Die Hilfsbereitschaft im Mühlenbecker Land ist weiterhin sehr groß. Aber es gibt auch viele Fragen von Einheimischen und Flüchtlingen. Das wurde am Dienstagabend im Schildower Bürgersaal deutlich. Bürgermeister Filippo Smaldino (SPD) hatte zu einem allgemeinen Informationsabend eingeladen. Das genau bewegt die Menschen.
Gut 100 Menschen kamen in die Franz-Schmidt-Straße. Nur gut die Hälfte kam aber aus dem Mühlenbecker Land. Unter ihnen waren nicht nur Einwohner, die Wohnraum zur Verfügung stellen, sondern auch viele Vertreter von Vereinen und Organisationen, die sich gemeinsam um die kommunale Ukraine-Hilfe kümmern. Die andere Hälfte der Besucher bestand aus wenigen Männern, vielen Frauen und einigen Familien, die sich alle dankbar zeigten über so viel Hilfsangebote.

Erinnerungen an Syrien-Flüchtlinge

Auch Bürgermeister Filippo Smaldino war überrascht angesichts des Andrangs am Dienstagabend. „Das Thema bewegt viele Bürgerinnen und Bürger“, sagte er zur Begrüßung. Er erinnerte an das Jahr 2015, als viele Syrer wegen des Kriegs ihr Heimatland verlassen mussten und im Mühlenbecker Land Zuflucht fanden. Allerdings war die Stimmung in der Gemeinde damals geteilt. Viele Menschen wollten wie heute helfen, andere hatten Angst vor Überfremdung und einer fremden Religion und Kultur. Aber die etwa 60 Flüchtlinge sind damals gut in der Gemeinde untergekommen.
Manche von ihnen leben heute noch im Mühlenbecker Land und helfen aktuell bei der Betreuung der Ukrainer. „Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass acht Jahre später wieder Kriegsflüchtlinge zu uns kommen“, so der Bürgermeister. Er bedankte sich ausdrücklich bei allen, die die Ukraine-Hilfe unterstützen – „egal wie groß der Beitrag ist. Diese solidarische Anteilnahme macht mich als Bürgermeister sehr stolz“, sagte ein bewegter Bürgermeister.
Einheimische und Flüchtlinge hatten gleichermaßen Interesse an dem Informationsabend.
Einheimische und Flüchtlinge hatten gleichermaßen Interesse an dem Informationsabend.
© Foto: Jürgen Liebezeit
Johannes Kühl, Fachbereichsleiter Soziales beim Landkreis Oberhavel, der für die Organisation der Flüchtlingshilfe zuständig ist, stellte kurz die Möglichkeiten vor, die Flüchtlinge in Oberhavel haben. Er bedankte sich bei denjenigen, die Wohnraum zur Verfügung stellen. Denn die Kapazitäten des Landkreises seien aktuell erschöpft.
Am Dienstagabend teilte der Landkreis mit, keine weiteren Flüchtlinge mehr in den kreiseigenen Einrichtungen unterbringen zu können. Es sind schon mehr als 1000 Flüchtlingen in Oberhavel registriert. Die Zahl der Menschen, die privat untergekommen sind und sich noch nicht beim Kreis gemeldet haben, ist nicht bekannt. Benötigt wird aktuell vor allem abgeschlossener Wohnraum, also keine Einzelzimmer, der langfristig genutzt werden kann.

Übersetzerin lebt und arbeitet in Schildow

Übersetzt wurden die Wortbeiträge von Frieda Müller. Die Deutsch-Russin ist Dolmetscherin, lebt seit 30 Jahren in Deutschland, seit acht Jahren in Schildow und arbeitet als Erzieherin in der Kita „An der Heidekrautbahn“. Sie hat sich selber mit darum gekümmert, dass eine Freundin aus Bochumer Studentinnenzeiten von Kiew aus nach Mühlenbeck flüchten konnte.
Die 45-jährige Natalya Bilous ist mit dem Auto entkommen. Sie zeigte am Abend Handyfotos von ihrer zerstörten Heimat. Ihr Sohn wird in den nächsten Tagen in Deutschland erwartet. Er sei von seinem Vater bereits nach Kroatien gebracht worden. Vorerst ist Natalya Bilous im Internat des Berufsförderungswerkes in Mühlenbeck untergekommen. „Ich bin sehr dankbar für die Hilfe.“

Wohnen im Gartenhaus

Im beheizbaren Gartenhaus von Florin Boeck wohnen derzeit zwei Ukrainerinnen. Der Kontakt kam über einen Arbeitskollegen zustande. Der Schildower nutzte am Dienstagabend die Chance, sich die Anmeldemodalitäten genau erklären zu lassen. Weiter regte er an, Chatgruppen zu organisieren und Treffpunkte anzubieten, um Informationen austauschen zu können.
Kontaktdaten sind wichtig: Hier hilft die Berliner Dolmetscherin Natalya Psyanska einer Ukrainerin, sich in eine Liste einzutragen.
Kontaktdaten sind wichtig: Hier hilft die Berliner Dolmetscherin Natalya Psyanska einer Ukrainerin, sich in eine Liste einzutragen.
© Foto: Jürgen Liebezeit
Das ist bereits am Laufen. Es gebe inzwischen mehrere Gruppen bei Whatsapp, berichtete Ulrike Haase von der Gruppe „Mühle united“. Der Verein zur Förderung von kultureller Vielfalt und internationaler Begegnungen im Mühlenbecker Land hat sich 2015 gegründet und konnte sein Netzwerk schnell reaktivieren. Auch der Verein „Hand in Hand im Mühlenbecker Land“ unter der Vorsitzenden Katja Behrendt-Didszun sowie der Gewerbeverein unter dem Vorsitzenden Mathias Treffurt engagieren sich seit Ausbruch des Angriffskrieges gemeinsam für die Flüchtlinge aus der Ukraine.

