2. Weltkrieg in Wriezen
: Erinnerungen an japanischen Arzt Dr. Nobutsugu Koyenuma

UPDATE 8. März : Vor 80 Jahren waren in Wriezen die von der Flucht heimkehrenden und aus dem Osten vertriebenen Menschen von einer Typhus-Seuche betroffen. Zeitzeugenberichte schildern, wie ein Arzt aus Japan ihnen half.
Von
Ulf Grieger
Wriezen
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Stilles Gedenken auf dem Friedhof in Wriezen. Gemeinsam mit Shino Mitsuko, außerordentliche und bevollmächtigte Botschafterin von Japan in Deutschland, erinnerten Wriezener am 8. März des japanischen Arztes Dr. Koyenuma. Er hatte nach Kriegsende vielen Menschen in der Stadt und im Oderbrch  geholfen.

Stilles Gedenken auf dem Friedhof in Wriezen. Gemeinsam mit Shino Mitsuko, außerordentliche und bevollmächtigte Botschafterin von Japan in Deutschland, erinnerten Wriezener am 8. März des japanischen Arztes Dr. Koyenuma. Er hatte nach Kriegsende vielen Menschen in der Stadt und im Oderbruch geholfen.

Ulf Grieger
  • Dr. Nobutsugu Koyenuma, ein japanischer Arzt, half 1945 in Wriezen bei der Bekämpfung einer Typhus-Epidemie und starb 1946 an der Krankheit.
  • 1994 wurde er posthum zum Ehrenbürger von Wriezen ernannt, und es gibt eine ständige Ausstellung im Rathaus.
  • Wriezen pflegt eine Freundschaft mit Koyenumas Geburtsort, Hachioji; jährliche Ehrungen und Papierkraniche stärken die Verbindung.
  • Ein Denkmal und zahlreiche Veranstaltungen erinnern an Koyenumas Verdienste.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

In Wriezen hat der Krieg vor 80 Jahren besonders schlimm gewütet. Am 4. April 1945 erhielt die Kleinstadt den Räumungsbefehl. Beschuss und Bombenabwürfe zerstörten dort ab Mitte April das über Jahrhunderte gewachsene Stadtbild. Wenige Tage danach gab es nur noch rauchende Trümmer.

Für die von einer Typhus-Seuche betroffene Bevölkerung begann eine schwere Zeit. Ein Arzt zeichnete sich bei der Seuchenbekämpfung dabei ganz besonders aus: der Japaner Dr. Nobutsugu Koyenuma. Er half im Jahr 1945, wo er nur konnte und starb im Frühjahr 1946 selbst an Flecktyphus.

Seit vielen Jahren erinnern die Wriezener an diesen Arzt, der am 3. Juli 1994 posthum zum Ehrenbürger der Stadt Wriezen für seine Verdienste um die Seuchenbekämpfung ernannt worden war. Zahlreiche Veranstaltungen sind dem Arzt gewidmet. Zwischen Wriezen und Koyenumas Geburtsort Hachioji besteht ein Freundschaftsvertrag. Anlässlich des Todestages von Dr. Koyenuma findet auch in diesem Jahr wieder eine Ehrung statt: Am Samstag (8. März) hat  auf dem Friedhof Wriezen  eine kleine Kranzniederlegung an seinem Grab stattgefunden, an der auch Shino Mitsuko, außerordentliche und bevollmächtigte Botschafterin von Japan in Deutschland, teilgenommen hat.

Gänsehautmoment – Zeitzeugin meldet sich am Telefon

Stadtverordnete und Ortsvorsteher waren gemeinsam mit Bürgermeister Karsten Ilm (CDU)  sowie Mitarbeitern der Verwaltung und Bürgern zum Ehrengrab für Dr. Nobutsugu Koyenuma gegangen. Dort erinnerte Ilm an den jungen Arzt, der sich selbst aufgeopfert hat, um den verzweifelten Menschen zu helfen. Die Stadt werde immer sein ehrenden Andenken bewahren.

