ArcelorMittal Eisenhüttenstadt: Schwerer Unfall am Hochofen und große Sorgen – 2022

Blick vom Hochofen 5A auf die Industrieanlagen von und bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt. Im Jahr 2022 gibt es dort einen schweren Unfall. Aber das Jahr bringt weitere schlechte Nachrichten.
Gerrit Freitag- ArcelorMittal Eisenhüttenstadt kämpft 2022 mit Ukraine-Krieg, hohen Energiepreisen und einem schweren Unfall.
- CEO Körner fordert schnelle Maßnahmen zur Normalisierung der Energiepreise für die grüne Transformation.
- Kurzarbeit und Produktionsstopps aufgrund gestiegener Kosten und geringer Nachfrage.
- Neue Forschungsabteilung für klimaneutrale Stahlproduktion in Hamburg gegründet.
- 900 Mitarbeiter ab Oktober in Kurzarbeit.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Die grüne Transformation der Stahlindustrie in Deutschland ist nur zu retten, wenn Regierung und Industrie sehr kurzfristig auf die aktuelle Lage reagieren“, erklärt André Körner, der Country Manager ArcelorMittal Germany, aus Eisenhüttenstadt.
Mit einem Weckruf startet ArcelorMittal Germany ins Jahr 2022. Die Preise für Strom und für die Brückenenergie Gas, mit der bereits 70 Prozent weniger CO2 freigesetzt werden als mit Kohle, müssen Körner zufolge schnellstmöglich normalisiert werden. „Wir benötigen den massiven Ausbau grüner Energie für eine mittelfristige Entlastung, aber kurzfristig sollte gesicherte CO2-intensive Kraftwerksleistung nur aus dem Markt gehen, wenn neue umweltfreundliche gesicherte Leistung sie ersetzt. Ansonsten laufen wir Gefahr, die Zukunft von Werken zu riskieren, die sich bereits auf den Weg zu mehr Klimaschutz gemacht haben.“
Ukraine-Krieg und die Folgen
Nur wenige Wochen später wird Holger Wachsmann, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostbrandenburg, sagen, dass die bevorstehende Transformation zum grünen Stahl mindestens so kompliziert sei wie der Kampf um den Standort Eisenhüttenstadt nach der Wende, „wenn nicht komplizierter“. Denn hierbei gehe es um einen komplexen Prozess, nicht nur um eine große Investition.
Aber es gibt weitere Sorgen: Der Stahlkonzern hat auch ein Stahlwerk in der Ukraine, die Russland im Februar 2022 angegriffen hat und in der nun Krieg herrscht. Das Stahlwerk im ukrainischen Kryvyi Rih wird am 3. März stillgelegt. Auch die Produktion in den Untertagebergwerken des Konzerns ist eingestellt worden – die Entscheidungen wurden laut ArcelorMittal getroffen, um vor allem um die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten.
Neben der unmittelbaren Hilfe für die eigenen Mitarbeiter in der Ukraine hat der Stahlkonzern nach eigenen Angaben über Unicef einen Aufruf gestartet. Jeder Euro, den ein ArcelorMittal-Mitarbeiter an Unicef spende, werde vom Unternehmen verdoppelt.
ArcelorMittal Eisenhüttenstadt: Immense Erdgas-Preise
Bereits im März gehen Wirtschaftsexperten davon aus, dass der Ukraine-Krieg die Stahlindustrie beeinflussen wird: Rohstoffverknappung und immense Energiekosten werden den Stahlpreis steigen lassen. Die in die Höhe geschnellten Energiepreise bereiten ArcelorMittal Germany und hier speziell dem Standort Eisenhüttenstadt (AMEH) Kopfschmerzen: „Wenn die Situation länger anhält oder sich noch verschärft, gefährdet dies unsere Transformationspläne für die Herstellung von grünem Stahl, bei der wir besonders in der Übergangsphase Erdgas benötigen.“ Aktuell kann das Unternehmen aufgrund der hohen Preise nicht wie geplant Erdgas im Hochofen einsetzen, um die CO2-Emissionen zu reduzieren.
In dieser herausfordernden Zeit gibt es einen Stabwechsel bei ArcelorMittal Germany: Reiner Blaschek hat Anfang des Jahres von Frank Schulz den Vorsitz der Geschäftsführung bei der ArcelorMittal Germany Holding übernommen. Der Eisenhüttenstädter Schulz geht nach 37 Jahren im Dienst von ArcelorMittal in den Ruhestand. Schulz, der die Funktion seit 2014 ausgeübt hatte und zuvor auch CEO in Eisenhüttenstadt war, hat er unter anderem die Vorbereitungen für den Umbau auf eine klimaneutrale Stahlproduktion entscheidend vorangetrieben.
Schwerer Unfall am Hochofen
Und im Laufe der kommenden Monate folgen vor allem schlechte Nachrichten: Am Hochofen 5A hat sich ein Arbeiter bei Reparaturarbeiten Mitte Juni massive Hautverletzungen zugezogen. Beim Lösen der Schlauchkopplung ist heißes Wasser ausgetreten, das den Mann an einem Arm und den Beinen getroffen hat. Dadurch sei es zu Verbrühungen mit sichtbaren Veränderungen der Haut gekommen. Er wird in einem umliegenden Krankenhaus behandelt.
