Podcast zu Juden in Seelow
: Fragen nach Herkunft, was Schüler bei Spurensuche antreibt

Abiturienten des Gymnasiums Auf den Seelower Höhen haben den dritten Teil ihres Podcasts über das jüdische Leben in Seelow veröffentlicht. Das war ihr Motiv.
Von
Ulf Grieger
Seelow
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Erinnern an jüdisches Leben in Seelow konkret werden lassen: Das haben sich die Zwölftklässlerinnen Miriam, Lilli und Laura sowie Geschichtslehrer Konstantin Richter mit ihrem Podcast auf die Fahnen geschrieben.

Erinnern an jüdisches Leben in Seelow: Das haben sich die Zwölftklässlerinnen Miriam, Lilli und Laura sowie Geschichtslehrer Konstantin Richter mit ihrem Podcast auf die Fahnen geschrieben.

Ulf Grieger
  • Abiturientinnen aus Seelow veröffentlichten einen Podcast über jüdisches Leben in der Stadt.
  • Schüler putzten die 13 Stolpersteine, die seit 2024 in der Patenschaft der Schulen stehen.
  • Interviews mit Nachfahren jüdischer Familien und historische Recherchen flossen in den Podcast ein.
  • Der jüdische Friedhof in Seelow soll zum Erinnerungsort umgestaltet werden, Ideen liegen vor.
  • Geschichte jüdischer Familien und ihre Aufarbeitung regen Schüler zur Auseinandersetzung an.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Auch in diesem Jahr haben sich Schüler der Schulen in Seelow mit dem Leben jüdischer Familien in der Kreisstadt beschäftigt. Am Freitag (7. November) haben sie die 13 Stolpersteine geputzt. Eine Aktion, mit der die Mitglieder der Partei Die Linke gleich nach der Verlegung der ersten dieser Steine vor 14 Jahren begann. Im vorigen Jahr hatten die Schulen die Patenschaft darüber übernommen.

Neben diesem symbolischen Erinnerungsakt haben sich die Zwölftklässlerinnen Miriam, Lilli und Laura intensiver mit dem Leben einiger der Familien beschäftigt, die einmal in Seelow gelebt haben. Über ihre Motivation dafür haben sie bei der Vorstellung ihrer daraus entstandenen Podcasts berichtet. Eine Frage, die noch immer unbeantwortet ist, ist die, warum erst mehr als 80 Jahre vergehen mussten, ehe die Aufarbeitung erfolgt.

2023 hatte der Heimatverein Schweizerhaus Seelow zum ersten Mal gemeinsam mit den Mädchen und Jungen der damaligen Jahrgangsstufe 9 des Gymnasiums eine Aktion zum Thema „Jüdisches Lebens in Seelow“ und zu den Stolpersteinen durchgeführt. Neben der Putzaktion der Steine gestalteten sie ein Programm zu diesem Thema, welches auch die Geschichte Hugo Simons, des jüdischen Bankiers und seines Mustergutes Schweizerhaus Seelow einschloss.

Geschichte der Juden in Seelow plötzlich greifbar

„Toll daran war, dass die Schüler sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzten, Gedichte schrieben, ein Theaterstück aufführten und jüdisches Essen zubereiteten. Plötzlich war die Geschichte nicht mehr etwas aus dem Lehrbuch, anonym, sondern es wurde Teil des eigenen Lebens, der eigenen Geschichte“, erinnert Marion Krüger, Vorsitzende des Heimatvereins.

An Hand von Interviews, die mit Rafael Cardoso, dem Urenkel von Hugo Simon, sowie Benjamin Wood und Daniel Wood, Nachfahren der jüdischen Familie  Philippsborn geführt wurden, wurde nun ein dreiteiliger Podcast erstellt. Der ist bereits auf der Internetseite des Heimatvereins Seelow abrufbar.

Bei dieser Arbeit bekamen die Schüler Unterstützung durch Alex Schirmer vom Museum Altranft sowie vom Heimatverein, den Familien Von der Marwitz und Kampmann sowie von Thomas Drewing von der Geschichtsstation Seelow.  Tagespolitische Fragen, etwa der Krieg in Israel und Gaza, hätten bei der Erarbeitung und der Diskussion dazu weniger eine Rolle gespielt, erklärt Konstantin Richter, der das Projekt im Geschichtsunterricht als Lehrer betreut hat.  Er geht aber davon aus, dass die Beschäftigung mit dem jüdischen Alltag in Seelow die Schüler zum Weiterfragen anregt hat und sie dabei auf Widersprüche stoßen lässt, die dann Themen für die Fortsetzungen sein können.

