Krieg in Beeskow
: Wie Beeskow vor 80 Jahren bombardiert und zerstört wurde

Der Beeskower Eberhard Keil erzählt über die letzten Weltkriegstage in Beeskow, die er als Kind erlebt hat. Jetzt gibt es zudem eine Broschüre über diese Zeit.
Von
Eberhard Keil
Beeskow
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Eberhard Keil an den Gräbern deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Beeskower Hauptfriedhof.

28.04.2020 Beeskow, Hauptfriedhof, Gräber der deutschen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg. Eberhard Keil

Eberhard Keil an den Gräbern deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Beeskower Hauptfriedhof.

Jörn Tornow
  • Beeskow wurde im April 1945 während des Zweiten Weltkriegs bombardiert und schwer zerstört.
  • Die Bevölkerung musste nach einem verheerenden Angriff am 23. April die Stadt verlassen.
  • Viele Gebäude brannten nieder, und es gab zahlreiche Tote und Verletzte.
  • Die Rückkehrer fanden eine Stadt im Chaos vor und mussten sich selbst versorgen.
  • Eine Broschüre über diese Zeit ist jetzt erhältlich.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Für uns Kinder war diese Zeit im April 1945 sehr spannend und interessant. Die Schule fiel natürlich aus. Zu Hause hielten wir uns nur sehr wenig auf, denn überall gab es etwas zu entdecken. Kolonnen von Soldaten mit Kriegsgeräten zogen durch die Stadt und warteten auf dem Bahnhof auf den Abtransport nach Osten. Da waren wir Kinder „mittendrin“ oder spielten in den Wäldern. Dabei richteten wir immer den Blick gen Himmel, denn oftmals tauchten unmittelbar Tiefflieger auf. Andererseits waren wir schon gewohnt, dass auch am Tage anglo–amerikanische Bomberverbände unsere Stadt in Richtung Berlin überquerten.

Unsere Eltern konnten sich nur wenig um uns kümmern, denn sie hatten in dieser Zeit große Sorgen um ihre und unsere Zukunft. Was wird, wenn die Front durch Beeskow rollt und die „Russen“ kommen? Die Nazis hatten mit ihrer Propaganda sehr furchtbare Szenarien gezeichnet und dadurch die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt.

Beeskow im April 1945

Beeskow im April 1945

Beeskow im April 1945

Archiv Eberhard Keil

Die Lage für die Stadt wurde im April 1945 sehr ernst. Obwohl die Bevölkerung schon ab Februar 1945 das ständige Grollen von der nahenden Front hörte, blieb Beeskow bis dahin von den Kriegsauswirkungen weitgehend verschont. Erstmals am Nachmittag des 20. April wurde die Stadt von sowjetischen Bombern angegriffen. Doch die ersten Bomben verfehlten ihr Ziel, die kleine Spreebrücke. Dr. Marsch, damals Chefarzt des Beeskower Krankenhauses, registrierte drei Tote und sechs Verletzte. Im Laufe des Tages erfolgten weitere Bombenangriffe, die aber nur begrenzte Wirkung hatten. So fielen Bomben in der Nähe des Beeskow–Werks im Luch (heute Feuerwehrgelände), des Krankenhauses (Eugen–Richter–Straße) und der Katholischen Kirche.

Krieg trifft Beeskow

Am 23. April traf der Krieg Beeskow dann mit voller Gewalt. Zwischen 15 und 18 Uhr bombardierten sowjetische Flugzeuge in Staffeln von 10 bis 15 Maschinen aus Richtung Bornow kommend die Stadt. Die Bevölkerung war völlig überrascht, denn eine Vorwarnung hatte es nicht gegeben. In unserem Geschäft am Markt (jetzt Spree–Apotheke) drängelten sich viele Kunden, da auf Befehl des Stadtkommandanten Lebensmittel kostenlos an die Bevölkerung abgegeben wurden. Als die ersten Bomben fielen, flüchteten einige Kunden in unseren Keller, andere versuchten wollten noch nach Hause.

Mein Vater Fritz Keil wollte gerade den Laden schließen als im gegenüberliegenden Haus in der Bodelschwinghstraße 37 eine Bombe einschlug und ein Splitter seine Halsschlagader aufriss. Im Bombenhagel versuchte meine Mutter noch einen Arzt zu finden. Es kam Dr. Kempf, doch er konnte nicht mehr helfen. Viele Gebäude der Stadt wurden zerstört oder brannten nieder, so das große Baugeschäft und Sägewerk Max Tödter, Teile der Burg, Wohnhäuser in der Gartenstraße und in der Nähe der Brücken. Viele Tote und Verwundete waren nach dem dreistündigen Bombenangriff zu beklagen.

