Konzert in Wandlitz
: Opernsängerin Nicole Rhoslynn – „Ich sterbe sehr gerne“

Beim Opern- und Operettennachmittag im Goldenen Löwen in Wandlitz ist Sopranistin und Vintage-Model Nicole Rhoslynn aus Berlin zu Gast. Entdeckt wurde sie von einer Wandlitzerin.
Von
Tilman Trebs
Wandlitz
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Opernsängerin Nicole Rhoslynn tritt in Wandlitz auf, Juni 2024

Die Opernsängerin Nicole Rhoslynn tritt in Wandlitz auf.

Nicole Rhoslynn

Wenn Nicole Rhoslynn früher auf Partys gefragt wurde, was sie beruflich macht, hat sie manchmal erzählt, sie würde Betriebswirtschaftslehre studieren. Schlichtweg, um der anschließenden Bitte zu entgehen, doch mal etwas vorzusingen. Dabei tut sie genau das für ihr Leben gern. Nicole Rhoslynn ist Opernsängerin. Ihr Beruf ist es, auf der Bühne zu stehen und den weiblichen Figuren aus „Zauberflöte“ und „La Bohème“ Leben einzuhauchen; als Pamina, Liu und Mimi oder auch mal als Schmetterling, wie in Madama Butterfly.

„Ich habe einen Drang zu tragischen Rollen. Ich sterbe sehr gerne“, sagt sie und lacht. Nicole Rhoslynn ist ein gutes Beispiel für all jene, die so lange ihren Kindheitstraum verfolgten, bis er wahr wurde. Am Sonnabend, 22. Juni, steht sie beim Opern- und Operettennachmittag im „Goldenen Löwen“ in Wandlitz auf der Bühne (Beginn 17 Uhr, Einlass ab 16 Uhr).

Sängerin gab schon als Kind Konzerte in den USA und Südamerika

Ihre Karriere begann früh. Schon als Kind reiste sie mit verschiedenen Chören durch die Welt, gab Konzerte in den USA und Südamerika. Mit 15 Jahren folgte die Ausbildung im klassischen Gesang, angeregt durch die gefeierten Gesangstalente jener Zeit. „Ich habe damals all mein Geld für CDs und Bücher von Anna Netrebko ausgegeben“, erzählt sie und schwärmt vom warmen und weichen Timbre der Sopranistin, die sie als Violetta in La Traviata bewunderte.

Dass sie ihre Liebe zur Musik einmal selbst beruflich verfolgen würde, stand für Rhoslynn trotzdem lange nicht zur Debatte. „Ich wollte ursprünglich Zahnärztin werden, später dann Jura oder Chemie studieren“, sagt sie. Bis ihr damaliger Chorleiter auf sie zukam und den Anstoß gab, ihre Stimme professionell ausbilden zu lassen. „Er erzählte mir von den verschiedenen Richtungen, die man einschlagen könnte. Meine Entscheidung für die Oper fiel aus dem Bauch heraus. Ich würde mich immer wieder so entscheiden.“

Wandlitzerin entdeckte Nicole Rhoslynn beim Theatersommer

Dass sie letztlich als Stipendiatin bei Maestro Césare Colona in Berlin landete, war ein glücklicher Zufall für Nicole Rhoslynn, die nach dem Abitur eigentlich geplant hatte, ein Gesangsstudium in Wien anzutreten. Die Aufnahmeprüfung hatte sie bereits erfolgreich absolviert, einen Monat später sollte es für sie nach Österreich gehen. Es war die Wandlitzerin Helga Matthus, Vorsitzende des Internationalen Gesangsstudio und Ehefrau des 2021 verstorbenen Komponisten Siegfried Matthus, die sie beim Theatersommer in Netzeband aus dem Publikum heraus entdeckte, ansprach und ihr dringlichst ans Herz legte, nach Berlin zu gehen. Für Nicole Rhoslynn einer der größten Glücksfälle ihres Lebens, wie sie heute sagt.

Hier wurde ihre Stimme auf ein ganz neues Niveau gehoben und sie konnte weiter an ihrer Technik feilen. „Ich habe nie gedacht, eine außergewöhnliche Stimme zu haben“, sagt sie, „Was ich von Haus aus mitbringe, ist mein Timbre und das Gefühl, das ich in meine Stimme lege.“ Kontinuierliches Training sei trotzdem notwendig. Schließlich ist die Stimme fragil und verändert sich im Laufe eines Lebens stetig. „Wenn die Technik fehlt, ist irgendwann auch die schönste Stimme dahin“, sagt sie.

Hochschwanger im Konzerthaus Berlin aufgetreten

Nicht nur das Alter hinterlässt stimmlich seine Spuren, auch hormonelle Umbrüche wie Schwangerschaften können für Sängerinnen einschneidende Erlebnisse sein. Diese Erfahrung machte Nicole Rhoslynn selbst, als sie 2017 hochschwanger einen ganzen Monat lang Neujahrskonzerte im Konzerthaus Berlin gab.

