BVG-Streik in Berlin
: „Wir können einfach nicht mehr“ – Tram-Fahrerin berichtet

Wenn beim Streik Bus und Bahn in Berlin nicht fahren, sind Pendler auch in Brandenburg genervt. Was viele nicht sehen, sind die Probleme der BVG-Mitarbeiter. Eine Straßenbahn-Fahrerin berichtet.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Seit Wochen treten die BVG-Mitarbeiter immer wieder in den Streik. André und Kathrin Lepke (r. Archivbild), beide seit über 40 Jahren Straßenbahnfahrer in Berlin, sind nach Brandenburg gezogen, um sich wenigstens nach Feierabend vom Stress der Großstadt zu erholen.

Carsten Koall/dpa, Cornelia Link-Adam und Montage: Jörn Sandner
  • BVG-Streik in Berlin: Mitarbeiter überfordert, Pendler genervt.
  • Straßenbahnfahrerin Kathrin Lepke, seit 41 Jahren im Dienst, schildert körperlichen und psychischen Stress.
  • Probleme: veraltete Fahrzeiten, defekte Ampelschaltungen, aggressive Fahrgäste.
  • BVG bietet 13,6% mehr Lohn; Inflation führte zu Reallohnverlust.
  • Lepke fordert mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die BVG streikt erneut. Das Verständnis bei vielen Pendlern für den andauernden Arbeitskampf schwindet. Doch wie ist es eigentlich wirklich, bei den Berliner Verkehrsbetrieben in Berlin zu arbeiten? Kaum jemand kann das besser erzählen als Kathrin Lepke. Seit 41 Jahren ist die Frau aus Märkisch-Oderland Straßenbahnfahrerin in Berlin. Ihr Mann André Lepke sitzt sogar schon 42 Jahre in der Fahrerkabine.

Beide sind derzeit krankgeschrieben. „Wir können einfach nicht mehr“, gibt sie unumwunden zu. Der Job im Dreischichtsystem, bei dem die Pause nicht mal für einen Toilettengang reicht, habe sie körperlich, aber auch psychisch in den vergangenen Jahren kaputt gemacht. „Wir werden am Tag mehrfach beleidigt, bespuckt, beschimpft“, berichtet Kathrin Lepke. Früher habe sie den Stress und die unangenehmen Begegnungen in der Pause einfach mal weggeatmet oder sich darüber mit Kollegen ausgetauscht.

Bus und Bahn in Berlin – Frust der BVG-Fahrgäste

Doch selbst dazu reicht die Zeit oft nicht mehr aus. Denn die zehn Minuten Pausen, die eigentlich an den Endhaltestellen eingeplant sind, könnten so gut wie nie eingehalten werden, erzählt sie. „Die vorgeschriebenen Fahrzeiten, die in unseren Heftern stehen und die wir einhalten müssen, sind sehr alt, aber der Verkehr in Berlin hat von Jahr zu Jahr zugenommen“, berichtet die Tram-Fahrerin.

Ein Problem sei unter anderem, dass die Vorrangschaltungen an den Ampeln, mit denen Straßenbahnen eigentlich schneller grünes Licht bekommen sollen, vielerorts nicht mehr funktionieren würden. Aber auch jede andere Behinderung auf der Schiene, zum Beispiel durch unachtsame Paketboten oder Uber-Fahrer, ziehe wieder etwas von der sowieso schon viel zu knapp bemessenen Fahrzeit ab. „Man kann das dann, auch wenn man schneller fährt, einfach nicht mehr reinholen.“

Die Fahrgäste wiederum würden wegen der Verspätungen Frust schieben und diesen dann am BVG-Personal auslassen.

Um dem Stress der Großstadt wenigstens nach Feierabend zu entgehen, ist das Paar vor ein paar Jahren nach Brandenburg gezogen. Mit dem Auto fahren sie vom Oderbruch eine Stunde zur Arbeit in den Betriebshof an die Berliner Stadtgrenze. „Das ist nicht das Problem. Aber ich frage mich, warum die Berliner Kollegen nicht noch mehr auf die Barrikaden gehen, wo doch die Mieten in der Hauptstadt so steigen.“

2200 bis 2300 Euro netto haben beide nach mehr als 40 Dienstjahren jeweils am Ende des Monats auf dem Konto. Dafür müssen sie aber auch an lauen Sommerabenden schon gegen 18/19 Uhr im Hellen schlafen gehen. Denn in der Frühschicht klingelt um 1 Uhr nachts der Wecker. Dienstbeginn ist drei Uhr in der Früh.

