In Frankfurt (Oder) fällt der erste Schnee des Jahres. Das weiße Treiben ist so lange romantisch und besinnlich, wie man sicher weiß, dass man von draußen bald in eine warme Stube zurückkehren kann. Oder ein gemütliches Café. Olha Semchyk mag am liebsten das klassische Café Diana am Markt. Die 38-Jährige ist seit März in Frankfurt (Oder).
Nachdem sie ab Ende Februar von ihrer Kyjiwer Wohnung aus Raketenbeschuss in der nächsten Umgebung sehen konnte, ist sie mit ihren Eltern und ihrem sechsjährigen Sohn mit dem Auto gen Westen gefahren. „Wir sind Umwege gefahren, kreuz und quer, in Richtung Polen. In jedem noch so kleinen Ort wurden Militärstützpunkte und Stromwerke beschossen“, erinnert sie sich. Aber sie musste dringend weg aus dem Krieg: Olha Semchyk war damals hochschwanger, ihre jüngste Tochter kam dann im März schon in Deutschland zur Welt. Ihr Mann ist IT-Analyst und arbeitet weiter in Kyjiw. Zehn Monate hat sich das Paar nicht gesehen, der Vater seine Tochter noch nie.

„Wunderschöne Wälder“ in der Ukraine für Jahre vermint

Semchyks Bruder lebt mit seiner Frau in Schostka, der Partnerstadt von Frankfurt (Oder) und Słubice ganz im Nordosten der Ukraine, rund 60 Kilometer von der Grenze zu Russland. „Schostka war für uns immer ein schöner, grüner Sommerurlaubsort“, sagt Semchyk. „Die Stadt ist nicht so groß und stressig, eher so ruhig wie Frankfurt. Etwa genauso groß.“ Für Kinder und Jugendliche, beschreibt sie weiter, gab es zahlreiche Angebote: Malkurse, Kunstzentrum, Tanzgruppen, die sogar im Ausland auftraten. Sportvereine tragen kleine Wettbewerbe aus.
So sah Schostka, die Partnerstadt von Frankfurt (Oder) und Słuice, vor dem Krieg aus.
So sah Schostka, die Partnerstadt von Frankfurt (Oder) und Słuice, vor dem Krieg aus.
© Foto: Dmytro Zagorulko
Und: „Rundherum gibt es wunderschöne Wälder, viel Natur, viel Grün.“ Auch diesen Sommer hatten sie den Urlaub dort geplant, über mehrere Wochen. Aber wegen Russlands Angriffskrieg war Schostka bis Sommeranfang praktisch blockiert, die Region ringsherum vom russischen Militär besetzt. Es gab keinen Weg hinein oder hinaus. Die Wälder werden noch für Jahre nicht begehbar sein, weil sie weiträumig vermint sind.
Und nun, nachdem die besetzten Gebiete zwar durch ukrainische Einheiten zurückgewonnen werden konnten, fahren wieder Züge nach Schostka, Benzin und Lebensmittel können geliefert werden. Doch durch die großflächigen Raketen- und Drohnenangriffe auf Kraft- und Stromwerke ist auch in Schostka in der Region Sumy die Strom-, Heiz- und Warmwasserversorgung sehr unregelmäßig. Gleichzeitig beginnt der Winter mit Regenmatsch und Schnee und Dunkelheit. Anfang Dezember fiel die Stromversorgung gar für mehrere Tage aus. Fabriken sind teils unregelmäßig in Betrieb.

Dank dafür, dass „Unmögliches möglich gemacht“ wurde

Olha Semchyk selbst ist Juristin, hat jahrelang im Parlament gearbeitet. Sie ist sich auch der schweren langfristigen Folgen des russischen Überfalls bewusst. „Der Wirtschaft in der Ukraine geht es sehr schlecht. Infrastruktur wird großflächig zerstört, Arbeitskräfte fehlen, die Einkommen sinken stark. Dabei wird alles teurer und schwieriger.“ Gleichzeitig versteht sie auch die westeuropäischen, teils langsamen Reaktionen gut: „Ich sehe schon, dass beispielsweise die deutsche Regierung mit dem Paragrafen 24 für uns ukrainische Geflüchtete praktisch etwas Unmögliches möglich gemacht hat.“ Sie haben schnell eine Wohnung bekommen, einen Kita-Platz für den Großen, Sprachkurse für die Eltern. Sie selbst lernt autodidaktisch Deutsch, solange sie noch mit der Kleinen zu Hause ist. Beim Mikado und in der Blauen Brücke haben sie gesellschaftlichen Anschluss gefunden.

Frankfurt (Oder) und Słubice sammeln weiter Spenden für Schostka

Olha Semchyk hat auch schon vor dem Gespräch mit der MOZ von der Spendenaktion der Doppelstadt gehört. „Ich bin so dankbar für all die Hilfe für uns hier, und jetzt für Schostka“, sagt sie bewegt. „Die Menschen brauchen diese Generatoren jetzt ganz dringend, um diesen Winter zu überstehen.“ Und das Land zu verteidigen: „Ich hoffe, wir können bald zurückgehen. Alle, die ich kenne, wollen zurück nach Hause. Jedenfalls all diejenigen, die noch ein Zuhause haben, das nicht zerstört worden ist.“
Als Partnerstädte rufen Frankfurt (Oder) und Słubice zum Spenden für Schostka auf, von dem Geld werden mobile Stromstationen und Generatoren gekauft und nach Schostka transportiert. Dort werden sie für Heiz- und Stromräume gebraucht, die den Einwohnern besonders in Zeiten der häufigen Stromausfälle kostenfrei und rund um die Uhr zum Aufwärmen, Laden der Telefone und mit kleinen Kreativaktionen für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stehen.

Spendenaktion der Stadtverwaltungen Frankfurt (Oder) und Słubice

Słubices Bürgermeister Mariusz Olejniczak und Frankfurts Oberbürgermeister René Wilke rufen gemeinsam zum Spenden für Schostka auf:
■ Spendenkonto in Frankfurt (Oder)
Kontoinhaber: Stadt Frankfurt (Oder)
DE42 1705 5050 1700 100498
WELADED1LOS
Verwendungszweck: Spende Schostka
■ Spenden bis 300 Euro können ohne Spendenbescheinigung, nur per Kontoauszug, steuerlich geltend gemacht werden. Ab 300 Euro kann man unter [email protected] eine Spendenbescheinigung anfordern.
■ In Słubice kann über das Konto der Stiftung des Collegium Polonicum gespendet werden
■ Fragen beantwortet das Kooperationszentrum unter Tel. 0335 55285-14 und -15.
Um die gesamte Bevölkerung und die aus der Grenzregion geflüchteten Menschen, insgesamt rund 70.000 Menschen, in Schostka so versorgen zu können, braucht es laut Bürgermeister Mykola Noha 200 solche Anlaufpunkte, bislang ist ein gutes Viertel eingerichtet.
Der erste Spendentransport aus der Doppelstadt startet noch vor Weihnachten mit den ersten zwei großen Generatoren und einigen kleineren Stromstationen, gekauft von den ersten, mehreren Hundert gespendeten Euro.