DDR-Architektur in Berlin
: Rathaus-Passagen – wohnen und einkaufen am Alexanderplatz

Die Rathaus-Passagen in Berlin-Mitte, in denen sich zu DDR-Zeiten exquisite Läden befanden, haben sich gewandelt. Doch das Wohn- und Geschäftshaus ist noch immer bei Touristen wie Bewohnern beliebt.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Die Rathaus-Passagen in Berlin-Mitte wurden 1969 eröffnet und von Architekt Heinz Graffunder entworfen, der sich später mit dem Palast der Republik einen Namen machte.

Maria Neuendorff

Die Rathaus-Passagen südlich vom Alexanderplatz in Berlin wirken im ersten Moment nicht unbedingt wie ein architektonischer Hingucker. Über ihre Schönheit lässt sich streiten, in Architektur-Foren wird das auch fleißig getan. Aber die Zeiten, in denen der Abriss gefordert wurde, sind längst vorbei.

Vielmehr wirkt der langgezogene Komplex gegenüber dem Fernsehturm 35 Jahre nach der Wende wie ein guter alter Bekannter, der gefühlt schon immer am Platz stand und der in der Stadtsilhouette fehlen würde, wäre er plötzlich nicht mehr da.

Rathaus-Passagen Berlin: Oben Wohnungen, unten Geschäfte

Dabei reicht die Geschichte der heutigen Rathausstraße bis in das Ende des 13. Jahrhunderts zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts war die damalige Königstraße Standort großer Kaufhäuser. Die heute weitläufige Fußgängerzone war zu dieser Zeit noch dicht bebaut und von starkem Straßenbahnverkehr geprägt.

Die Planungen für die Neubebauung des kriegszerstörten Areals leitete in den sechziger Jahren der Architekt Heinz Graffunder (1926 bis 1994). Der gebürtige Berliner gehört zur ersten Generation der in der DDR ausgebildeten Architekten und erregte unter anderem mit dem Palast der Republik sowie der DDR-Botschaft in Budapest internationale Aufmerksamkeit.

An der Rathausstraße entwarf er mit seinem Team ein Gebäude, in dem man oben wohnen und unten einkaufen und seine Freizeit verbringen kann. Eine dreigeschossige, öffentlich genutzte Zone bildet den Sockel für fünf 43 Meter hohe Wohnhochhausscheiben. Im Erd- und im ersten Obergeschoss wurden Läden untergebracht. Das zweite Obergeschoss diente Büros und Praxen.

Rathaus-Passagen in Berlin-Mitte: Ein besonderer DDR-Plattenbau

Vielleicht liegt es an der Höhe des Fernsehturms oder an der langgestreckten Anmutung der Rathaus-Passagen – dass es sich um ein Hochhaus handelt, wird einem erst richtig bewusst, wenn man mit einem der zahlreichen Fahrstühle in den 12. Stock hinauf ruckelt.

Vom Gang aus kann man rückseitig über die Dächer der Stadt schauen. Zwar wirken die Flure geduckt wie im herkömmlichen Plattenbau, doch dieser hier wurde schon aufgrund seiner prominenten Lage von den Architekten modifiziert.

Die Waschbetonfertigteile sind mit besonderen Materialien verkleidet. Die Brüstungen der Wohngeschosse verzierten die Erbauer mit weißem Marmorsplitt in hellem Wolfener Zement und blauen Glasmosaiken aus Reichenbach. An Fahrstuhl- und Treppenhausschächten sitzen rote Spaltklinker aus Großräschen und Zahna, um eine optische Verbindung zum Roten Rathaus zu schaffen.

Unschlagbare Miete in Berlin-Mitte – lange Wartezeiten für Wohnungen

Dazu sind die Wohnungen größer als bei gewöhnlichen DDR-Plattenbauten dieser Zeit. Das ermöglicht eine größere Gebäudetiefe. „Mit den Wohnungen kann man viel machen, wenn man zum Beispiel die Wände rausnimmt“, sagt ein Mieter, der seit 15 Jahren in der zwölften Etage lebt. Aus seinem Schlafzimmer kann er über den Molkenmarkt und das Klosterviertel schauen. Aus dem Wohnzimmer das bunte Treiben auf der riesigen Freifläche zwischen dem Fernsehturm und dem Roten Rathaus beobachten.

Die Miete für die drei Zimmer, die er mit seinem Partner bewohnt, sei mit 600 Euro in Mitte an diesem zentralen Ort unschlagbar, findet der 42-Jährige. „Die durchschnittliche Nettokaltmiete in den 349 Mietwohnungen beläuft sich auf 6,50 Euro pro Quadratmeter“, heißt es auch von der kommunalen WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte, der die Immobilie gehört. Leerstand gibt es nicht.

Blick in einen der Gänge im 12. Stockwerk des Wohntraktes der Rathaus-Passagen in Berlin.

Maria Neuendorff

Im Gegenteil. „Die Wartezeit auf eine Zwei-Zimmer-Wohnung beträgt drei, auf eine Einraum-Wohnung fünf Jahre“, sagt der Mieter, der vorher auf der anderen Seite des Platzes an der Karl-Liebknecht-Straße in einem WBM-Haus wohnte. Dass Supermarkt, Drogerie und Ärzte direkt unten zu finden sind, sei ebenfalls ein großer Vorteil des Ensembles, das auch eine sozialistische Antwort auf die modernen Wohnhäuser des Architekten Le Corbusier sein sollte.

