DDR-Geschichte: Ballon-Todesflug über Mauer nach West-Berlin wirft bis heute Fragen auf

Ein Foto erinnert an der Gedenkstätte der Bernauer Straße in Berlin an das letzte Todesopfer an der Berliner Mauer, Winfried Freudenberg. Auch in Berlin-Zehlendorf, wo er nach seiner Ballonflucht am 8. März 1989 tot aufgefunden wurde, gibt es eine Stele als Mahnmal.
Inga Kjer/dpa- Winfried Freudenberg flieht am 8. März 1989 mit einem selbstgebauten Ballon nach West-Berlin und stirbt.
- Menschen erforschen bis heute seine Fluchtgeschichte.
- Freudenberg war der letzte Mauertote; seine Frau Sabine überlebte.
- Ein Theaterstück, ein Hörspiel und ein Buch rekonstruieren die Ereignisse.
- 35 Jahre nach dem Mauerfall wird seiner weiterhin gedacht.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der rote Backsteinbau in der Kleingartenkolonie in Berlin-Pankow wirkt unscheinbar. „Das ist noch derselbe Zaun, an dem vor 35 Jahren die Volkspolizisten standen“, sagt Alexander Schmid. Der Hobbyhistoriker hat ein paar alte Zeitungsausschnitte dabei. Mit Sören Marotz, Chef des DDR-Museums, ist er an die Schäferstege 14 in Berlin-Blankenburg gekommen, um an Winfried Freudenberg zu gedenken und seine Geschichte noch einmal aufzurollen. Denn er ist der letzte Mauertote.
Winfried Freudenberg und seine Frau Sabine füllen in der Nacht zum 8. März 1989 an der heute leerstehenden Gaspumpstation des VEB Energiekombinats Berlin Erdgas in einen selbstgebauten Ballon, mit dem sie über die Mauer nach West-Berlin fliehen wollen. Während die Menschen in den umliegenden Datschen schlafen, wächst der Ballon, den beide in ihrer Zweiraum-Wohnung in Prenzlauer Berg aus Polyethylen-Gewächshausfolie zusammengeklebt haben, auf 14 Meter Höhe an.
Entscheidung über Leben und Tod
Doch das selbstgebastelte Fluggerät ist nur halb gefüllt, als die Volkspolizei anrückt und am Vorhängeschloss des Gartentors rüttelt. Freudenberg und seine Frau müssen in Sekundenschnelle eine Entscheidung fällen, die über Leben und Tod bestimmen wird. Um beide zu transportieren, ist der Ballon nicht voll genug, schätzen der Ingenieur und die Chemikerin ein. So löst Sabine, die schon auf dem abgebrochenen Besenstil unter dem Ballon sitzt, wieder ihren Gurt. Winfried kappt das Seil. In seinem Blick habe Hilflosigkeit gelegen, wird sie später sagen.
Erst ein halbes Jahr zuvor hätte Freudenberg während eines Besuchs bei West-Verwandten in Bad Pyrmont Republikflucht begehen können. Doch er kam in die DDR zurück, um seine große Liebe nicht zurückzulassen.

Die ehemalige Reglerstation des VEB Energiekombinats in der Nähe des S-Bahnhofs Blankenburg im Norden Berlins, an der die Freudenbergs in der Nacht zum 8. März 1989 das Gas für ihren Ballon abzapften, ist heute stillgelegt.
Andreas SchmidNun steigt er alleine in den Himmel über Berlin auf, und Sabine kann gerade noch flüchten. Die Vopos haben nur Augen für den Ballon, der als erstes eine Oberleitung streift. Es fliegen Funken, und der Strom in der Siedlung fällt aus. Auch weil es stark nach Gas riecht, schießen die Polizisten aus Angst vor einer Explosion nicht.
Die Oberleitungen gibt es heute nicht mehr. „Das lässt sich alles nur noch erahnen“, sagt Alexander Schmid. Er war Student in West-Berlin, als er in der Abendschau von dem toten DDR-Bürger erfuhr, dessen Leichnam am Morgen des 8. März im Vorgarten einer Zehlendorfer Villa gefunden wurde. Todesursache: Sturz aus großer Höhe.

Alexander Schmid, 1964 in West-Berlin geboren, lässt die Gechichte des letzten Mauertoten Winfried Freudenberg seit 35 Jahren nicht los. Dessen dramatischer Fluchtversuch per Ballon startete im März 1989 in Blankenburg im Norden Berlins an der ehemaligen Gasregelstation im Hintergrund.