Sofortige Evakuierung der gesamten Stadt angeordnet

Auf Befehl des Stadtkommandanten mussten sofort noch am 23. April alle Beeskower Bürger die Stadt verlassen. In den Vortagen hatten sich schon viele auf diese Flucht vorbereitet, die Front verlief ja nur wenige Kilometer östlich der Stadt. Nach dem verheerendem Bombenangriff verließen viele Menschen die Stadt in Richtung Kohlsdorf und Bornow. Dabei kämpften sich Frauen und Kinder — die Männer waren fast alle im Krieg — mit ihren bepackten Hand– und Pferdewagen durch die zum Teil zerstörten Straßen und Wege. Der größte Teil der Beeskower zog in der Zeit vom 24. bis 28. April in Richtung Märkisch–Buchholz: in der Hoffnung, noch aus dem Kessel, den die Rote Armee von Cottbus und Königs Wusterhausen kommend langsam schloss, in Richtung Westen zu entkommen. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Wir Flüchtlinge gerieten bei Halbe mitten in das Kampfgeschehen. Viele Familien wurden getrennt, Kinder waren sich selbst überlassen. Mehr als 40 000 Menschen starben in jenem berüchtigten Kessel von Halbe, fast 30 000 von ihnen liegen heute auf dem dortigen Waldfriedhof, einer der größten Kriegsgräberstätten Deutschlands.

Auch viele Beeskower kamen bei diesen Kämpfen ums Leben. Noch unter dem Eindruck dieser dramatischen Erlebnisse erreichte ein großer Teil gegen Ende April wieder seine Heimatstadt. Ihnen bot sich ein schreckliches Bild. Zu den Zerstörungen durch den Bombenangriff kamen erhebliche Schäden durch die Kämpfe. Viele Brände wüteten und zerstörten ganze Häuserzeilen. Die Kirche, wo ich mit dem Uhrmachergehilfen Peter noch wenige Tage vorher die Kirchturmuhr aufgezogen hatte, war ausgebrannt und die große Spreebrücke gesprengt.

Zuversicht aus Chaos schöpfen

Die Rückkehrer fanden ein furchtbares Chaos vor. Zu dieser Zeit gab es keinen Staat, der helfend materiell oder finanziell eingriff. Jeder musste selbst klarkommen. Wer Wohnung oder Haus verloren hatte, fand Unterkunft in der freigezogenen Kaserne, in Schulen oder bei Bekannten. Die Frauen hatten eine besondere Last zu tragen, denn zum überwiegenden Teil waren die Männer noch in Gefangenschaft oder gefallen.

Wir Kinder blieben weiter uns selbst überlassen. Die Schule fiel bis zum Herbst 1945 aus. Unser gesamter Jahrgang musste die 6. Klasse wiederholen. Die Mütter wurden zu Enttrümmerung und Aufräumungsarbeiten verpflichtet und hatten täglich Sorge, die Kinder zu versorgen. Auch aufkommende Krankheiten wie Diphtherie, Scharlach, Typhus und Kinderlähmung verbreiteten zusätzliche Ängste.

Heute im April 2020, 75 Jahre nach den Geschehnissen, sehen wir: Damals fanden die Bewohner der Stadt nach diesem totalen Zusammenbruch wieder zu einem normalen Leben zurück. Das sollte nicht in Vergessenheit geraten und Zuversicht für die Bewältigung heutiger Probleme geben.

Diesen Text haben wir ursprünglich am 4. Mai 2020 zum 75-jährigen Ende des zweiten Weltkrieges publiziert. Mittlerweile gibt es weitere Forschungsergebnisse und Erinnerungsberichte zu den Kriegsereignissen in Beeskow. Diese sind in einem Heimatheft von Egbert Langhof, Bernd Trabandt, Bodo Kruse und Kristina Geisler, das auch Material von Fritz-Reinhard Quitter enthält, unter dem Titel „Beeskow 1945 - Eine Woche im April“ veröffentlicht. Das Heimatheft (Nr.34) ist unter anderem in der Bibliothek Kupferschmiede und in der Stadtinformation zum Preis von 5 Euro erhältlich.