Treffpunkte in allen Ortsteilen

Die Einrichtung eines zentralen „Café Welcome“ wie vor sieben Jahren in Schildow ist dieses Mal in Zühlsdorf geplant. „Das muss sein. Austausch und Begegnung sind wichtig“, sagte Smaldino mit Verweis auf die Erfahrungen aus den Jahren 2015 und 2016. In Zühlsdorf hat die Gemeinde die Gaststätte Heidekrug samt Wohnungen gemietet. Bis dort erste Treffen möglich sind, will die Gemeinde ab sofort in jedem Ortsteil den Flüchtlingen und Einwohnern die Möglichkeit anbieten, sich zu begegnen.
„Wir brauchen aber ehrenamtliche Helfer, die die Treffen begleiten“, bittet der Bürgermeister um Unterstützung. Interessierte können sich im Rathaus oder beim Flüchtlingskoordinator Volker Agüeras Gäng in der Touristeninformation melden. Auch ukrainische Flüchtlinge haben bereits angeboten, sich dabei einzubringen.
Siegessicher zeigte sich dieses junge ukranische Paar in Schildow.
Siegessicher zeigte sich dieses junge ukranische Paar in Schildow.
© Foto: Jürgen Liebezeit
Die vier Jugendclubs im Mühlenbecker Land bereiten derzeit Angebote für Jugendliche und Kinder aus der Ukraine vor. Auch mehrere Sportvereine kündigten an, dass Flüchtlinge in den verschiedenen Gruppen mitmachen könnten. So haben sich inzwischen einige Kinder einer Turngruppe der SG Schildow angeschlossen.
Nicole Gerhardt-Axt, die seit Kriegsausbruch Sachspenden sammelt und eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen hat, steht inzwischen eine Lagerhalle beim Schönfließer Eiergroßhandel Aliti (an der B96a-Ampel beim Abzweig nach Mühlenbeck) als Kleiderkammer zur Verfügung. Geöffnet ist von 8 bis 12 Uhr. Spontan hat sich eine Frau am Dienstagabend gemeldet, die Frau aus Mühlenbeck zu unterstützten.
Großes Interesse unter den Flüchtlingen bestand auch am Impfangebot in Oberhavel. Dr. Bettina Graichen vom Gesundheitsamt des Kreises stand am Abend für Fragen der Flüchtlinge zur Verfügung. Dabei ging es nicht nur um Corona, sondern auch Impfungen für Kinder, damit sie Kitas und Schulen besuchen können.
Viele informierten sich über das Impfangebot in Oberhavel.
Viele informierten sich über das Impfangebot in Oberhavel.
© Foto: Jürgen Liebezeit
Hilfe für schwangere Frauen haben Antje Karwinkel und Heike Köhncke von der Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpflege im Landkreis Oberhavel angeboten. Die beiden Frauen sind in der Bundesstiftung „Frühe Hilfen“ engagiert und bieten Beratung und Begleitung in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr an.

Warnung vor Telefon-Kontakten

Offenbar gibt es aber auch eine Kehrseite der Medaille, denn nicht alle Hilfsangebote sind korrekt. So berichtete Wolfgang Matuschke aus Schildow von einem Anruf bei einer jungen Ukrainerin, die er betreut, der zumindest Fragen aufwirft. „Der Anrufer hatte sich als Polizist ausgegeben und sprach sie in englischer Sprache direkt mit ihrem Vornamen an. Er wollte unter dem Vorwand eines Hilfsangebotes persönliche Daten haben“, berichtete der frühere Polizist am Dienstag. „Das ist gefährlich“, bat er die Übersetzerin, die anwesenden Ukrainer zu warnen. Denn die Polizei würde so nie vorgehen.
Mehr zur Entwicklung rund um den Krieg in der Ukraine lesen Sie auf unserer Themenseite.

Kontaktdaten im Mühlenbecker Land und in Oberhavel

Wer helfen möchte, in welcher Form auch immer, sollte sich mit der Koordinierungsstelle im Mühlenbecker Land in Verbindung setzen. Diese hat den Überblick und lenkt jede Hilfe in die richtigen Bahnen:
Koordinierungsstelle im Mühlenbecker Land:
Volker Agüeras Gäng
Telefon: 033056 / 434 733
Mobil: 0176 / 4666 8792
Koordinierungsstelle beim Landkreis Oberhavel:
Telefon: 03301 / 601-4800
Registrierung von Flüchtlingen
Landkreis Oberhavel
Servicepunkt Migration
Oranienburg, Mittelstraße 18
Tel. 03301 / 601-451
Mit Geldspenden helfen:
Zur Unterstützung der geflüchteten Familien im Mühlenbecker Land hat die Gemeinde ein Sonderkonto eingerichtet. Dieses Spendengeld wird ausschließlich dafür verwendet, den Geflüchteten hier vor Ort zu helfen.
Spendenkonto Mühlenbecker Land:
Verwendungszweck: Ukraine-Hilfe
IBAN: DE34 1605 0000 3711 0000 44
BIC: WELADED1PMB
Sachspenden anbieten
Da noch nicht abzusehen ist, welche Hilfe die Geflüchteten in Oberhavel beziehungsweise im Mühlenbecker Land wirklich benötigen werden, nimmt die Gemeinde vorerst keine Sachspenden entgegen. Interessierte können diese allerdings bei der Koordinationsstelle (siehe oben) anmelden und vorerst bis auf Abruf noch bei sich lagern.
Sachspenden für die Hilfe vor Ort in der Ukraine nehmen private Initiativen oder der Gewerbeverein Mühlenbecker Land entgegen. Der Koordinator vermittelt die Kontakte.