Dienstbeginn bei BVG ändert sich kurzfristig

Obwohl die Dienste eigentlich mindestens zwei Wochen im Voraus feststehen sollen, käme regelmäßig ein Schreiben vom Arbeitgeber mit einer Entschuldigung, dass der Dienstbeginn der einzelnen Schichten doch wieder kurzfristig geändert werden musste, berichtet Kathrin Lepke. „Man kann so nicht mal einen Arzttermin vereinbaren.“

„Vor Jahren haben wir schon mal gestreikt, für weniger Lohnerhöhung als jetzt, damit die BVG Planungssicherheit hat und weil die Haushaltslage in Berlin sehr schlecht war“, erinnert sich die 57-Jährige. „Nun nach Inflation und Energie- und Gaspreissteigerungen muss es doch wohl mal möglich sein, für mehr Geld zu streiken“, findet sie. „Auch wir Straßenbahnfahrer müssen unsere Rechnungen bezahlen können.“

Vier Jahre Reallohnverlust bei der BVG wegen Inflation

Bei den derzeitigen Tarifverhandlungen hat die BVG ein Angebot von 13,6 Prozent mehr Lohn über zwei Jahre auf den Tisch gelegt. „Dabei hat die Inflation von 16 Prozent in den letzten vier Jahren bereits zu Reallohnverlusten geführt“, sagt auch Manuel von Stubenrauch, Verdi-Vertrauensmann der Berliner Straßenbahnen und selbst Tramfahrer seit 2015.

„Für diejenigen, die meinen, wir bekommen den Hals nicht voll genug, möchte ich sagen: Wenn es so weitergeht, macht unseren Job keiner mehr, und am Ende wird der Fahrgast darunter noch mehr leiden als jetzt schon, wenn die Busse oder Bahnen ausfallen, weil kein Personal da ist!“

Butter im Supermarkt oder eine Urlaubsreise in die Türkei leisten sich Kathrin und André Lepke schon seit Jahren nicht mehr. Doch vor allem ginge es bei dem aktuellen Arbeitskampf zwischen der Gewerkschaft Verdi und der BVG um Wertschätzung, betont die Straßenbahn-Fahrerin. „Ich war mal stolz, bei der BVG zu arbeiten, aber inzwischen kann ich mich nicht mehr mit dem Unternehmen identifizieren.“

Ähnlich gehe es auch ihrem Mann, den das Thema sogar in eine Depression gestürzt habe. „Er hat derzeit schon Probleme, nur darüber zu sprechen“, berichtet die Ehefrau. Demnächst würde auf dem Betriebsbahnhof in Berlin das 40-jährige Bestehen mit einem großen Fest gefeiert. „Wir wollten eigentlich mit Kindern und Enkeln hingehen, aber er schafft das einfach nicht. So muss ich alleine gehen."

Die schlechten Gefühle lägen vor allem am fehlenden Rückhalt durch den Arbeitgeber. „Wenn es Ärger mit Fahrgästen gibt, ist hinterher immer der Fahrer der Blöde. Aber auch wenn ich die Leitstelle anrufe, weil ich die vorgeschriebenen Lenkzeitpausen nicht einhalten kann, wird mit mir diskutiert, warum ich das nicht geschafft habe“, sagt Kathrin Lepke kopfschüttelnd.

„Dabei wollen wir doch nur einfach unsere Stulle im Stehen essen können, zumal Mahlzeiten in der Fahrkabine gar nicht erlaubt sind“, betont die BVG-Angestellte. Als sie mit ihrem Beruf noch zu DDR-Zeiten anfing, habe es an den Endhaltestellen sogenannte Pausenheime gegeben. Dort habe die Belegschaft für kleines Geld Bratwurst und Bratkartoffeln essen können. „Inzwischen bin ich froh, wenn ich einen Kaffeeautomaten oder einen Wasserspender vorfinde.“

