Kleine Ostsee: Der Helenesee bei Frankfurt (Oder) zu DDR-Zeiten – ein Ferienparadies
Es ist, als gehöre sie für viele Frankfurter zur Familie. Wie eine gute Bekannte, die man in den Ferien gern besucht – die „schöne Helene“. Auch Holger Gregor geht es so. „Der Helenesee, das sind viele tolle Erinnerungen an meine Kindheit, Jugend und später an die Sommer mit der eigenen Familie“, sagt der Frankfurter. Als er auf die Welt kam, wurde der See gerade unter Schutz gestellt. „Mit meinen Eltern und meinem Bruder haben wir schon ab Mitte der 1960er unseren Urlaub an der Helene verbracht“, erzählt er. Das Wasser war klar und rein, ab und zu huschte ein Krebs durchs Wasser. Der Wind rauschte durch die Kiefern, Schwalben nisteten in Böschungen. Mehr als den Hauptstrand gab es noch nicht. Holger Gregor erinnert sich an das Kinozelt „und an den hellblauen Wagen von Gaselan Fürstenwalde, dort konnte man sich Luftmatratzen ausleihen“.
Zur Geschichte des Helenesees:
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Helenesee wird Naturschutzgebiet
Ende März 1958 hatte das Braunkohlewerk Finkenheerd die Förderung und die künstliche Grundwasserabsenkung eingestellt, Bagger und Loren verschwanden. Zurück blieb ein über 220 Hektar großes, schwarz-braunes Restloch, das sich mit Wasser füllte. Die Ufer durften anfangs nicht betreten werden, Bodenabbrüche drohten. Dennoch erkannten die damaligen Entscheidungsträger früh das große Potenzial, das in dem ehemaligen Bergbaugebiet verborgen lag.
Am 7. September 1959 gab es eine erste Exkursion mit Vertretern der Stadt und des Bezirkes, der Gemeinde Brieskow-Finkenheerd und dem Leiter des Braunkohlewerkes. Angestoßen hatten den Ausflug zur Helene und Katja die Natur- und Heimatfreunde im Deutschen Kulturbund. Im April 1960 folgte eine weitere Begehung. Danach „waren alle Anwesenden der Meinung, daß das ehemalige Bergbaugebiet sich in der Perspektive vorzüglich als Erholungsgebiet eignen würde“, heißt es in einem Protokoll, es müsse deshalb "vor fremden Eingriffen“ geschützt werden. Am 6. September 1960 erklärte der Rat des Bezirkes dann das alte Grubengelände mit Wirkung zum 1. Oktober 1960 zu einem Landschaftsschutzgebiet. Damit war die Grundlage für die touristische Erschließung der beiden Tagebauseen gelegt.
Kein Platz mehr am Müllroser See
Tatsächlich sehnten sich viele Frankfurter nach neuen Bademöglichkeiten. Denn die Kapazitäten am Müllroser oder Kliestower See waren begrenzt. Zudem wurde mit der Entwicklung des Halbleiterwerkes und des EKO erwartet, dass in Frankfurt bald 100 000 und Eisenhüttenstadt 75 000 Menschen leben könnten. Es brauchte Erholungsgebiete für die wachsende, werktätige Bevölkerung. Die ersten Planungen waren vielversprechend.
Am 22. April 1961 meldete ADN, die staatliche Nachrichtenagentur der DDR: „Ein Ausflugsgebiet entsteht in den kommenden Jahren am Stadtrand von Frankfurt (Oder) auf dem ehemaligen Gelände der Braunkohlegrube Finkenheerd. Im Volksmund wird es bereits ‚Kleine Ostsee‘ genannt.“ Die Verbindung zwischen Katja- und Helenesee sei als Regattastrecke vorgesehen, schrieb ADN, auf der Hochhalde sollten eine Gaststätte und rund um den See Bungalows entstehen.
Im April 1964 flossen Katja- und Helenesee zusammen, 1966 erreichte der Wasserspiegel des Helenesees sein heutiges Niveau. In dieser Zeit entstanden auch der erste Strandabschnitt auf rund 600 Metern Länge mit abgeflachtem Ufer, sowie die Zufahrtsstraße aus Lossow.
Die mit der Entwicklung des Naherholungsgebietes betrauten Behörden und Kommissionen hatten viel zu tun. Im Stadtarchiv finden sich stapelweise Konzepte, Projektentwürfe, Protokolle und Aktennotizen zu dem Thema. Auch die oberste Bergbaubehörde der DDR gab – anders als beim Katjasee – schnell grünes Licht für die touristische Erschließung des Helenesees. Mit abrutschenden Ufern sei „kaum noch zu rechnen“.