Purzaktion der schüler: Siert 2024 habne die drei Seeower schule  die 13 stiolpersteien in iher Partenschft . Zuk gendkene an dei Pogromnahc e am 9. Novemer 1938 werdne sie geputz.

Putzaktion der Schüler in Seelow: Seit 2024 haben die drei Seeower Schulen die 13 Stolpersteine in ihrer Partenschaft. Zum Gedenken an die Pogromnacht am 9. Novemer 1938 werden sie geputzt.

Klaus Richter

Eines der Themen könnte der Umgang mit der Erinnerung an jüdischen Leben in der Region zwischen 1949 und 1990 sein. Seelows Bürgermeister Robert Nitz informierte, dass der ehemalige jüdische Friedhof in der Nähe des Busbahnhofs zum Erinnerungsort gestaltet wird. Dafür gibt es bereits Gestaltungsideen. Das Areal, so Nitz, sei bereits während der Schlacht um die Seelower Höhen stark beschädigt und zu DDR-Zeiten in den 1970er Jahren zu einem betonierten Parkplatz gemacht worden. Nur ein einziger Grabstein ist erhalten. Stadtchronist Michael Schimmel vermutet, dass die meisten der Grabsteine in einem nahen Teich entsorgt worden waren.

In der DDR lag der Schwerpunkt der Erinnerungskultur auf dem antifaschistischen Widerstand, insbesondere kommunistischer und sozialdemokratischer Kräfte. Selbst die Initiative zum Wiedeaufbau der Neuen Synagoge in Berlin hatte 1988 eher ökonomische und politische Motive, sind sich die Historiker einig. Allerdings hatte es bereits 1949 einen Antrag von Thea Kirste an die Stadt Seelow gegeben, den jüdischen Friedhof wieder herzurichten, berichtet Michael Schimmel. Der Antrag war damals abgelehnt worden.

Übergabe des Podcasts an den Heimatverein Seelow: Symbolisch übergaben die drei Autorinnen das Blatt mit dem QR-Code an die Vereinsvorsitzende Marion Krüger.

Übergabe des Podcasts an den Heimatverein Seelow: Symbolisch übergaben die drei Autorinnen Miriam, Lilli und Laura das Blatt mit dem QR-Code an die Vereinsvorsitzende Marion Krüger.

Ulf Grieger

Doris Richter vom Kreisvorstand der Linken in MOL ist Jahrgang 1951. Sie kann sich nicht erinnern, dass zu DDR-Zeiten besonders an jüdisches Alltagsleben erinnert wurde. Die Erinnerungen an Hugo Simon in Seelow, wurde erst wachgerufen, als sich im September 2007 der „Heimatverein Schweizerhaus Seelow“ gegründet hatte, den schicksalsträchtigen Ort wiederzubeleben und seiner langen Geschichte ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Nach gut 20 Jahren Dornröschenschlaf holten die Vereinsmitglieder ab 2010 das einstige Mustergut zurück aus der Umarmung der Natur.

Jugendliche gestalten Podcast: Eigene Herkunft erfragt

Wer sind wir? Woher kommen wir? – Die 17-jährigen Autorinnen des Podcasts machten deutlich, dass es diese Fragen sind, sie bewegen. Es sind aber auch die Fragen von Rafael Cardoso, sowie Benjamin Wood und Daniel Wood. Miriam, Lilli und Laura setzen darauf, dass die Stolpersteine dazu anregen, der eigenen Herkunft nachzuforschen. Vize-Bürgermeister Jörg Krüger hatte bereits vor vier Jahren berichtet, was er dazu von seinem Vater erfahren hatte. Anders als bisher überliefert, sei es am 10. November 1938 nicht so gewesen, dass sich kein Seelower SA-Mann bereit erklärt hätte, die jüdischen Mitbürger anzugreifen, weil die Bekennende Kirche in Seelow so stark war. Es seien nicht nur Frankfurter SA-Leute gewesen, die am Tag nach der Pogromnacht im Wohnhaus der Familie Reissner in der Berliner Straße Scheiben eingeworfen, Türen aufgestoßen und das Inventar verwüstet hatten.

„Ich habe meinen Vater befragt, der das alles als Elfjähriger miterlebt hatte“, erzählte Jörg Krüger anlässlich einer Lesung. Die beteiligten SA-Leute seien Seelower gewesen. „Um sich selbst nicht zu gefährden, hielt die Familie meines Großvaters mit den Reissners nur noch hinten im Garten über den Zaun Kontakt.“