Wahlkampf: Einer, dem Politik richtig Spaß macht

Einmal dem Bundesfinanzminister den Weg weisen: Den Besuch von Olaf Scholz (SPD) Ende Juli in Oranienburg nutzte auch Björn Lüttmann, um über die neue Modellregion zu informieren.
Klaus D. GroteNun hat der Oranienburger eine turbulente erste Legislaturperiode hinter sich. Nach dem Zittersieg vor fünf Jahren, bei dem er Gerrit Große (Linke) mit nur 23 Stimmen Vorsprung, durchaus überraschend, das Direktmandat im Wahlkreis 9 abnahm, stürzte sich Lüttmann in die politische Arbeit. Im Landtag schmiedete er fraktionsübergreifende Allianzen, um etwas für Oranienburg, Leegebruch und Liebenwalde zu erreichen. Er wälzte Akten im NSU-Untersuchungsausschuss und galt in der Fraktion schnell als fleißig. So kam es, dass Lüttmann beim Stühlerücken nach dem überraschenden Tod von Fraktionschef Klaus Ness im Dezember 2015 plötzlich parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion wurde. Das bedeutete vor allem zusätzliche Arbeit. Aber Lüttmann klagt nicht.
Wo ist Lüttmann?
Manchmal allerdings fragten sich Parteigenossen und Wähler, wo denn der Abgeordnete steckt. „In Potsdam“, lautete dann die Antwort seiner Oranienburger Büroleiterin. Und während sich die CDU-Landtagskandidatin Nicole Walter-Mundt vor Ort als Kümmerin unter Beweis stellte, schickte Lüttmanns Büro eine Pressemitteilung. Am Ende werden die Wähler entscheiden, welches Engagement sie mehr schätzen. Für Oranienburgs früheren Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke, der die SPD verlassen hat, ist allerdings klar: „Jemand besseres als Björn gibt es nicht für Oranienburg.“ Lüttmann habe der Stadt zu neuen Verbündeten in Potsdam verholfen.
Letztlich ist das Entstehen der Modellregion Oranienburg, mit der die Bombensuche intensiviert und beschleunigt werden soll, vor allem ein Verdienst Lüttmanns. Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) hob seinen Parteikollegen beim Start des Projekts besonders hervor. Lüttmann selber hielt sich da eher im Hintergrund. Vor den Linsen der Fotografen standen vor allem André Müller vom Kampfmittelbeseitigungsdienst, Ministerpräsident Dietmar Woidke und Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der als eingeflogener Wahlkampfhelfer irgendwie unnahbar wirkte.
Lüttmann ist auch bei solchen Terminen eher der Kumpeltyp, den Freunde mit „Hi Björn“ begrüßen, der genauso über Musik wie über Politik redet und der selbst dann gelassen bleibt, wenn andere sich in Rage reden. Zum Beispiel beim Thema AfD und Rechtspopulismus. Lüttmann verharmlost die immer stärker werdenden rechtsextremen Tendenzen aber niemals. Im Gegenteil. Bündnisse wie das Tolerante Brandenburg und das Oranienburger Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt sind ihm wichtig. Er will aber nicht die Aufregung liefern, die sich die AfD mit ihren Provokationen gern wünscht.
Im Landtag hat Lüttmann davon einige erlebt, manche würde er vermutlich lieber vergessen. Im NSU-Ausschuss, der die Rolle von Brandenburgs Verfassungsschutz in der Mordreihe des rechtsradikalen Terrors beleuchten sollte, taten sich für ihn Abgründe auf. Dass Lüttmann sich gegen rechtsextreme Tendenzen wehrt, bekommt er verbal und online im Netz durchaus zu spüren. „Manchmal will ich das alles am liebsten gar nicht lesen“, sagt Lüttmann, ohne verzweifelt zu sein. Er bleibt gelassen. Politik macht ihm Spaß. Er will auch nicht zu den Zauderern und Jammerern gehören, lieber nach vorn schauen und gestalten. Er freut sich, wenn er etwas bewegen kann. Wie beim Neubau der Schleuse Friedenthal, für die er sich einsetzte. Dass künftig ein Intercity in Oranienburg Halt macht und ab 2022 ein zusätzlicher Regionalexpress, der direkt zum Flughafen BER fährt, sei doch auch ein Erfolg, sagt Lüttmann. Natürlich sei auch ein Zehn-Minuten-Takt bei der S-Bahn wünschenswert. „Aber den bekommen wir so schnell nicht. Fragen Sie mal die Borgsdorfer“, sagt Lüttmann und erinnert an den dort notwendigen Tunnelbau unter den Gleisen. Wohl noch länger wird es dauern, bis auch wieder ein Zug nach Liebenwalde fährt. Auch dafür will sich Lüttmann einsetzen. In Gesprächen würden ihm die Leute sagen, dass sie sich mehr Busse und Haltestellen wünschen. In Oranienburg beklagten viele den zunehmenden Autoverkehr.
Rasante Stadtentwicklung
Die rasante Entwicklung habe Oranienburg verändert. Grundstückspreise und Mieten hätten sich innerhalb von drei Jahren zum Teil verdreifacht. „Die Stadt muss da steuern und auch mal die Hand auf Grundstücke haben“, fordert Lüttmann. Die Verwaltung solle aber auch in die Lage versetzt werden, überhaupt steuern zu können.
Lüttmann kennt die Sorgen vieler Brandenburger, weiß von zu niedrigen Renten und der Scham älterer Menschen, deshalb zum Amt zu gehen. Ja, gibt Lüttmann unumwunden zu, Politik mache auch Fehler. Er meint dabei auch ausdrücklich seine Partei. „Der Zustand der SPD ist total traurig.“ Lüttmann klingt enttäuscht. Denn es werde auch viel gute Arbeit von Sozialdemokraten geleistet, ohne dass dies anerkannt werde. "Verbesserungen bei Hartz IV und im Niedriglohnsektor, Mindestlohn, das Pflegepaket, bessere Bildungschancen, die SPD hat geliefert“, sagt Lüttmann und spricht sich und seiner Partei auch Mut zu für den Wahlkampf. „Ich habe ein echt tolles Team hier in Oranienburg“, sagt Lüttmann und freut sich. Die kleinen Gläschen mit Orangenmarmelade, die er verteilt, hat Marga Schlag gekocht.
Und wenn Lüttmann auf einem dieser Wahlkampftermine zum ersten Mal einen Bagger fährt und dabei gefragt wird, ob er für einen neuen Job übt, ruft Lüttmann freudig gelassen: „Ja!“ Natürlich wäre er enttäuscht, wenn er das Direktmandat nicht erneut holt. Lüttmanns Listenplatz elf sollte allerdings reichen für weitere Parlamentszugehörigkeit.
Sich nach neuen Jobs umzuschauen, muss ja generell nicht schaden. Spätestens wenn Lüttmann keine Freude mehr an der Politik hat, wird er sich eine neue Aufgabe suchen. Allzu bald ist daran aber kaum zu denken.
ZurPerson
Björn Lüttmann (43) lebt mit Frau und zwei Kindern in Oranienburg. Der Politikwissenschaftler war von 2008 bis 2014 Sprecher der Stadt Oranienburg und Referent des Bürgermeisters. Davor war er Büroleiter der SPD-Bundestagsabgeordneten Gabriele Hiller-Ohm. Seit Mai ist er Stadtverordneter und seit drei Jahren Vorstandsmitglied der Lebenshilfe.⇥kd