Für Doris Itschenskij und ihre Tochter Marja war es am Samstagabend in Strausberg nicht die erste Friedensdemo, an der sie sich beteiligten. „Wir waren schon bei der großen Demo in Berlin dabei, obwohl es mir schwer fällt zu laufen“, sagte Doris Itschenskij. Doch für sie war es eine Herzensangelegenheit. Ihre Familie ist ganz direkt von dem Krieg in der Ukraine betroffen, erzählten die beiden Frauen, die ein Transparent trugen, auf dem „Für Solidarität, Recht und Freiheit, Kampf dem Diktator Putin“ stand.
Marjas Vater ist in der Ukraine geboren, lebt aber bereits seit vielen Jahren in Deutschland. „Wir haben noch viele Verwandte in Kiew, die versuchen jetzt alle rauszukommen“, berichtete die junge Strausbergerin. Während sie darauf hoffen, dass Tante und Onkel Strausberg bald wohlbehalten erreichen werden, weiß sie von ihrem Cousin schon, dass er nicht kommen wird: „Er ist im wehrfähigen Alter.“ Er wird für sein Land gegen die russischen Soldaten kämpfen.

Der Cousin wird im Krieg in der Ukraine kämpfen

Dass die Ukraine angegriffen und die Grundrechte des Landes sowie die der Menschen dort verletzt wurden bedauern die beiden Frauen ausdrücklich. „Die Ukraine hat in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung genommen. Man merkt, dass die Demokratie dort ankommt“, berichtete Marja Itschenskij. Korruption, die früher dort üblich war, werde mittlerweile hart geahndet, weiß sie von ihrer Familie.
Doris und Marja Itschenskij – ihre Familie ist direkt vom Krieg in der Ukraine betroffen.
Doris und Marja Itschenskij – ihre Familie ist direkt vom Krieg in der Ukraine betroffen.
© Foto: Markus Kluge
„Das ist ein souveränes Land, das einfach überfallen wurde“, so ihre Mutter. Beide sind froh darüber, dass sich am Sonnabend auch in Strausberg so viele Menschen getroffen haben, um ein Zeichen gegen den Krieg zu setzen.

Strausberger schließen auch russische Soldaten nicht aus

Recht kurzfristig war der Schweigemarsch von Dieter Theodor Beckers und Ron Hasenbank-Subklew organisiert worden. Bereits zum Start am Kulturpark war Beckers positiv überrascht davon, dass so viele Strausberger dem Aufruf gefolgt waren. „Wir alle sind schockiert davon, dass Wladimir Putin entschlossen hat, seine territorialen Ansprüche mit Krieg durchzusetzen. Wir hatten das in Europa nicht mehr vorstellbar und nicht für denkbar gehalten“, sagte Beckers zum Start.
Mit der Demo in Strausberg sollte aber nicht nur Solidarität gegenüber den Menschen in der Ukraine gezeigt werden. „Wir schließen ausdrücklich die russischen Soldaten ein, die in den Krieg gezwungen wurden. Es ist ein Bruderkrieg, bei dem Menschen mit gleicher Sprache und gleicher Herkunft gegeneinander kämpfen“, so Beckers. Als Schweigemarsch sei die Demonstration angemeldet worden, „weil wir es für angemessen halten, bei einem solchen furchtbaren Ereignis keine großen Reden zu schwingen“, so Beckers.
Mit Schildern, überwiegend in den ukrainischen Landesfarben Gelb und Blau und Aufschriften wie „Stop War“, „Peace“, „Solidarität Ukraine“ und „Strausberg stands with Ukraine“ zogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom Kulturpark an der Straße An der Stadtmauer entlang und wieder zurück durch die Altstadt. Masken waren bei der angemeldeten Demo nur nötig, wenn die Abstände zwischen Personen aus verschiedenen Haushalten nicht eingehalten werden konnten.

Strausbergerin erwartet auch Hilfe aus dem Rathaus

Zu den Teilnehmerinnen gehörte auch die 77-jährige Strausbergerin Angelika Streidt. Sie habe in der Zeitung gelesen, dass in Buckow bereits Menschen aus der Ukraine angekommen sind und ihnen geholfen wurde. Auch sie möchte helfen, da sie ein Gästezimmer mit Bad habe. „Der Platz reicht für eine Mutter mit Kind oder ein junges Ehepaar“, so die Rentnerin. Mit ihrem Hilfsangebot habe sich die 77-Jährige bereits an die Stadtverwaltung in Strausberg gewandt, in der Hoffnung, dass ihr Angebot dort auf offenen Ohren trifft und angenommen wird.
„Man hat mir aber nur gesagt, ich muss mich an den Kreis wenden und dort eine E-Mail hinschreiben“, ärgert sich die Seniorin. Dass könne sie aber nicht und das sei ihr auch zu unpersönlich. „Bei so einem einschneidenen Ereignis für die Menschen erwarte ich von unserem Stadtoberhaupt, dass man die Bürger mitnimmt und die Menschen direkt informiert, wie jeder vor Ort helfen kann. Das ist doch jetzt das Wichtigste“, findet sie.
Knapp 200 Menschen beteiligten sich an der Aktion in Strausberg. Ob es noch einen weitere Marsch geben wird, steht noch nicht fest.
Knapp 200 Menschen beteiligten sich an der Aktion in Strausberg. Ob es noch einen weitere Marsch geben wird, steht noch nicht fest.
© Foto: Markus Kluge
Anstatt jetzt an den Kreis zu schreiben, will Angelika Streidt wahrscheinlich schon am Montag gemeinsam mit ihrem Sohn an den Ostbahnhof nach Berlin fahren und ankommenden Menschen aus der Ukraine Obdach in Strausberg anbieten.

Tipps zur Hilfe nur auf der Seite des Landkreises

Bislang gibt es in Märkisch-Oderland für Helfer tatsächlich nur das Online-Angebot des Landkreises. Unter www.maerkisch-oderland.de und dem Link „Nothilfe Ukraine“ gibt es für alle Nachfragen nur die E-Mail-Adresse UA@landkreismol.de sowie Anmeldeformulare für alle, die Menschen aufnehmen wollen und auch für jene, die schon welche aufgenommen haben. Zudem gibt es dort Hinweise zum Aufenthaltsrecht und Sozialleistungen für Menschen aus der Ukraine sowie Kontakte zu Hilfsorganisationen.
Bereits am Sonnabend gab es am Ende des Schweigemarschs oft die Nachfrage, ob dieser nun häufiger stattfindet. „In erster Linie hoffe ich, dass der Krieg schnell beendet wird“, so Beckers. Sollte es einen neuen Termin geben, will er rechtzeitig darüber informieren.
Alle aktuellen Entwicklungen im Krieg zwischen Russland und der Ukraine gibt es in unserem Liveticker.