Ende Juli verkündet das Unternehmen, dass ein Teil der Mitarbeiter an den Walzanlagen ab August in Kurzarbeit muss. Die Nachfrage nach gewalzten Produkten ist gesunken, die Anlagen sind nicht voll ausgelastet. Die Flüssiglinien laufen indes im Normalbetrieb weiter.
Im August sorgen Starkregen und Gewitter nicht nur für den Abbruch des Stadtfestes in einer Nacht, sondern setzt auch ArcelorMittal zu. „Wir hatten im gesamten Werk mit Wassereinbrüchen zu kämpfen“, heißt es von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt. „Es gab auch Anlagen-Stillstände.“ Das Warmwalzwerk stand komplett. Im Roheisenwerk war der Hochofen 5A betroffen. Im Kaltwalzwerk blieben Probleme auch nicht aus.
Im September stellt ArcelorMittal Germany aufgrund der exorbitant gestiegenen Energiepreise zwei Anlagen ab. Ein Hochofen am Flachstahlstandort Bremen wird außer Betrieb genommen, genau wie die Direktreduktionsanlage im Hamburger Langstahlwerk. Zudem wird es auch dort Kurzarbeit geben.
ArcelorMittal: Kurzarbeit für noch mehr Beschäftigte
Und Kurzarbeit bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt (AMEH) aufgrund der schlechten Auftragslage und der gestiegenen Kosten wird ab Oktober noch mehr Beschäftigte betreffen als im August. Ab Oktober werden rund 900 Mitarbeiter von insgesamt 2700 Beschäftigten in Kurzarbeit gehen. Diese sind im Warmwalzwerk (WWW) und im Kaltwalzwerk (KWW) tätig. Aber auch für Teile der Verwaltung gilt die Kurzarbeiterregelung.
Im Rahmen der offiziellen Inbetriebnahme einer neuen modernen Entladevorrichtung bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt bekräftigt CEO Reiner Blaschek trotz Energiekrise: „Wir wollen Stahl weiter in Deutschland produzieren, auch hier in Eisenhüttenstadt.“ Deshalb werde weiter investiert.
Und weil der Blick trotz Krise nach vorn gerichtet ist, gründet ArcelorMittal im Dezember eine Forschungsabteilung für klimaneutrale Stahlproduktion in Deutschland. Deren Sitz ist in Hamburg. Das neu geschaffene Team wird eng mit der globalen Forschungs- und Entwicklungsabteilung von ArcelorMittal und den vier deutschen Standorten in Bremen, Duisburg, Eisenhüttenstadt und Hamburg zusammenarbeiten.
Ach ja, gefeiert wird auch, und zwar das Hüttenfest im September: Im Normalfall hätte dieses bereits zum 70. Geburtstag des Werkes stattgefunden. Doch Corona ließ diese Tradition nicht zu. Nun wird es 2022 nachgeholt.
Das neue Jahrtausend bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt – ein historischer Adventskalender
Das neue Jahrtausend zählt 24 Jahre, genauso viele Türen hat ein Adventskalender. Aus diesem Grund öffnen wir bis 24. Dezember jeden Tag das Fenster in ein altes Jahr, und zwar mit Blick auf ArcelorMittal Eisenhüttenstadt.
Hier geht es zu den bereits erschienenen Beiträgen:
- 2001 – Die Stahlwelt wird durchgeruckelt und EKO ist mittendrin
- 2002 – Rassismus als Grund für Kündigung
- 2003 – Massiver Stellenabbau und ZUG geplant
- 2004 – Boom in der Stahlbranche und ein Brand
- 2005 – Lohnverzicht und Millionen für Schulden-Stadt
- 2006 – Milliardär fliegt ein nach Mega-Fusion
- 2007 – Warum 2007 für EKO-Stahl-Mitarbeiter ein Fest war
- 2008 – Erst Formel 1, dann großer Absturz
- 2009 – Mit Kurzarbeit und Fitness durch die Krise
- 2010 – Preisschock – Rohstoffe enorm teuer
- 2011 – Warum eine Glocke den Stahlwerk-Namen trägt
- 2012 – Auto der Zukunft mit neuer Stahl-Sorte
- 2013 – Erfolgreiches Stahl-Jahr und ein Trauerfall
- 2014 – Strompreis bedroht Industrie – Stahl-Chef warnt
- 2015 – Hund schützt Hochofen und zwei Inder rocken Hütte
- 2016 – Ohne Stahl ist alles doof – Groß-Demo in Brüssel
- 2017 – Rekord am Hochofen und eine Auszeichnung
- 2018 – Heißer Tag für Botschafter aus Ukraine
- 2019 – Das kleine Gent in einem Boot mit Bremen
- 2020 – Eine ganz neue Krise – Bahn sorgt 2020 für Good News
- 2021 – Scharfe Kontrollen am Tor und klare Ansage
- 2022 – Schwerer Unfall am Hochofen und große Sorgen
- 2023 – Millionen-Investitionen in LED und Wasserstoff
- 2024 – Wichtige Botschaft von Mittal zum Finale im Jahr 2024