Japans Botschafterin Shino Mitsuko sprach den Wriezenern dafür ihren Respekt und Dank aus. Sie freue sich, erstmals in Wriezen zu sein. Erst m November 2024 hatte sie ihre Aufgabe übernommen. Angesichts der schwierigen internationalen Lage sei es besonders wichtig, dass die Menschen Japans und Deutschlands miteinander in Kontakt sind und Freundschaft pflegen. Das sei ein wichtiges Fundament für die Beziehungen. „Wriezen ist ein wertvoller Ort"“, so  Shino Mitsuko.

Eintrag ins Ehrenbuch der Stadt Wriezen:

Eintrag ins Ehrenbuch der Stadt Wriezen: Bürgermeister Karsten Ilm bedankt sich bei Shino Mitsuko, Botschafterin von Japan, für ihre Besuch in der Oderbruchstadt.

Ulf Grieger

Am Denkmal für Dr. Koyenuma informierte Juliane Ehlert die Botschafterin Japans über ein Projekt der Wriezener Johanniter-Schulen mit ihrer Partnerschule im japanischen Hachioiji. Dabei tauschen Grundschüler Zeichnungen  aus und erläutern sie einander.

Wie lebendig die Erinnerung an den japanischen Arzt Dr. Nobutsugu Koyenuma im Oderland heute noch ist, machte  Helga Schur aus Neubarnim deutlich. Noch während des Besuchs der Botschafterin rief die 92-Jährige an und erzählte, dass Dr. Koyenuma sie vor 79 Jahren behandelt hatte. Ein Gänsehautmoment.

Sie war an der Ruhr erkrankt und ihr Vater habe damals den Arzt aus Wriezen geholt. „Ich weiß noch, wie er im Februar 1946 in seinem grauen Mantel an meinen Bett stand“, berichtet sie. Erst im Mai 1946 sei sie wieder genesen. Doch da lebte Dr.  Koyenuma schon nicht mehr.

Projker der schulen in Japan und wtroezen

Projekt  der Schulen in Japan und Wriezen: Am Denkmal für Dr. Koyenuma informierte Juliane Ehlert die Botschafterin Japans über ein Projekt der Wriezener Johanniter-Schulen mit ihrer Partnerschulen im japanischen Hachioiji. Dabei tauschen Grundschüler Zeichnungen aus und erläutern sie einander.

Ulf Grieger

Zeitzeugenberichte aufbewahrt

80 Jahre nach Kriegsende nimmt die Zahl der Zeitzeugen ab. Die Stadt hat aber aufbewahrt, was die Wriezener über den Arzt Dr. Koyenuma zu berichten wussten, der im September 1945 von dem sowjetischen Bezirkskommandanten nach Wriezen beordert worden war, um dort als leitender Arzt die grassierenden Infektionskrankheiten, vor allem den Flecktyphus, zu bekämpfen. Die Seuchen-Station war in dem Gebäude des heutigen Rathauses von Wriezen eingerichtet worden.

„Die Silvesternacht 1945/46 haben wir zusammen gefeiert. Aber was heißt feiern: Es gab ja nichts. Wir haben zusammen gesessen und uns unterhalten.“ So erinnerte sich der Vevaiser Kurt Müller, Jahrgang 1928, anlässlich der Einweihung des Denkmals Anfang Juli 2000. Der damals knapp 37-jährige Japaner hatte Müller behandelt. Es war das letzte Silvester, dass der japanische Mediziner Dr. Koyenuma erleben sollte. Am 8. März 1946 starb der Arzt an der Krankheit, gegen die er monatelang in Wriezen angekämpft hatte: Typhus.

In der ständigen Dr. Koyenuma-Ausstellung im Rathaus Wriezen: Dort hat auch die vom Bad Freienwalder Künstler Axel Anklam vor 25 Jahren geschaffene Koyenuma-Büste ihren Platz gefunden.

In der ständigen Dr. Koyenuma-Ausstellung im Rathaus Wriezen: Dort hat auch die vom Bad Freienwalder Künstler Axel Anklam vor 25 Jahren geschaffene Koyenuma-Büste ihren Platz gefunden.