Alexander SchmidWeibliche Wäsche im Fluchtgepäck
Der Ballon selbst blieb im Geäst eines Baumes an der Potsdamer Chaussee hängen. Schmid kaufte damals alle Zeitungen auf, die über den Todesflug berichteten. „Die Geschichte berührte mich. Aber ich fand es auch merkwürdig, dass in einer total überwachten Stadt wie dem geteilten Berlin so viele Fragen offenblieben. „Wo war die zweite weibliche Person, deren Wäsche man im Fluchtgepäck gefunden hatte“, lautete eine, die die Zeitungen nicht beantworten konnten. „Ich habe damals sogar bei der Polizei angerufen und mich tatsächlich mit der zuständigen Beamtin treffen können.“
Doch die akribische Spurensuche beginnt für Schmid erst rund 25 Jahre später, als er die Zeitungsartikel wieder aus der Schublade holt. Der Wirtschaftsingenieur aus West-Berlin sucht sich Mitstreiter beim Institut für künstlerische Forschung Berlin und begibt sich 2014 ein Jahr lang auf Recherchereise. Sie führt ihn zu Zeitzeugen, Bekannten und Verwandten Freudenbergs, vom westlichen Berlin in den Ostharz und weiter über Bad Pyrmont nach Ilmenau und zurück in den Osten der Hauptstadt.
Schmid kann dabei sogar die Witwe sprechen, die längst einen anderen Nachnamen trägt und mit der tragischen Geschichte schon lange abschließen wollte. Bei ihrer überstürzten Flucht vom Gelände der Gasregelstation hatte Sabine damals ihre Ausweisdokumente verloren. Noch in der Nacht der Flucht wird sie verhaftet und muss sich in Stasi-Untersuchungshaft monatelang Verhören unterziehen.
Flucht-Ballon schwebte über dem Flughafen Tegel
Aus den Interviews, Stasi- und Polizei-Akten und Expertengesprächen, die Schmid und Co zusammentragen, entsteht ein Theaterstück, danach ein Hörspiel und später ein Buch.
So lässt sich heute auch die Nacht des Todesfluges in etwa rekonstruieren. Ohne das Gewicht der zweiten Person steigt das Gefährt aus zusammengeklebten Plastikplanen viel höher als berechnet und treibt stundenlang über West-Berlin. Die Vorrichtung, die der Ingenieur gebaut hat, um das Gas dosiert abzulassen, funktioniert nicht. Als er den Flughafen Tegel überquert, versucht er mit einem Ballastabwurf auf seine Notlage aufmerksam zu machen. Im Gepäck hat Freudenberg, neben Beruhigungstabletten, Chemielehrbücher, Musikkassetten mit Dire Straits und Pink Floyd, Postkarten und Fotos.
Doch der Ballastabwurf lässt ihn nur noch weiter aufsteigen. Er ist nicht nur über dem Radar der Flughafensicherung, sondern in 3000 Metern Höhe ist es auch höllisch kalt. Freudenberg, der mit einem halbstündigen Flug über die innerdeutsche Grenze gerechnet hat, ist nur mit einer Lederjacke bekleidet. Nach fünf Stunden Flug von Norden nach Süden über West-Berlin steuert er kurz vor Kleinmachnow erneut auf die Mauer zu.
Ob der 32-Jährige daraufhin einen überstürzten Abstieg einleitete und vielleicht auch durch Erschöpfung und Unterkühlung den Halt verlor, kann nicht mehr geklärt werden. „Vielleicht ist er in Panik geraten, die Berliner Grenzanlagen mit dem Todesstreifen waren ja auch in der Nacht hell beleuchtet und so weithin sichtbar“, vermutet Sören Marotz, Chef des DDR-Museums. In seiner Einrichtung in Berlin-Mitte wurde Winfried Freudenberg schon vor zwei Jahren im Rahmen der Sonderausstellung „Ein Land und seine Helden“ porträtiert und sein Leben in einer Veranstaltung beleuchtet.
35 Jahre Mauerfall und friedliche Revolution
Nun hat Marotz zum Vor-Ort-Termin in Blankenburg ein Haushalts-Folienschweißgerät aus der Sammlung des Museums mitgebracht. „Aus den Stasi-Unterlagen wissen wir, dass das Paar genauso so eines für den Bau des Ballons benutzt hat“, erklärt der Ausstellungsleiter. Er findet es wichtig, im Jahr 2024, in dem 35 Jahre Mauerfall und friedliche Revolution gefeiert werden, auch an den letzten Mauertoten zu erinnern.

Ein Folienschweißgerät, mit der die Freudenbergs in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg den Flucht-Ballon fertigten, gehört heute zur Sammlung des DDR-Museums in Berlin.