Viele Fahrgäste essen und trinken dagegen trotz Verbotsschildern in Bahnen und Bussen. „Ich mag auch gerne Döner“, sagt Kathrin Lepke. „Aber doch nicht in der Straßenbahn. Da fällt immer was runter, und der nächste rutscht dann darauf aus.“

Ängste und Alltagsprobleme des BVG-Personals

Früher seien die Fahrer und Fahrerinnen für die Passagiere noch so etwas wie Autoritätspersonen gewesen. „Wenn ich heute nur gewisse Personen anschaue, fühlen die sich sofort provoziert und spucken mir gegen die Scheibe. Es heißt, man soll das nicht persönlich nehmen, aber hätte ich das Fenster offengelassen, hätte ich die Rotze im Gesicht gehabt.“

Was die Tram-Fahrerin auch nicht verstehen kann: wenn Leute gleich hinter ihrer Kabine extrem laut und störend sind. „Mensch, ich muss mich hier konzentrieren. Es ist doch eurer Leben, das ich hier durch die Gegend kutschiere“, denkt sie sich dann oder spricht es manchmal auch laut aus. Doch selbst vor ihrem 50-Tonnen-Gefährt scheinen viele keinen Respekt zu haben und zwingen sie immer wieder zu Notbremsungen. „Zum Glück gab es noch keinen schweren Unfall.“

Und dann gibt es die Fahrgäste, die immer wieder die Türen aufdrücken, obwohl sie schon längst zur Abfahrt geklingelt hat, und das häufig so lange, bis es eine Türstörung gibt. Dann muss die Tram-Fahrerin aussteigen und die entsprechenden Türen per Hand betätigen, damit es weitergehen kann. „Inzwischen habe ich schon Angst davor, nach hinten zu laufen, denn Kollegen wurden dabei schon körperlich angegriffen.“

Katrin Lepke hat noch Glück, dass sie recht groß und breiter gebaut ist. „Wenn ich lauter werde, reagieren viele auf meine Ansagen.“ Doch vor kurzem drosch ein Mann immer wieder aggressiv gegen ihre Fahrerkabine. Er hatte die Endhaltestelle verpasst. Sie hatte die Bahn nicht mehr mit einem Kontrollgang absuchen können, weil ihre Pausenzeit schon wieder auf zweieinhalb Minuten geschrumpft war und sie noch auf Toilette musste.

So konnte sie den Mann erst wieder an der Betriebshaltestelle hinauslassen. Doch trotz aller Erklärungen habe dieser sich nicht mehr beruhigt. „Da ist auch bei mir das Fass übergelaufen. Kurz zuvor hatten mir schon ein paar Jugendliche die Scheibenwischer geklaut“. Sie bat über Funk, die Polizei zu alarmieren. Doch das sei dort erst einmal abgelehnt worden. „Das ist es, was ich mit fehlendem Rückhalt meine.“

Als die Polizei am Ende doch noch kam, war es Kathrin Lepke, die sich länger vor allem vor dem Arbeitgeber rechtfertigen musste - und die Bahn stand für den Rest des Tages still.

Misstände im Fahrdienst? BVG äußert sich auf Anfrage

Die BVG selbst hat sich auf Anfrage zu den im Text erwähnten Missständen im Fahrdienst folgendermaßen geäußert: „Selbstverständlich sollen die Fahrer und Fahrerinnen die Möglichkeit haben, ihre vereinbarten und gesetzlich geregelten Pausen auch wahrzunehmen. Wenn sie von Pausenzeiten von zehn Minuten sprechen, meinen sie die Wendezeiten an den Endstellen der einzelnen Linien.

Der überwiegende Teil der geschilderten Probleme ist auf die Herausforderungen des Großstadtverkehrs zurückzuführen. Die BVG arbeitet mit den zuständigen Behörden intensiv an verschiedenen Maßnahmen, z.B. für bessere Ampelschaltungen und damit weniger Verzögerungen an den Kreuzungen und Knotenpunkten.

Geplante Fahrzeiten werden regelmäßig mit den Realitäten abgeglichen und nötigenfalls angepasst. Ein Abweichen von Fristen bei der Dienstplanung sollte die absolute Ausnahme sein und ist nur in Einzelfällen geboten, beispielsweise, wenn sich durch Baustellen im Straßenland sehr kurzfristige Veränderungen ergeben, die im Sinne der Fahrgäste dann möglichst abgefedert werden sollen."

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