Ulf Grieger

Johanna Fiedler war 17 Jahre alt, als sie bei dem japanischen Arzt als Hilfsschwester anfing. Es war die Zeit, als in Räumen der Stadtverwaltung Typhus- und Ruhr-Erkrankte aus der Region behandelt wurden, während einige Zimmer weiter immer neue Flüchtlinge eintrafen und um Medikamente bettelten. „Dr. Koyenuma wollte allen helfen. Es war ergreifend, wie er sich mit ganzem Herzen für alle Patienten einsetzte“, erinnerte sich die Frau 2004 an die vermutlich schlimmsten Tage ihres Lebens. „Es waren Bilder des Grauens.“

Knapp sieben Monate lang, von September 1945 bis zum März 1946, hatte Johanna Fiedler dem Arzt aus Japan geholfen, der im zerbombten Wriezen vor allem gegen den Typhus kämpfte und heute dafür als Held verehrt wird. Vor der Wende sei in Wriezen kaum an die Verdienste des Mediziners erinnert worden.

Koyenuma-Dokumentation im Rathaus Wriezen: Menschen aus Wriezen und Koyenumas japanischer Geburtstadt Hachiōji  haben das Leben des engagierten Arztes erforscht und tauschen sich darüber aus.

Koyenuma-Dokumentation im Rathaus Wriezen: Menschen aus Wriezen und Koyenumas japanischer Geburtsstadt Hachiōji haben das Leben des engagierten Arztes erforscht und tauschen sich darüber aus.

Ulf Grieger

Hunger quälte Patienten und Personal

Die erste Begegnung mit Dr. Koyenuma hat sich Johanna Fiedler tief eingeprägt. Der Arzt war von Berlin über Eberswalde nach Wriezen gekommen. Dort zog er umgehend in das Krankenhaus ein, in dem er bald Tag und Nacht verbrachte. „Von Anfang an standen ihm sieben Rot-Kreuz-Helferinnen, drei Küchenkräfte und ein Hausmeister zur Verfügung“, erzählte die einstige Krankenschwester 2004. Auf der nur notdürftig ausgestatteten Station standen Holzbetten, auf die Stroh gestreut worden war. Wolldecken sorgten dafür, dass die Kranken wenigstens etwas bequemer lagen. Der Hunger quälte Patienten und Personal gleichermaßen. Schrotsuppe und an besseren Tagen auch Brot standen auf dem Speisenplan, der vom Mangel diktiert wurde. Weil es an Medizin fehlte, war der Kampf um das Leben der Typhus-Opfer oft vergeblich.

Karl Tamme dagegen war damals erst vier Jahre alt. Er und seine Mutter gehörten zu den unzähligen Menschen, die sich mit dieser schweren Krankheit infiziert hatten. Dass Hilfe dort am nächsten ist, wo sich die größte Not befindet, erfuhren auch diese beiden. „Wie mir später meine Mutter erzählte, sollten wir erst in eine überfüllte Baracke. Dort wären wir wahrscheinlich nicht mehr lebend herausgekommen. Dr. Koyenuma hat uns daheim behandelt und das war unser Glück“, erzählte der Wriezener 2002.

Gelebte Freundschaft zwischen Wriezen und der japanischen Geburtsstadt von Dr. Koyenuma: Vor kurzem kamen neue Briefe, Bastelarbeiten aus Hachioji an. Bürgermeister Karsten Ilm freut sich darüber.

Gelebte Freundschaft zwischen Wriezen und der japanischen Geburtsstadt von Dr. Koyenuma: Vor kurzem kamen neue Briefe, Bastelarbeiten aus Hachioji an. Bürgermeister Karsten Ilm freut sich darüber.

Ulf Grieger

Seit zehn Jahren Kranich-Grüße aus Japan

Wie lebendig die Verbindung zwischen Wriezen und Hachioji, der japanischen Geburtsstadt von Dr. Koyenuma ist, zeigt Bürgermeister Karsten Ilm. Auch in diesem Jahr sind bereits zahlreiche Briefe und Bastelarbeiten aus Japan angekommen. Shiyake Kazuo, der Bürgermeister der 560.000-Einwohner-Stadt Hachioiji City, hat sich an die Wriezener gewandt: „Auch in diesem Jahr haben Schüler, Ehrenamtliche und Bürger aus Anlass des Todestages für seine ewige Ruhe in Frieden gebetet und 1000 Kraniche aus Papier gefaltet“, schreibt er. Zum 10. Mal bereits wurden 2025 diese Papierkraniche nach Wriezen gesandt.

