Bürgermeister von Grünheide
: Stasi-Experte offenbart neue Details zu Arne Christiani

Mit Videos: Stasi-Experte Helmut Müller-Enbergs hat in Grünheide sein Gutachten zur Stasi-Vergangenheit des Bürgermeisters Arne Christiani vorgestellt. Weitere Fakten zu IM „Peter Förster“ traten dabei zutage.
Von
Janine Richter
Grünheide
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  • Stasi-Experte Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs stellte in Grünheide sein Gutachten zur IM-Vergangenheit des amtierenden Grünheider Bürgermeisters Arne Christiani vor und offenbarte dabei neue Details.

    Stasi-Experte Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs stellte in Grünheide sein Gutachten zur IM-Vergangenheit des amtierenden Grünheider Bürgermeisters Arne Christiani vor und offenbarte dabei neue Details.

    Janine Richter
  • Rund 50 Grünheider lauschten den vorgetragenen Recherche-Ergebnissen von Politikwissenschaftler und Stasi-Experte Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs zu Bürgermeister Arne Christiani alias „Peter Förster“.

    Rund 50 Grünheider lauschten den vorgetragenen Recherche-Ergebnissen von Politikwissenschaftler und Stasi-Experte Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs zu Bürgermeister Arne Christiani alias „Peter Förster“.

    Janine Richter
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Letztlich musste Stasi-Experte Helmut Müller-Enbergs nicht auf der Straße vor dem Hangelsberger Bürgerhaus zu den Grünheidern sprechen. Seine gutachterliche Stellungnahme zur Stasi-Vergangenheit des Grünheider Bürgermeisters Arne Christiani (parteilos) konnte er doch im Sitzungssaal vorstellen.

Rund 50 Interessierte waren am Donnerstagabend (12.10.) gekommen, um Näheres über seine Rechercheergebnisse zu erfahren, darunter nur einige wenige Gemeindevertreter Grünheides. Ein Sicherheitsdienst war beauftragt worden, weil scheinbar angesichts des Themas mit Tumulten gerechnet wurde.

Historiker: Es gibt keine ernsthaften Zweifel an IM-Vergangenheit

Dazu kam es aber nicht. Als Müller-Enbergs, der von der Fraktion „bürgerbündnis“ mit dem Gutachten beauftragt worden war, seine Erkenntnisse vortrug, blieb es eine halbe Stunde mucksmäuschenstill im Publikum. „Ich fasse das Untersuchungsergebnis wie folgt zusammen: Nach den Maßstäben des Stasi-Unterlagen-Gesetzes sowie des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gelange ich zu der Schlussfolgerung, war Herr Arne Christiani inoffizieller Mitarbeiter des MfS, der zeitweilig unter dem Decknamen ,Peter Förster‘ geführt wurde“, sagte der Politikwissenschaftler. „In der Summe konnten in den Unterlagen 27 Personen ermittelt werden, zu denen Herr Arne Christiani nach Aktenlage Angaben gemacht hat. Die Annahme von Aufträgen des MfS zur Informationsbeschaffung und der Informationslieferung an das MfS erlauben keine ernsthaften Zweifel, Herrn Arne Christiani als Mitarbeiter des MfS zu betrachten.“

IM-Vergangenheit seit Jahren bekannt, nun wissenschaftlich untersucht

All dies war bereits bekannt, jedoch wurde das Gutachten erstmals öffentlich – außerhalb der Medienberichterstattung – vorgetragen. Dies wurde nur möglich, weil der Wissenschaftler selbst, der eigentlich nach dem Willen der Gemeindevertretervorsitzenden Pamela Eichmann (SPD) und der Gemeindeverwaltung im nicht-öffentlichen Teil ab 22 Uhr reden sollte, sich dagegen sperrte und darauf bestand, bereits um 18 Uhr vor allen Bürgern aufzutreten.

