AfD im Fernsehen
: Aus der Partei aussteigen – welche Folgen hat das, fragt ein ARD-Film

Zehn Jahre AfD, das ist die Geschichte einer zunehmenden Radikalisierung. Die ARD befragt Akteure, die am Anfang begeistert mit dabei waren und inszwischen ausgestiegen sind.
Von
Christina Tilmann
Frankfurt (Oder)
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"Wir waren in der AfD" ist die Innensicht einer Partei, die sich in den vergangenen Jahren immer weiter radikalisiert hat und zugleich ein Film über die Mechanismen politischer Radikalisierung. In der Dokumentation kommen ausschließlich diejenigen zu Wort, die der Partei in den Anfangsjahren begeistert beitraten. Sie beschreiben, was sie in der Partei gesucht und gefunden haben, aber auch, wie und warum sie mittlerweile ernüchtert und erschrocken über die Entwicklung der AfD ausgetreten sind.

ARD Das Erste/MDR/Hoferichter&Jacobs

Marco Schild ist Praktikant in einer Schule in Nordrhein-Westfalen und erlebt dort 2015, wie überfordert das System mit den vielen sprachunkundigen geflüchteten Kindern ist, für die weder Lernmaterial noch genügend Lehrpersonal zur Verfügung steht. Schild geht deshalb zu einem Stammtisch der AfD, steigt dort schnell auf, bekommt einen Job, verdient plötzlich viel Geld: „Das ist, wie wenn man als Stürmer ein Tor schießt“, so beschreibt der eloquente Halbitaliener aus Heiligenhaus seinen ersten Auftritt als Redner bei einer Parteiversammlung. „Das macht etwas mit Einem. Das ist wie eine Droge. Das dauert lange bis man realisiert, dass da auch Rechtsradikale um einen herum sind.“

Alexander Leschik aus Münster ist noch Schüler, als er beginnt, sich in der Jungen Alternative zu engagieren - und wird mit einer Handzettelkampagne auf dem Schulhof bloßgestellt und als Rechtsradikaler verunglimpft, Freunde distanzieren sich von ihm. Heute sagt er, er sei viel zu lange ein „bürgerliches Gesicht einer zunehmend enthemmten Partei“ gewesen. Als er schließlich austritt, verliert er damit auch gleich sein freundschaftliches Umfeld.

„Schockverliebt“ in Frauke Petry

Franziska Schreiber aus Dresden ist „schockverliebt“ in Frauke Petry, in deren Effizienz und Durchsetzungskraft und weiß sofort: Mit dieser Frau will ich zusammenarbeiten. Dafür ist sie bereit, vieles zu überhören: Die „Heil Petry“-Rufe auf dem Parteitag, der Hitlergruß bei Versammlungen. Sie berichtet von den Auseinandersetzungen mit ihrem Opa – einem eingefleischten Sozialdemokraten: „Wie kannst Du in einer Partei Mitglied sein, die die Grundwerte unserer Familie offensichtlich mit Füßen tritt?“

Schwärmte für Frauke Petry: Franziska Schreiber aus Dresden

MDR/Hoferichter&Jacobs

Sie alle sind Teil eines 90-minütigen Dokumentarfilms, in dem Regisseur Jan N. Lorenzen ehemalige Parteimitglieder begleitet, die sich inzwischen von der AfD abgewandt haben – unter anderem auch Jörg Meuthen, der von 2015 bis 2021 einer der zwei Bundessprecher der AfD war. Heute wirft er sich vor, zu lange mitgemacht zu haben und sich nicht deutlich genug von Björn Höcke distanziert zu haben. Andererseits ist er noch heute stolz auf die Wortschöpfung eines „links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschlands“ und beschreibt, wie enthusiastisch die Stimmung auf den ersten Parteitagen sein konnte – und wie schnell das kippte.

„Wir waren in der AfD – Aussteiger berichten“ ist damit nicht nur ein persönlicher Bericht von Aussteigern, sondern eine Dokumentation über 10 Jahre AfD-Geschichte. Deutlich wird über die diversen Flügelkämpfe und Parteitage, die der Film dokumentiert, die zunehmende Radikalisierung der Partei. Deutlich werden aber auch die Hoffnungen, die alle Porträtierten auf diese „Alternative“ zu einer von ihnen als unbefriedigend empfundenen politischen Lage gesetzt haben. Die Stimmung in den ersten Jahren in der AfD sei das Aufregendste und Erfüllendste gewesen, was sie ja erlebt hat, erzählt Franziska Schreiber. „Das ist nicht zu vergleichen mit dem, was jetzt in der AfD passiert.“

Gibt heute Fehler zu: der ehemalige Parteivorstand Jörg Meuthen

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Inszenierung mit Knetfiguren

Die Filmemacher lassen ihre Protagonisten zumeist unkommentiert zu Wort kommen und stellen ihre Situationen in modellhaften Inszenierungen mit Knetfiguren nach. Das sorgt für Verfremdung, hat einen theatralen Effekt – und stört doch eher, wo die Interviewten ehrlich, reflektiert und kritisch erzählen. Man versteht nach diesem Film, was Menschen zu dieser Partei getrieben hat – und zuckt doch zusammen, wenn man erlebt, wie schwer es ist, sich dann wieder zu lösen.

Aus aktuellem Anlass hat die ARD die für den 24. Februar geplante Ausstrahlung auf den 18. Januar vorgezogen. Anlass für die vorgezogene Ausstrahlung ist die aktuelle Debatte über ein mögliches Parteiverbotsverfahren sowie die Befassung im Bundestag zum Thema „Wehrhafte Demokratie in einem vielfältigen Land – Klare Kante gegen Demokratiefeinde und Vertreibungspläne“ am Donnerstag (19.1.). MDR-Programmdirektor Klaus Brinkbäumer erklärt dazu: „Mit diesem Film ist ein tiefschichtiger, analytischer und zugleich spannender Blick auf die Entwicklung der AfD gelungen – und damit auch, mindestens punktuell, auf die Geschichte einer politischen Radikalisierung. Recherche und Aufklärung sind die ureigene Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und dazu zählt es, alle wesentlichen, auch die extremen Positionen in der Politik für alle Menschen transparent zu machen und einzuordnen. Genau das tun wir mit diesem Film.“

„Wir waren in der AfD – Aussteiger berichten“, Sendetermine: Donnerstag, 18. Januar 2024, 22:50 Uhr, Das Erste. Ab 18. Januar auch in der ARD Mediathek