütte
- 2016 – Ohne Stahl ist alles doof – Groß-Demo in Brüssel
- 2017 – Rekord am Hochofen und eine Auszeichnung
- 2018 – Heißer Tag für Botschafter aus Ukraine
- 2019 – Das kleine Gent in einem Boot mit Bremen
- 2020 – Eine ganz neue Krise – Bahn sorgt 2020 für Good News
- 2021 – Scharfe Kontrollen am Tor und klare Ansage
- 2022 – Schwerer Unfall am Hochofen und große Sorgen
- 2023 – Millionen-Investitionen in LED und Wasserstoff
- 2024 – Wichtige Botschaft von Mittal zum Finale im Jahr 2024