Die 16-seitige, gutachterliche Stellungnahme des Historikers fußt auf 165 Seiten der zweiteiligen Stasi-Akte „Peter Förster“ und ist seit Anfang Oktober 2023 auf der Internetseite der Fraktion „bürgerbündnis“ öffentlich einsehbar. Das Gutachten kann nach einer Registrierung und mit dem Passwort „Peter Förster“ heruntergeladen werden: https://fraktionbuergerbuendnis.org/gutachten-anfordern.

Es ist auch nicht die erste Bewertung der Aktenlage dieser Art: Unser Medium hatte vom Stasi-Experten bereits im Juni 2022 ein Gutachten über die uns vorliegende Medienakte anfertigen lassen, was im Kern zum gleichen Ergebnis kam. Der Heimatverein Grünheide hatte zuvor seine Rechercheergebnisse in der 2018 veröffentlichten sechsten Ausgabe der „Grünheider Hefte“ in einer Beilage kundgetan.

Christiani traf nicht auf Stasi-Experten Müller-Enbergs

Der Betroffene, Bürgermeister Arne Christiani, der bereits seit 20 Jahren der Gemeinde als Hauptverwaltungsbeamter vorsteht und zweimal wiedergewählt wurde, nahm weder an der Verlesung des Gutachtens teil, noch an der anschließenden Gemeindevertretersitzung. Er ließ sich entschuldigen.

MOZ.de hatte ihn in den vergangenen Wochen mehrfach um eine Stellungnahme und die Beantwortung von Fragen zu dem Gutachten gebeten, wurde jedoch bis heute vertröstet. Er hatte zuvor stets eine IM-Vergangenheit negiert, beispielsweise mit den Worten: „Ich habe mich nie verpflichtet, weder schriftlich noch per Handschlag. Ich habe auch keine Aufträge für die Stasi ausgeführt.“ Dies sagte Christiani im Juni 2022 der BILD-Zeitung.

War bereits der Vater Arne Christianis Inoffizieller Mitarbeiter?

Neue Fakten förderte Müller-Enbergs in seinem Vortrag indirekt zutage, oder auf Nachfrage aus dem Publikum. Demnach werde er seine Recherchen zu mehreren Fragestellungen fortsetzen und beispielsweise in einer zweiten gutachterlichen Stellungnahme auch Arne Christianis Umfeld zu DDR-Zeiten näher beleuchten. Zudem wolle er herausfinden, ob Arne Christiani vom MfS Gegenleistungen für seine Spitzel-Tätigkeiten erhalten habe oder wie es den Personen ergangen ist, über die er berichtet habe.

Politikwissenschaftler und Stasi-Experte Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs hat sich mit der Stasi-Akte des Grünheider Bürgermeisters Arne Christiani alias „Peter Förster“ genauestens beschäftigt und beantwortete die Fragen aus dem Publikum.

Janine Richter

„Ich werde heute nicht darüber zu sprechen haben, (...) ob die Familie Christiani möglicherweise eine Stasi-Dynastie ist oder, dass sein Vater als IM Tell über ihn berichtet hat. All das geht uns heute nichts an“, sagte er und deutete damit an, dass Christianis Vater ebenfalls eine IM-Vergangenheit haben könnte. Nach MOZ-Informationen war dieser von 1961 bis 1991 Leiter der Oberförsterei Briesen.

Im Wald in Briesen existierte ein Sperrgebiet der Stasi, in dem RAF-Terroristen Unterschlupf fanden. Die MOZ berichtete beispielsweise im März 1991.