Wo es Karten für das Konzert gibt

Karten für den Opern- und Operettennachmittag im „Goldenen Löwen“ (Sonnabend ab 17 Uhr) sind im Vorverkauf für 17 Euro in den Tourist-Infos im Barnim Panorama und am Bahnhof Wandlitzsee, in den Bibliotheken der Gemeinde Wandlitz, unter www.reservix.de sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

An der Abendkasse in der Kulturbühne Goldener Löwe sind die Tickets für 20 Euro zu haben.

Viele prophezeiten ihr damals das Karriereende. Rhoslynn bewies das Gegenteil und stand wenige Wochen nach der Entbindung erneut auf der Bühne – stimmgewaltig wie eh und je. Sie hat sich damals nicht aus der Ruhe bringen lassen und weiterhin hart gearbeitet. „Mein Maestro war in dieser Zeit einmal mehr mein Fels in der Brandung“, erzählt sie, die mit Anfang 20 als lyrischer Sopran galt und sich heute über die dazugewonnene Reife und Dramatik in ihrer Stimme freut.

„Ich singe für das Publikum, nicht für Kritiker“

Keine Frage, wer auf der Bühne steht, erntet nicht nur Applaus, sondern auch Kritik. Gerade für noch junge Sängerinnen und Sänger eine mitunter harte Probe. „Ich singe für das Publikum, nicht für Kritiker“, sagt Nicole Rhoslynn, die weiß, dass selbst die große Callas ihr Leben lang härtester Kritik ausgesetzt war. „Wer beim Singen mit den Gedanken bei den Kritikern verharrt, macht sich unnötig nervös, denn bekanntlich wird man nie von allen geliebt.“ Sie konzentriert sich lieber auf ihr Publikum, auf die Kunst als solche. „Wenn ich nur für fünf Leute singe und weiß, dass diese anschließend glücklich nach Hause gehen, erfüllt mich das unglaublich“, sagt sie.

Für Nicole Rhoslynn ist Perfektion in der Kunst ohnehin nicht sonderlich erstrebenswert. Schlichtweg, weil sie den Menschen dann nicht berührt. Immerhin sind dramatische Opernstoffe dafür bekannt, die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle abzubilden. Starke Emotionen stehen hier auf der Tagesordnung, wenn im rasanten Wechsel der Akte abwechselnd gelacht, geliebt, gelitten und gestorben wird.

Dass man mitunter in die eigene Rolle derart abtaucht und mitfühlt, sodass man hin und wieder mit den Tränen kämpft, ist laut der Opernsängerin keineswegs unprofessionell. „Im anstehenden Konzert in Wandlitz singe ich die Liu in Turandot. Hierbei muss ich regelmäßig achtgeben, nicht von den eigenen Gefühlen überrollt zu werden, weil ich so sehr mit der Rolle mitfühle“, sagt sie.

Oper lässt Raum für tiefe Gefühle

Gerade das sei aber auch das Schöne an der Oper – nicht nur für die Sängerinnen und Sänger, sondern auch für das Publikum. „Während wir im Alltag meist vernunftbetont handeln, lässt uns die Oper den Raum für tiefe Gefühle“, sagt Rhoslynn, „Wenn ich auf der Bühne stehe, lebe ich nur im Jetzt. Es gibt kein Gestern und kein Morgen, du bist den Blicken aller ausgesetzt, quasi nackt.“ Ein Gefühl, das für sie durch nichts zu ersetzen sei.

Allüren und Divengehabe lehnt sie übrigens entschieden ab. Auch wenn das Publikum gerne eine Diva sehen möchte – Launen hätten im wahren Leben einer Opernsängerin keinen Platz, in dem es vor allem auf Disziplin ankomme, so die Sängerin.

Mit Nicole Rhoslynn ein Interview zu führen, ist ein bisschen so, wie eine Zeitreise zu machen. Das liegt zum einen an ihrem Berliner Zuhause, das sie ganz im Stil von Biedermeier und Art nouveau eingerichtet hat. Vor allem aber liegt es an ihrer Erscheinung selbst. Nicole Rhoslynn sing nicht nur, sondern ist auch als Vintage Model tätig. Was als Hobby begann, hat sie zur Perfektion gebracht.

Auf ihrem Instagram-Account (instagram.com/madame.rhos) bekommt man einen Eindruck davon, wie es aussehen kann, sich im Jahr 2024 wie eine Hollywoodschauspielerin der 50er-Jahre zu kleiden und zu frisieren. Ob das tatsächlich ihre Alltagskleidung sei, möchte ich wissen und Rhoslynn bejaht. Jeans und Sneaker findet man in ihrem Kleiderschrank schon lange nicht mehr. Und wenn die Opernsängerin morgens bloß einmal schnell beim Bäcker reinspringen möchte? Keine Chance. Manchmal ist ein bisschen Perfektion eben doch ganz schön.

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