Tierheim in Eisenhüttenstadt: Warum es an manchen Tagen Tauben regnet

Eine zugeflogene Brieftaube im Tierheim Am See in Eisenhüttenstadt: Viele dieser Tiere wollen zurück nach Polen, werden aber am Grenzfluss Oder entkräftet aufgefunden.
Hagen Bernard- Im Tierheim am See in Eisenhüttenstadt landen immer mehr erschöpfte und verletzte Tauben.
- Leiterin Jana Feister spricht von einer dramatischen Lage – behördliche Hilfe bleibt meist aus.
- Viele Tiere sind Brieftauben aus Polen, oft nach langen Flügen entkräftet oder verletzt aufgefunden.
- Feister bittet um Futterspenden und pflegt die Tiere, doch viele kehren nicht zu Besitzern zurück.
- Gründe für das Stranden: Gewitter, Witterung, Greifvögel und überlange Strecken für junge Tiere.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„In Eisenhüttenstadt regnet es Tauben.“ Mit diesem drastischen Satz beschreibt Tierheimleiterin Jana Feister die Lage in Eisenhüttenstadt. Immer häufiger werden dort erschöpfte, verletzte oder orientierungslose Tauben gefunden. Seit Jahren kümmert sich Jana Feister im Tierheim am See auch um diese oft übersehenen Tiere – egal, ob es sich um beringte Brieftauben und damit Haustiere handelt oder um wild lebende Stadttauben ohne Ring.
Mehr als 100 Tauben hat Jana Feister in diesem Jahr bereits aufgenommen. Drei Taubenschläge betreibt das Tierheim mit zwei Pflegestellen inzwischen. Allein an einem einzigen Tag wurden gerade dort sechs Tauben abgegeben. Eine von ihnen kam sogar ganz von selbst aufs Tierheimgelände gelaufen – und hatte Glück, dass die Hunde sie in Ruhe ließen.
„So viele Tauben waren es noch nie“, sagt Jana Feister. Und dabei dauert die Brieftaubensaison noch bis Ende September an. Ein Teil der Tiere sind Brieftauben, deren Besitzer sich über Ring und Transponder ausfindig machen lassen. Andere sind sogenannte Stadttauben – meist Nachkommen von Brieftauben, die ihren Flug einst nicht fortsetzen konnten und in der Region geblieben sind.
Hilfe für Tauben in Eisenhüttenstadt wächst weiter
Doch Hilfe von Behörden gibt es kaum. Für wild lebende Tauben fühlen sich die Ordnungsämter in der Regel nicht zuständig. Und auch bei den beringten Tieren bleibt das Tierheim oft auf sich allein gestellt. Jana Feister wünscht sich deshalb Unterstützung von Menschen, die ein Herz für Tauben haben – etwa in Form von Futterspenden.
„Auch wenn wir auf uns allein gestellt sind, nehmen wir sie auf. Schließlich sind es Tiere, denen wir ebenfalls helfen wollen“, sagt sie.
Rund 90 Prozent der Brieftauben, die im Tierheim landen, kommen aus Polen. Etwa acht Prozent stammen aus Deutschland, vor allem aus dem Raum Guben und Cottbus. Weitere zwei Prozent sind von niederländischen Züchtern. Bei Wettbewerben müssen die Tiere nach Angaben von Jana Feister oft 700 Kilometer zurücklegen – eine enorme Leistung, vor allem für junge und unerfahrene Tauben.
Während deutsche Züchter ihre Tiere meist wieder abholen, empfehlen polnische Besitzer häufig, die Tauben zwei Tage zu füttern und anschließend erneut fliegen zu lassen. Nur selten macht sich jemand wirklich auf den Weg. Einmal sei ein polnischer Züchter 200 Kilometer bis nach Słubice gefahren, um seine eigene und sieben weitere Tauben von Kollegen abzuholen. Doch grundsätzlich sei das Interesse an den in Eisenhüttenstadt aufgefundenen Tieren eher gering, sagt Jana Feister. Oft gelten diese Tiere als leistungsschwächer, für die sich der ganze Aufwand nicht lohne. Dabei sind viele nicht nur völlig entkräftet, sondern auch verletzt oder krank.
Kritik und Pflege für geschwächte Tauben
„Eigentlich sind es sehr zähe Tiere“, sagt Jana Feister. „Wir hatten beispielsweise welche mit gebrochenem Flügel – mit der richtigen Behandlung und Pflege werden sie meistens wieder gesund.“ Doch etwa die Hälfte der aufgepäppelten Tiere kehre später nicht mehr zu ihren Besitzern zurück. Sie bleiben in der Pflegestelle.
Für Jana Feister wirft das auch grundsätzliche Fragen auf. Sie sieht es kritisch, dass das monogame Verhalten der Tiere im Brieftaubensport gezielt ausgenutzt wird. Bei einem Taubenpaar werde oft das leistungsstärkere Tier mit zum Wettbewerb genommen – der Bindung zum Partner wegen fliegt es dann mit umso größerem Drang zurück.
Damit geschwächte Tauben wieder zu Kräften kommen, brauchen sie vor allem trockenes Körnerfutter: etwa Mais, Sonnenblumenkerne, Erbsen, Weizen, Graupen, Dinkel, Linsen, Bucheckern oder rohen Naturreis. Auch in Wasser aufgelöster Traubenzucker könne helfen. Brot hingegen sei kein geeignetes Futter für Tauben, betont Jana Feister. Wichtig sei außerdem, sich nach dem Kontakt gründlich die Hände zu waschen oder Handschuhe zu tragen, da die Tiere Parasiten übertragen können.
Warum so viele Brieftauben Hilfe brauchen
Die Karriere einer Sporttaube beginnt meist schon mit einem halben Jahr. Bis zu 14 Wettbewerbe bestreiten die Tiere in einer Saison, die im April startet. Obwohl Tauben eigentlich bis zu 15 Jahre alt werden könnten, erreichen Brieftauben meistens nicht dieses Alter. Wildlebende Stadttauben werden oft nur drei Jahre alt. Die meisten in diesem Jahr in Eisenhüttenstadt aufgefundenen Tiere sind 2026 geboren worden. Doch selbst eine sechs Jahre alte Taube sei schon darunter gewesen.
Warum so viele Tiere stranden, hat unterschiedliche Gründe: Gewitter, schlechte Witterung oder Angriffe von Greifvögeln können dazu führen, dass sie die Orientierung verlieren. Während jungen Tauben oft zu lange Strecken über hunderte Kilometer zugemutet werden, schaffen erfahrene Sporttauben im Extremfall sogar 1200 Kilometer.
Im Tierheim am See landen am Ende all jene, die diese Reise nicht schaffen. Für Jana Feister sind sie keine Randnotiz – sondern Lebewesen, die Hilfe brauchen.