MOZ, März 1991

Christiani soll bis zum Ende der DDR IM gewesen sein

Als ein Einwohner danach fragte, ob das MfS Christiani als geeigneten IM eingestuft habe, erläuterte Müller-Enbergs, dass das MfS „selbstverständlich“ jede Person überprüft habe, ob sie für „alle Aufgaben“ geeignet sei. „Insofern darf es nicht überraschen, dass auch bei Herrn Arne Christiani dieser Prüfprozess stattgefunden hat – mit dem großartigen Erfolg, die Zusammenarbeit nicht vor dem Ende der DDR gelassen zu haben“, sagte er. Fakt sei, das letzte dokumentierte Treffen in der Akte habe am 13. Oktober 1989 stattgefunden. „Die Akte wurde nie vom MfS geschlossen, sondern die Stasi-Unterlagenbehörde hat die Akte ins Archiv retourniert“, sagte er.

Von 1986 bis 1990 war Christiani nach MOZ-Informationen bei der Kreisverwaltung im Bereich Jugend und Sport beschäftigt. Direkt nach der Wende arbeitete Christiani in der Kommunalaufsicht, bis er 1992 in die Grünheider Verwaltung wechselte.

Christiani musste bei Einstellung zur IM-Vergangenheit Auskunft geben

Ein weiterer Einwohner Grünheides wollte wissen, ob nicht hätte eine Überprüfung Christianis durch Kreis und Gemeinde, also der bisherigen Dienstherren in der Bundesrepublik, stattfinden müssen. „Eine Überprüfung des Dienstherren von einem Beschäftigen kann nur dann stattfinden, wenn der Beschäftige zugestimmt hat“, erläuterte dazu Müller-Enbergs. „Jeder, der in den öffentlichen Dienst des Landes Brandenburgs eingestellt wird, muss eine Erklärung zu seiner Beziehung zum MfS abgeben. Die ist integraler Bestandteil eines jeden Vertrages und der Personalakte“, führte er aus.

Gemeindevertretersitzung musste verschoben werden

Fast eine kleine Randnotiz dieses Abends war, dass die anschließende Gemeindevertretersitzung (GV) schon nach Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der Tagesordnung abgebrochen wurde. Die Fraktion „bürgerbündnis“ bestand darauf, dass der Tagesordnungspunkt zum Gutachten Christianis und einer möglichen Abwahl des Bürgermeisters durch die Grünheider im öffentlichen Teil behandelt wird. Das hatte die Fraktion so beantragt. Christianis Verwaltung und die GV-Vorsitzende Eichmann entschieden sich mit einer anderen Auslegung der Kommunalverfassung dagegen und hatten den Punkt in den nicht-öffentlichen Teil verortet. Am Ende beantragte ausgerechnet der Gemeindevertreter Norbert Niche, dem die Grünheider ehrenamtliche Stasi-Kommission 2013 nach Aktenlage ebenfalls Verbindungen zur Stasi attestiert hatte, dass die GV abgebrochen werde und nun an einem neuen Termin stattfinden soll. Die Mehrheit stimmte dem zu. Nach eigenen Aussagen war dies Niches „letzte Amtshandlung“ als Grünheider Gemeindevertreter.

Wer ist Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs?

Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs war von 1992 bis 2019 Wissenschaftlicher Referent der Abteilung Bildung und Forschung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU). Seit 2008 ist er Professor an der Syddansk Universitet (Dänemark). Er weist zahlreiche Expertisen im Bewerten von Stasi-Akten auf, verfasste auch Gutachten zur Vergangenheit von Gregor Gysi und Heike Drechsler. Zudem schrieb er das Kapitel „Die inoffiziellen Mitarbeiter“ im Buch „Anatomie der Staatssicherheit – Geschichte, Struktur und Methoden – MfS-Handbuch ­– “ von 2008. Müller-Enbergs war von 2010 bis 2014 sachverständiges Mitglied der Enquête-Kommission des Landtags Brandenburg zur „Aufarbeitung der Geschichte und Bewältigung von Folgen der SED-Diktatur und des Übergangs in einen demokratischen Rechtsstaat im Land Brandenburg“. Er ist seit 2010 Mitglied der Kommission zur Überprüfung der Abgeordneten des Landtages Brandenburg.