Am Oststrand sollte ein Hotel entstehen
Vor allem am Oststrand sahen die Planer großes Potenzial. Gebaut werden sollten ein Hotel, ein gehobenes Restaurant und ein Sportboothafen. Tatsachen jedoch wurden vor allem am späteren Hauptstrand geschaffen. Bis Anfang der 1970er Jahre entstanden dort Strandpromenade, Gaststätte, Kaufhalle, Kino, Sport- und Spielplätze, dazu Hunderte Zelt-, Camping- und Parkplätze. In den Dachsbergen baute der Forstwirtschaftsbetrieb eine Bungalowsiedlung. Segler, Angler und andere Wassersportler fanden in einem Sportzentrum am Weststrand Platz. Hier gab es auch ein Lager der Erholung und Arbeit für Jugendliche. Ein Teil des Ufers wurde zudem als FKK-Strand ausgewiesen. 1968 zählte die Stadt an der Helene bereits 140 000 Gäste – 1978 wuchs die Zahl auf fast 900 000 an. Der überwiegende Teil der Urlauber kam aus dem Bezirk Frankfurt, fast 90 Prozent, wie eine Erhebung ergab. Es folgten Touristen aus den Bezirken Suhl, Erfurt, Dresden, Cottbus und Leipzig.
1500 Zelte und 1000 Wohnwagen in Spitzenzeiten
„Der See wurde immer beliebter“, erinnert sich Holger Gregor. Den ganzen Sommer über fuhren mehrmals täglich bis zu drei Busse gleichzeitig aus der Innenstadt zur Helene. Er selbst wurde mit Frau und Kindern zum Dauerzeltler. „Für einen festen Platz waren jährlich Aufbaustunden zu leisten. Wer Technik mitbringen konnte, hat die natürlich schneller zusammen bekommen.“ Seine Stunden sammelte Holger Gregor mit einem Multicar, den er sich über seinen Arbeitgeber, das Energiekombinat, organisiert hatte. Im Familienzelt, auf Teppichen und mit Propan-Kocher verbrachte die Familie viele Sommer an der Helene.
In Spitzenzeiten drängten sich bis zu 1500 Zelte und 1000 Wohnwagen auf knapp sechs Hektar Waldfläche. 500 Bungalows, Finn- und Campinghütten standen für Feriengäste bereit, der Großteil davon gehörte Betrieben. Auf den Parkplätzen rangierten Hunderte Trabis und Wartburgs. Der Helenesee gehörte zur Leistungskategorie I „und erfüllt auch die verwöhntesten Ansprüche an einen erholsamen, niveauvollen Ferienaufenthalt in der Natur“, wie es in einer Werbebroschüre aus den 1980er Jahren heißt. Zu den jährlichen Höhepunkten gehörten Veranstaltungen wie das Neptunfest. Ein Campingkollektiv half bei den Vorbereitungen, und sorgte darüber hinaus für Ordnung und Sauberkeit.
Engpässe in der Kaufhalle
Hinter den Kulissen gab es zwischen Betriebsleitung und Stadt aber auch regelmäßig Krach, wie aus Schriftwechseln im Stadtarchiv hervorgeht. Es ging um wilde Campingplätze, nicht genehmigte Bungalowbauten oder kaputte Strandkörbe. Mehr als zehn Jahre lang hielt Horst Vandree als Leiter der Abteilung Erholungseinrichtungen für den Helenesee den Kopf hin – keine einfache Aufgabe. Er hatte verschiedenste Interessen und Begehrlichkeiten unter einen Hut zu bringen, vor allem die der in einem Zweckverband organisierten Betriebe, die am Helenesee ihre Bungalows bewirtschafteten. Auch die Versorgung von Hunderttausenden war jedes Jahr eine Herausforderung. In einem Maßnahmenplan für die Saison 1974 forderte der Rat der Stadt für die Kaufhalle ein „ausreichendes Angebot bei Obst, Gemüse, Frischfleisch und Wurstwaren, was im Jahre 1973 nicht gewährleistet war“.
Bei den allermeisten Frankfurtern, die mit der Helene zu DDR-Zeiten groß geworden sind, werden die positiven Erinnerungen überwiegen. Holger Gregor bewahrt bis heute Bernsteine auf, die er als kleiner Junge beim Spielen im Sand zusammen mit seinem Bruder gefunden hat. Er sagt: „Die Geräusche, die Gerüche, der Kiefernwald – ich möchte die Helene nicht missen“.
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