Sören Marotz/DDR MuseumFür Marotz steht Freudenbergs Geschichte auch für Verzweiflungstaten im alltäglichen Totalitarismus, in die die DDR sogar noch kurz vor ihrem Untergang ihre Bürger trieb. Winfried Freudenberg, 1956 in Osterwieck im Harz geboren, wächst im sächsisch-anhaltinischen Lüttgenrode in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze auf. Nach einer Elektrikerlehre holt er in Abendkursen an der Kreis-Volkshochschule sein Abitur nach, studiert Informationstechnik in Ilmenau und schließt sein Studium als Diplom-Elektronikingenieur ab.
In der Studienzeit lernt er die spätere Diplomchemikerin Sabine W. kennen, die er im Herbst 1988 heiratet. Das Paar habe nicht länger hinnehmen wollen, dass ihm Reisen, Tagungen, Forschungsmöglichkeiten und Kontakte zu Menschen in westlichen Ländern verwehrt blieben, wird Sabine Freudenberg später erklären. So lässt sich Freudenberg in Berlin beim VEB Energiekombinat anstellen, um einen Schlüssel zu der Erdgas-Reglerstation zu bekommen.
„An einem der etwa 200 Gasregelstationen in Berlin und Brandenburg drei Stunden lang unbemerkt Gas abzuzapfen, wäre heute nicht mehr möglich“, sagt Andreas Wendt, Sprecher der NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg, der ebenfalls zum Gedenktreffen an die Schäferstege gekommen ist. „Durch den plötzlichen Druckabfall würde in der Notfallzentrale sofort ein Lämpchen aufleuchten“.
Auch Wendt hat sich im Zuge des 35. Jahrestages des Todesfluges auf Spurensuche beim VEB Energiekombinat gemacht und zwei ehemalige Mitarbeiter von Freudenberg gesprochen. Sie beschreiben ihn als Tüftler, der teilweise mit skurrilen Ideen auffiel und mehrere eigene Patente angemeldet hatte. Statt Daniel Düsentrieb habe man ihn im Betrieb Winnie Wahnsinn genannt. „Den Spitznamen kann er aber auch erst nach der missglückten Ballonflucht erhalten haben“, betont Wendt. Auch die Aussage eines ehemaligen Mitarbeiters, Freudenbergs Fluchtpläne seien durch einen Spitzel im VEB-Betrieb aufgeflogen, ließen sich faktisch nicht untermauern.
Kellner ruft die Volkspolizei
Laut Stasi-Akten ist es vielmehr ein einfacher Hilfskellner, der nach seiner Schicht auf dem Weg nach Hause aus dem Bus den gefüllten Ballon hinter der Hecke der Blankenburger Siedlung hin und her schwingen sieht. In Erinnerung, dass 1979 eine Ost-West-Ballon-Flucht gelungen war, bittet er den Busfahrer, ihn um halb zwei Uhr in der Nacht schon am nächsten Münztelefon rauszulassen, um die Volkspolizei anzurufen.
Während seiner Recherchen hat Alexander Schmid auch die Adresse des Kellners in der Hand. „Ich hatte den Finger schon fast auf der Klingel. Doch dann dachten wir uns, lassen wir den Mann mit seiner moralisch verwerflichen Vergangenheit weiterschlafen.“
Den Wahl-Historiker aus Berlin, der sich derzeit akribisch mit der Luftbrücke beschäftigt, wird das Thema Freudenberg aber wahrscheinlich nie ganz loslassen. „Es wäre interessant, mal in die Archive der Alliierten zu schauen und zu erfahren, was sie im Westen wirklich gewusst haben.“
Der letzte Mauertote
Einen ausführlichen Blick auf das Leben, Flucht und Tod von Winfried Freudenberg gibt das Buch „Ich hatte gehofft, wir können fliegen. Die Geschichte einer tragischen Flucht im Frühling 1989" von Caroline Labusch, das im Münchener Penguin Verlag erschienen ist.
Im DDR-Museum an der Karl-Liebknecht-Straße 1 in Berlin-Mitte werden Ost-West-Fluchten allgemein in der Dauerausstellung thematisiert. Aktuell zeigt das Haus in Zusammenarbeit mit dem Museum Berlin-Karlshorst die Sonderausstellung „Kleiner Bruder, großer Bruder – Die DDR und die Sowjetunion“, die das nicht immer einfache Verhältnis der beiden ungleichen Bruderstaaten beleuchtet.
Allgemeinen Besucherinformationen zum DDR-Museum finden sich unter www.ddr-museum.de.



