„Abends sind Autoscheinwerfer das einzige Licht auf den Straßen, alle müssen helle und reflektierende Kleidung tragen”, berichtet Olena Kravchenko, die stellvertretende Bürgermeisterin von Schostka, per Telefon am Dienstagabend (29.11.). Zuvor hatte es nach einem zweistündigen Luftalarm in der Region einen unvorangekündigten Stromausfall gegeben. Zusätzlich zu den reduzierten Stromzeiten von wechselnd zwei Stunden. „Aber jetzt gerade habe ich gutes Internet”, freut sich Kravchenko. Sie ist hörbar müde und gleichzeitig ergriffen vor Freude über das Interesse und Hilfsangebot aus der deutsch-polnischen Partner-Doppelstadt.
In Schostka, der Partnerstadt von Frankfurt (Oder) und Słubice, im Nordosten der Ukraine liegt schon Schnee. Die Temperaturen bewegen sich um den Gefrierpunkt. Die Tage sind kurz und nach Einbruch der Dunkelheit wird es schwarz in der 70.000-Einwohner-Stadt. Wegen der ständigen russischen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur überall im Land ist immer wieder die Strom-, Heiz- und Trinkwasserversorgung unterbrochen. Für die nächsten Monate befürchtet man noch länger andauernde Ausfälle. Geschäfte und Fabriken sind unregelmäßig in Betrieb, Kindergärten geschlossen. In Schulen dürfen sich maximal 50 Kinder gleichzeitig aufhalten. Ständig müssen sich alle wegen Luftalarm in Schutzräumen verstecken.

Wie der Krieg die Partnerstadt von Frankfurt (Oder) erreicht

Am folgenden Tag (30.11.) ist die Verbindung stabiler. Bis zum Mittag warnte die Sirene schon zweimal vor möglichem Beschuss. Schostkas Bürgermeister Mikolaj Noga sagt: „Das Schlimmste sind die Beerdigungen. Einmal, manchmal zweimal in der Woche müssen wir unsere Jungs und Mädels von der Armee zu Grabe tragen.”
Die Beerdigung eines Soldaten in Schostka, der Partnerstadt von Frankfurt (Oder) und Słubice
Die Beerdigung eines Soldaten in Schostka, der Partnerstadt von Frankfurt (Oder) und Słubice
© Foto: Stadtverwaltung Schostka/Mikolaj Noga
Auch Kravchenko hat sich neben ihrer Arbeit in der Stadtspitze freiwillig zur örtlichen Militäreinheit gemeldet. Sie weiß, was es zu verteidigen gibt: Die Stadt Schostka selbst war nicht okkupiert worden, weil man am 24. Februar schnell funktionierende Checkpoints aufbauen und die Brücke zur Stadt sprengen konnte. Aber die Region um die Stadt war bis Spätsommer unter russischer Kontrolle. „Das war schlimm, jeden Tag rollten überall russische Panzer, ihre Soldaten beschossen auch zivile Autos.”
Schostka liegt gut 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. „Der tägliche Artilleriebeschuss von Russland erreicht uns hier selten, damit zerstören sie die Orte in Grenznähe. Die Raketen wiederum, die die Russen abfeuern, fliegen meist über uns hinweg ins Landesinnere der Ukraine.” Noga ergänzt: „Vier Mal wurde Schostka selbst von russischen Raketen getroffen, wir reparieren noch die großen Schäden.”
Doch in den vergangenen Monaten hatte die Stadt etwas Ruhe, ist also relativ sicher. Wenn auch im Umkreis am Mittwoch wieder ein Kind durch Beschuss eines Krankenhauses getötet wurde. „Viele Menschen fliehen nun zu uns”, erklärt Kravchenko. „Manche sind aus Schostka ins Ausland gegangen, viele nach Polen”, ergänzt Noga, „aber täglich kommen Leute aus den Kriegsgebieten an der Grenze, aktuell auch aus dem umkämpften Bachmut.”

Schutzpunkte zum Aufwärmen und Aufladen in der Stadt

Auch diese Menschen plant Schostka nun mit ein, wenn es sich für potentielle Strom-, Heiz- und Wasserausfälle rüstet. „Bisher haben wir 28 sogenannte ‚Punkty Nezlamnosti‘ aufgestellt, aber für unser gesamtes urbanes Gebiet brauchen wir wohl um die 200”, erklären Noga und Kravchenko. „Punkt Nezlamnosti” heißt auf Deutsch „Punkt der Unbesiegbarkeit” und bezeichnet einen beheizten Raum oder ein Zelt mit Strom, Internet und Trinkwasser, wo Menschen während Blackouts ihre Taschenlampen und Handys aufladen, ihre Liebsten kontaktieren und sich aufwärmen können. Falls, wie vielerorts befürchtet, in diesem Winter über Tage oder Wochen der Strom ausfallen sollte, braucht es viele dieser Schutzorte.
„Wir haben selbst schon über 40 mobile Stromgeräte gekauft, unter anderem für das Krankenhaus und das Wasserwerk”, sagt Noga, „nun brauchen wir vor allem Generatoren. Für die Nezlamnosti-Punkte, mit schwächerer Leistung auch für private Haushalte.”
Die Versorgung mit Lebensmitteln und Benzin, so die beiden Vertretenden der Schostkaer Stadtspitze, sei gut abgedeckt, wenn auch deutlich teurer geworden. Jetzt gehe es um den Strom: „Denn ohne Strom funktioniert die Wasserversorgung und die Heizung nicht, keine Handys und kein Fernsehen, aber die Menschen müssen ja auch informiert sein.” Die Partner-Doppelstadt Frankfurt (Oder) und Słubice hat Unterstützung angeboten und sammelt nun Spenden für die Stromversorgung mit Generatoren.
Olena Kravchenko scheint am Telefon mit Tränen zu kämpfen. Sie entschuldigt sich: „Wissen Sie, wenn wir keine Hilfe aus dem Ausland hätten, gäbe es für uns schon jetzt kein Leben in Freiheit mehr.” Mikolaj Noga gibt sich kämpferischer: „Wir kämpfen hier auch, damit dieser schreckliche Feind nicht bis zu Ihnen nach Polen und Deutschland kommt. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, zu gewinnen. Wir danken Ihnen schon jetzt für die Unterstützung!”

Spendenaktion der Stadtverwaltungen Frankfurt (Oder) und Słubice

■ Schostka ist seit 2008 Partnerstadt von Słubice, seit Sommer 2022 gibt es auch eine Partnerschaft mit Frankfurt. Bürgermeister Mariusz Olejniczak und Oberbürgermeister René Wilke rufen gemeinsam zum Spenden für Schostka auf:
■ Spendenkonto in Frankfurt (Oder)
Kontoinhaber: Stadt Frankfurt (Oder)
DE42 1705 5050 1700 100498
WELADED1LOS
Verwendungszweck: Spende Schostka
■ Spenden bis 300 Euro können ohne Spendenbescheinigung, nur per Kontoauszug, steuerlich geltend gemacht werden. Ab 300 Euro kann man unter kooperationszentrum@frankfurt-oder.de eine Spendenbescheinigung anfordern.
■ Fragen beantwortet das Kooperationszentrum unter Tel. 0335 55285-14 und -15.