Ein dichter Wald mit einem See in der Mitte: Das ist die Kulisse zu Beginn des Märchens „Undine“, das Friedrich de la Motte Fouqué (1777-1843) ersonnen hat. In Nennhausen geschrieben und 1811 veröffentlicht, gelangte „Undine“ zu Weltruhm und inspirierte andere Dichter wie den Dänen Hans Christian Andersen (1805-1875), der 1837 „Die kleine Meerjungfrau“ in die Welt der neuen Märchen brachte.

Undine entsprang einer parallelen Welt unter der Wasseroberfläche

Fouqué, der havelländische Vertreter der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik, kannte mit Sicherheit jene sagen- bzw. märchenhaften Geschichten von Wäldern, in denen Hexen leben, von Bergen, in denen Zwerge wohnen, oder von Höhlen mit monströsen Drachen. Fouqué bediente sich bei seine „Undine“ des Elements Wasser. Die Titelheldin entsprang einer Gegend, die sozusagen eine Parallelwelt ist. Die Bereiche sind durch die Oberfläche eines Sees getrennt. An den Ufern der hiesigen Welt lebt ein Fischerehepaar.

Von goldenen Schlössern und kristallenen Dächern berichtet

Kaum war dessen Tochter im See ertrunken, tauchte die damals drei- bis vierjährige Undine aus diesem auf und fand Aufnahme beim Fischer und seiner Frau. Wie der alte Mann fünfzehn Jahre nach diesem bemerkenswerten Ereignis berichtet, soll Undine von goldenen Schlössern und kristallenen Dächern gesprochen haben, die es in ihrer Geburtswelt geben soll. Letztlich war das Mädchen mit seiner Mutter auf dem heimatlichen See in einem Boot unterwegs gewesen, als es ins Wasser fiel, ertrank und in der parallelen Welt wieder erwachte.

In TV-Serie werden Zeitreisende aus dem Wasser gefischt

Ein wenig erinnert der Übergang an die norwegische TV-Serie „Beforeigners“, bei der Menschen aus Stein- und Wikingerzeit sowie aus dem 19. Jahrhundert in der Gegenwart aus Küstengewässern vor Norwegens Hauptstadt Oslo gefischt werden. Hier geht es aber um Leute, die zeitlich aus ihrer Welt in eine andere gelangt sind. Die erste Staffel wurde 2021 von der ARD ausgestrahlt. Die zweite Staffel ist bereits produziert.

Ereignisse am Steinhuder Meer sollen zur „Undine“ inspiriert haben

Die literarische Fachwelt scheint sich einig, dass Friedrich de la Motte Fouqué bei seinem „Undine“-Gewässer das Steinhuder Meer im Sinn hatte. Als achtzehnjähriger Offizier bei Bückeburg (Niedersachsen) stationiert, hatte er bei einer Tanzveranstaltung des Jahres 1796 eine junge Frau namens Elisabeth von Breitenbauch kennengelernt. Getanzt wurde am Steinhuder Meer. Mit dem Märchen soll Fouqué versucht haben, seine unerwiderte Sehnsucht zu der Frau zu verdauen. Allerdings war er bei Veröffentlichung der „Undine“ schon acht Jahre mit Caroline von Rochow verheiratet und lebte seit 1803 erfolgter Eheschließung mit ihr im Schloss Nennhausen.

Gräninger See als geografischer Nabel der Story?

Durchaus denkbar also, dass nicht das Steinhuder Meer, sondern ein heimisches Gewässer den Havelländer inspirierte. Schon im 200. Jahr der „Undine“ (2011) hatte der Kulturverein Nennhausen, der im alten Gärtnerhaus des Dorfs eine Fouqué-Ausstellung zeigt, gegenüber BRAWO eine eigene Sicht der Dinge kundgetan. Für den Verein ist der nur etwa zwei Kilometer entfernte Gräninger See der geografische Nabel des Märchens.
Der See und das kleine Waldgebiet drum herum bilden heute ein Naturschutzgebiet. An die morastigen Ufer gelangt kein Wanderer. Die Wasseroberfläche ist nur via Luft- oder Satellitenbild zu sehen. Im April 1812 hatte Fouqué seinem Freund Adelbert von Chamisso (1781-1838) geschrieben: „Weißt Du, wie wir einmal an einem stillen Abend - mich dünkt es war Herbst, oder die Gegend sah doch wenigstens herbstlich aus - nebeneinander auf dem Hügel am Gräninger See saßen?“.

UNDINE-Wettbewerb für neue Märchen

Unabhängig davon, ob der Gräninger See den Dichter aus Nennhausen inspirierte oder nicht, ist im Märchen „Undine“ völlig unklar geblieben, was aus der leiblichen Tochter des Fischerehepaars wurde. Wenn Undine von der einen in die andere Welt gelangte, um fortan Pflegekind zu sein, könnte es doch umgekehrt dem anderen ertrunkenen Mädchen genauso ergangen sein. Bis dato hat das aber noch niemanden zu einem zweiten Teil der „Undine“ inspiriert.
Junge Leute zwischen 7 und 25 Jahre sind aktuell zur Teilnahme an der 18. Auflage des regionalen UNDINE-Wettbewerbs für neue Märchen aufgerufen. Federführend sind BRAWO in Brandenburg an der Havel und die dortige Fouqué-Bibliothek. Den Gewinnenden in den verschiedenden Kategorien winken Geldpreise im Wert von je 150 Euro. Die neuen Märchen können handschriftlich oder auf Computer geschrieben sein, dürfen dabei bis zu acht DIN-A4-Seiten bzw. bis zu 15.000 Zeichen lang sein. Mehr Infos gibt es auf hier und auf bibliothek.stadt-brandenburg.de sowie unter 03381/525528 oder 03381/584201. Teilnahmeschluss ist an Fouqués Geburtstag, der sich am 12. Februar 2022 zum 245. Mal jährt.