1991 entstanden die Kontakte: Zwischen dem damaligen Wriezener Bürgermeister Uwe Siebert und den in Tokio wohnenden Angehörigen des Verstorbenen gab es einen Briefwechsel. Journalisten aus dem Land der aufgehenden Sonne versprachen bei einem Besuch in Wriezen, in ihrem Land einen Aufruf zu Spenden für ein Denkmal zu starten.

Durch die Medienberichte in Japan und den Künstler Yokoo Tatsuhiko erfuhr auch Yasuhito Sasaki von dem Schicksal Dr. Koyenumas. Der Generaldirektor des „National Institute of Radiotogial Sciences“ der japanischen Hauptstadt besuchte ebenfalls Wriezen und versprach, in Japan weitere Hebel in Bewegung zu setzen. Zwischenzeitlich erschien in Japan auch das Buch „Kirschbäume in Wriezen‘“.

Der von einem japanischen Autor verfasste Roman ist die eindrucksvolle Geschichte des japanischen Arztes, der den Typhus bekämpfte und selbst der Krankheit erlag. Innerhalb kurzer Zeit kam ein ansehnlicher Betrag zusammen, der es ermöglichte, den Stein in Auftrag zu geben. Yokoo Tatsuhiko, der damals zeitweise in Metzdorf arbeitende Künstler, verzichtete spontan auf Honorar für seine künstlerische Arbeit. Anfang Juli 2000 wurde das Denkmal in Wriezen eingeweiht.

Einweihung des Koyenuma-Denkmals in Wriezen Anfang Juli 2000 mit den Künstlern und Axel Anklam (rechts).

Einweihung des Koyenuma-Denkmals in Wriezen Anfang Juli 2000 mit den Künstlern Yokoo Tatsuhiko und Axel Anklam (rechts).

Hannelore Siebenhaar/MOZ-Archiv

Fleckentyphus

Fleckfieber oder Flecktyphus, auch Typhus exanthemicus, Kriegspest, Läusefieber, Läusefleckfieber, Lazarettfieber oder Faulfieber, ist eine Infektion mit Bakterien der Gattung Rickettsien (Rickettsia prowazekii oder Rickettsia prowazeki), die durch Läuse, vor allem die Kleiderlaus, übertragen wird.

Die Infektion kann überall auf der Welt vorkommen. Sie wird in der Regel von Kleiderläusen übertragen, wenn ihr Kot durch Risse in der Haut oder manchmal über die Schleimhäute der Augen oder des Mundes in den Körper gelangt. In den Vereinigten Staaten leiden Personen gelegentlich nach einem Kontakt mit Flughörnchen am epidemischen Fleckfieber.

Diese Infektion wird als epidemisches Fleckfieber bezeichnet, weil sie in der Vergangenheit große Ausbrüche (Epidemien) verursacht hat, bei denen zahlreiche Menschen ums Leben kamen. Solche Epidemien sind heutzutage selten, aber kleinere Ausbrüche sind vor Kurzem in Afrika aufgetreten. Das epidemische Fleckfieber breitet sich am besten in überfüllten, unhygienischen Bedingungen aus, wie es bei Krieg oder Unruhen oder in Gegenden mit extremer Armut der Fall ist.

Rickettsien sind eine Bakterienart, die nur in einem anderen Organismus überleben kann. Die Rickettsien, die das epidemische Fleckfieber verursachen, leben normalerweise im Menschen (Wirt). In Nordamerika können diese Rickettsien aber auch in Flughörnchen vorkommen.

Nach Schätzungen der WHO stirbt einer von 5.000.000 Menschen pro Jahr an Fleckfieber. Die Erkrankung ist insgesamt auf dem Rückmarsch. Sporadische Erkrankungen wurden in den letzten Jahren (Stand 2020) u. a. aus Algerien, Peru und Ruanda gemeldet.