Dafür gibt es keine Balkone. Von der Fußgängerzone aus uneinsehbar gibt es aber eine Bewohnerterrasse, die umrahmt von den zwei Seitenflügeln auf dem Dach angelegt wurde und auf der sich die Mieter im Sommer auf Bänken abkühlen und vom trubeligen Umfeld zurückziehen können.

Im Innenhof der Berliner Rathaus-Passagen gibt es eine nicht öffentlich zugängliche Anwohner-Terrasse auf dem Dach der eigentlichen Einkaufspassage.

Maria Neuendorff

Das ist manchmal auch nötig. „Der Ort hier ist schon ein Schmelztiegel, das merkt man schon“, sagt der Mieter. „Anwohner, Touristen, Obdachlose und Trinker, hier trifft alles aufeinander“, verdeutlicht er.

„Das war hier schon immer so“, sagt auch der Mann im weißen Kittel, der die öffentlichen Toiletten in der Einkaufspassage betreut. Er kennt die Rathaus-Passagen schon seit den 1970er-Jahren, als sie unter anderem das „Haus der Mode“ beherbergten. „Ich kam extra aus Prenzlauer Berg her, weil es hier auch West-Klamotten gab, die sonst nicht zu bekommen waren“, berichtet der 72-Jährige. Die seien allerdings teuer gewesen. „Im Haus der Mode habe ich meinen ersten Hochzeitsanzug für 970 Ost-Mark gekauft“, erinnert sich der Ex-Gastronom.

Reise in die DDR-Vergangenheit: Ostseeschmuck und Goldbroiler

Besondere Waren boten aber auch das Schuhhaus Hans Sachs, der Ostseeschmuck-Laden, der Pelzsalon sowie das Feinkostgeschäft Delikat an. Die Ladenzone in den unteren Geschossen zählte seinerzeit zu den exklusivsten Einkaufszentren der DDR. „Vor dem Goldbroiler-Restaurant standen die Leute Schlange, um die knusprigen Brathähnchen zu bekommen. Dazu gab es an der Fußgängerzone noch Buden mit Bock- und Ketwurst“, erinnert sich der WC-Mann.

Blick ins Erdgeschoss mit Geschäften in Berlin-Mitte.

Maria Neuendorff

Beliebt waren auch das Weinrestaurant Morava, das Berliner Kaffeehaus, das Café Rendezvous sowie das Café Espresso. Bis heute befindet sich im Keller ein Bowlingzentrum. Im Inneren prägt ein neues asiatisches Bistro das Bild, denn die Mitte der Passage wurde dafür eingeglast. Zur Vorderfront hin gibt es einen „Italiener“ und einen „Mexikaner“.

Das Softeis wird inzwischen in acht exotischen Varianten verkauft. Die Schaufenster-Puppen im ersten Obergeschoss tragen Narrenkleider und Skelettkostüme eines Kölner Karnevalhändlers. Auch in den Souvenirläden erinnert bis auf die Ampelmännchen-Anhänger wenig an die DDR-Vergangenheit.

Durch den Spalt zweier Wohnhaustrakte der Rathaus-Passagen sieht man auf die Sockelteile des Berliner Fernsehturms und bis zur Karl-Liebknecht-Straße.

Maria Neuendorff

Nach der Wende wurde das Wohn- und Geschäftshaus von 2002 bis 2004 für rund 70 Millionen Euro saniert. Das Einkaufszentrum wurde dabei komplett umgebaut und überformt. Ein Parkhaus entstand.

Doch die Fassaden und Giebel der Wohntrakte wurden original erhalten. Ihre facettenartig gegliederten Fassaden nehmen die Gestaltung des Alexanderhauses, des Berolinahauses und des Fernsehturms auf. Die Treppenhaustürme an der Rathausstraße korrespondieren mit den Treppenhaustürmen des gegenüberliegenden Blocks an der Karl-Liebknecht-Straße.

Persönliche Erinnerungen

Haben Sie selbst noch besondere persönliche Erinnerungen an einen DDR-Ort in Berlin, der die Zeiten überdauert hat und der bis heute einen Besuch wert ist? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff „Erinnerungen“ an mneuendorff@nbr-info.de

Leider vergeblich sucht man heute Kunstwerke, wie das Keramikrelief „Berliner Humor“, das Mosaik „Berliner Leben“ und den Tröpfelbrunnen vom Bildhauer Gerhard Thieme. Letzterer stand ab 1972 im Innenhof der Passagen und wurde nicht selten von Passanten zum Händewaschen genutzt. Wo die Kunstwerke abgeblieben sind, hat die WMB nicht dokumentiert.

Die Zeiten am Originalschauplatz überdauert hat dagegen das „Monument für die Bauarbeiter“. Gerhard Rommels Bronzerelief von 1970 am nördlichen Ende zeigt Szenen und Porträts von Menschen vom Bau.

Die Brigadeleiterin trägt Busen und ein Arbeiter ein Kind vor sich her. Diese bildhauerischen Details sollten auf die Gleichberechtigung in der DDR gerade auch in den traditionellen Männerbranchen hinweisen. Wie viele Frauen an den Rathaus-Passagen mitwirkten, ist nicht überliefert.

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