Demonstration
: Warum die Apotheken in Bad Freienwalde und Wriezen streiken

Wer in Bad Freienwalde und Wriezen eine Apotheke aufsuchen möchte, steht an einem der kommenden Tage vor verschlossener Tür. Was ist der Grund für den Streik?
Von
Steffen Göttmann
Bad Freienwalde
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Am 14. Juni im Ausstand: Robert Witzke (Alte Apotheke), die SPD-Bundestagsabgeordnete Simona Koß, Alexander Hesse (Apotheke am Schlosspark) und Birgit Luttenberger (Brunnen-Apotheke, v.l.) Die Apotheker sind aus Bad Freienwalde.

Steffen Göttmann

Der Mangel an Fachkräften, steigende Kosten und die Inflation machen inzwischen auch den Apotheken zu schaffen. Die Zahl der Apotheken in Deutschland ist zum Jahresende 2022 um 393 auf 18.068 Betriebsstätten gesunken.

Das ist der größte jährliche Verlust an Apotheken in der Geschichte der Bundesrepublik. Dabei ist nicht nur die Zahl der selbständigen Apothekerinnen und Apotheker um 363 zurückgegangen, sondern erstmals auch die Zahl der von ihnen betriebenen Filialen um 30. Das zeigt eine Auswertung der ABDA — die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, die auf den Meldungen der Landesapothekerkammern in allen 16 Bundesländern beruht.

Gesetz soll Lieferengpass–Krise entschärfen

Hauptgrund für den Protesttag ist das sogenannte Lieferengpass–Gesetz –damit will die Bundesregierung die Arzneimittelversorgung stabilisieren und die Lieferengpass–Krise entschärfen.

Aus Sicht der Apothekerschaft eignen sich die von der Bundesregierung im Gesetzentwurf vorgelegten Maßnahmen allerdings weder dazu, die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu verbessern, noch dazu, die Lage der Apotheken als erste, wohnortnahe Anlaufstelle in der Arzneimittelversorgung zu unterstützen.

Protesttag unterstreicht Forderungskatalog der Apotheken

„Wir haben einen Forderungskatalog an die Politik und wollen uns mit dem Protesttag Gehör verschaffen“, begründet Robert Witzke aus Bad Freienwalde, warum am 14. Juni alle Apotheken in Bad Freienwalde und Wriezen sowie bundesweit streiken.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) habe erklärt, dass es den Apotheken nicht schlecht gehe. Und die Krankenklasse AOK behaupte, die Apotheken verdienten immer mehr Geld. In Wirklichkeit müssten die Apotheken mit einem sei Fixpreis auskommen, der seit zehn Jahren auf dem gleichen Niveau sei. „Und wir haben auch mit explodierenden Kosten zu kämpfen“, sagt Apotheker Witze. Deshalb hat er sich jetzt mit seinen Bad Freienwalder Kollegen Birgit Luttenberger und Alexander Hesse sowie der Bundestagsabgeordneten Simona Koß (SPD) zusammengesetzt, die am Protesttag an der Seite der Apothekerinnen und Apotheker steht.

Absolventen ziehen Arbeit in der Industrie vor

Immer mehr Pharmazeuten wechseln nach dem Studium in die Industrie, anstatt sich mit einer Apotheke selbständig zu machen oder eine Apotheke zu übernehmen, so Witzke. Seit 2004 sei die Vergütung auf einen Fixpreis reduziert worden. Für Existenzgründer sei das wenig attraktiv, sagt der Bad Freienwalder Apotheker. Vergangenes Jahr hätten in Brandenburg zwölf Apotheken dicht gemacht, ohne dass ein Nachfolger gefunden worden sei. Im Land Brandenburg sei es zudem gar nicht möglich, Pharmazie zu studieren, sagt Witzke. Und in Berlin biete nur noch die Freie Universität (FU) das Studium an.

Immer weniger junge Leute wollen PTA werden

Immer weniger junge Frauen und Männer wollen Pharmazeutisch–technische Assistenten (PTA) werden. Witzke und seine Kollegen bedauern, dass es den Beruf der Pharmazieingenieurin oder des -ingenieurs wie zu DDR–Zeiten nicht mehr gibt. Sie durften den Apotheker oder die Apothekerin bei Abwesenheit vertreten.

Um dem Fachkräftemangel in den Apotheken etwas entgegenzusetzen, wäre es nach Auffassung der Bundestagsabgeordneten gut, wenn es außer der Schule für Gesundheitsberufe in Eisenhüttenstadt noch eine weitere Ausbildungsstätte am Berliner Rand gäbe, die Pharmazeutisch–Technische Assistenten (PTA) ausbildet und für die Schülerinnen und Schüler besser zu erreichen wäre. Sie befürchtet, dass vor allem im ländlichen Raum immer mehr Apotheken schließen könnten, die zur Daseinsvorsorge gehören. Denn die Apotheken in den Kleinstädten liefern regelmäßig Medikamente an alle Menschen in den Dörfern, die zeitweilig oder nicht mehr beweglich sind. Auch in dieser Branche weitet sich der Online–Versandhandel breit. Doch Versand läuft nicht rund um die Uhr.

Der Online–Versandhandel übernimmt keine Notdienste

„Der Versandhandel macht aber keine Notdienste“, bestätigt Apothekerin Birgit Luttenberger. Je weniger Apotheken es gibt, umso mehr Notdienste müssen die verbliebenen Apotheker absichern. „Ich hatte Notdienst am 24. Dezember, an Karfreitag und an Pfingstmontag jeweils 24 Stunden“, berichtet die Chefin der Brunnen–Apotheke in Bad Freienwalde. Für eine Familie mit Kindern sei das nicht gerade attraktiv.

Viele Menschen, denen Ärztinnen und Ärzte ein Medikament verschrieben haben, lassen sich in der Apotheke Anwendung und Dosierung erklären, weil sie es beim Arzt, der wenig Zeit hat, nicht richtig verstanden haben. Medizinisch beraten dürfen Apotheker jedoch nicht, sondern müssten ihre Kunden auf Ärzte oder Notdienste verweisen, ergänzt Birgit Luttenberger.

Finanzierung zu 80 Prozent über Rezepte

Die Apotheken finanzierten sich in Ostbrandenburg zu mehr als 80 Prozent über Rezepte, sagt Robert Witzke. Ein zusätzliches, frei verkäufliches Sortiment mit hochpreisigen Salben oder Kosmetikartikeln sei wegen der geringen Kaufkraft kaum nachgefragt, bestätigt Birgit Luttenberger.

Den Notdienst für Bad Freienwalde und Wriezen übernimmt am 14. Juni die „Alte Apotheke“ bei Kaufland über die Notdienst–Klappe.