Diabetes Typ 1 und 2 in Brandenburg
: Symptome, Ernährung, Medikamente - das ist wichtig

HintergrundWelche Symptome sind bei Diabetes besonders häufig, welche Rolle spielen Ernährung und Medikamente, um Typ 1 und 2 zu lindern? Dabei werden Kinder anders behandelt als Erwachsene.
Von
Kerstin Bechly,
Annegret Krüger
Spremberg/Frankfurt (Oder)
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Abnehmspritzen: ARCHIV - 11.07.2024, Berlin: Spritzen der Marken „Wegovy“, „Ozempic“ und „Mounjaro“ werden in der Achat Apotheke in Mitte verkauft. (zu dpa: «Hype um Abnehmspritze - ein Jahr «Wegovy» in Deutschland») Foto: Jens Kalaene/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Es gibt mittlerweile gute Medikamente gegen Diabetes Typ 1 und 2, die auch gegen Adipositas helfen. Doch eine Fachärztin aus Brandenburg rät, sich nicht allein darauf zu verlassen.

Jens Kalaene/dpa
  • Oberärztin erklärt Typen, Ursachen und Folgen von Diabetes – Prävention bleibt zentral.
  • Rund zehn Prozent in Deutschland betroffen, Dunkelziffer höher. Früherkennung ist wichtig.
  • Typ 2 oft mit Übergewicht verbunden. Lebensstiländerung, mediterrane Kost und Bewegung helfen.
  • Kinder haben häufig Typ 1, Autoimmunprozess. Insulintherapie, ideal mit Pumpe und Sensor.
  • Moderne Mittel wie Metformin, DPP-4- und GLP-1-Präparate schützen Herz und senken Gewicht.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wer an einem Diabetes erkrankt, hat zugleich ein erhöhtes Risiko für diverse Folge- und Begleiterkrankungen. Entsprechend müssen diese Krankheit und die Prävention ernst genommen werden. Im Webseminar „Diabetes verstehen und vorbeugen“ hat Oberärztin Simone Vatter vom Krankenhaus Spremberg über die verschiedenen Diabetes-Typen und deren Ursachen informiert und darüber, warum Kinder anders als Senioren behandelt werden. Sie hat Ursachen, Prävention und moderne Behandlungsmöglichkeiten erklärt.

Dem Thema Diabetes begegnet man immer häufiger, egal ob im Fernsehen, Internet oder Zeitungen. Ist das wirklich so brisant? 
Ja, das ist eindeutig mit Zahlen belegbar. Etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung sind an Diabetes erkrankt. Die Dunkelziffer liegt noch höher, da die Krankheit oftmals nicht sofort erkannt und sicher diagnostiziert wird. Betrachtet man dazu das Umfeld der Patienten - Familie, Verwandte, Freunde – die von den Alltagsauswirkungen mitbetroffen sind, so ist das Interesse an dieser Krankheit gerechtfertigt, muss die Aufklärung weiter wachsen.

Was sind die Ursachen für Diabetes? 
Der Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung, die sich in dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten zeigt. Im Regelfall ist die Ursache mit dem Hormon Insulin verbunden. Je nach Diabetestyp tritt Insulinmangel oder Insulinresistenz auf. Das bedeutet, der Körper der Patienten ist nicht in der Lage, ausreichend Glukose in den Zellen zu verstoffwechseln, also zu verbrauchen.

Diabetes Typ 2 ist am häufigsten - es gibt aber viele Typen

Es ist immer von Diabetes 1 oder 2 die Rede. Es gibt doch aber auch noch andere … 
Richtig. Das liegt daran, dass etwa 90 Prozent der Patienten Diabetes Typ 2 haben, fünf Prozent sind von Diabetes 1 betroffen. Die noch offenen fünf Prozent verteilen sich auf zahlreiche andere Formen. Genannt seien Diabetes in der Schwangerschaft, nach Erkrankung der Bauchspeicheldrüse, Entzündungen oder Operationen der Bauchspeicheldrüse bzw. andere seltene Stoffwechselerkrankungen, die zu einem Insulinmangel oder aber zu einer unzureichenden Wirkung des körpereigenen Insulins im Blut führen.

Früher sprach man oft von Altersdiabetes. Kann man dagegen auch frühzeitig etwas tun? 
Der Typ 2 Diabetes ist längst nicht mehr der Altersdiabetes. Es gibt aktuell nicht wenige Kinder, die bereits darunter leiden, oftmals durch den Risikofaktor Adipositas, starkes Übergewicht. Gerade zu Beginn der Erkrankung hat der Körper oftmals noch ausreichend Insulin, kann dies aber nicht gut nutzen oder es wird nicht ausreichend in die Zellen hineingeschleust. In der Folge haben die Betroffenen einen deutlich erhöhten Glukosespiegel. Dieser Diabetestyp entwickelt sich meist sehr langsam, sodass man es erst bemerkt, wenn sich Spät- oder Folgeerkrankungen zeigen wie diabetische Neuropathie oder Veränderungen im Bereich der Füße, Augen- und Nierenerkrankungen.

Wird ein Typ 2 Diabetes frühzeitig erkannt und diagnostiziert, kann jeder Betroffenen selbst entscheidend gegensteuern durch eine angepasste und vielleicht umgestellte Ernährung und durch Reduktion des Körpergewichts. Die Erkrankung ist oftmals durch die Kontrolle des Glukosewertes  zu differenzieren, und dies kann der Hausarzt veranlassen. Bei anderen Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder weiteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird das meist parallel mit untersucht.

Kinder und Senioren mit Typ 2 werden verschieden behandelt

Ich beschäftige mich als Betroffener intensiv mit Diabetes 2. Bei der Behandlung von jüngeren und älteren Patienten mit Diabetes 2 habe ich Unterschiede festgestellt, zum Beispiel was Zielwerte betrifft. Warum ist das so? 
Ihre Beobachtung ist richtig. Ältere und jüngere Patienten leiden bei dieser Erkrankung unter starkem Durst, häufigem Wasserlassen, geringer Belastbarkeit, verschwimmendem Sehen, schlechter Wundheilung. Die Erscheinungsformen sind in den Altersgruppen völlig gleich. In höherem Lebensalter aber misst man all dem nicht mehr solche Beachtung zu, übersieht somit oft, wie sich der Diabetes manifestiert. Die Erklärung „Ich werde eben älter“, befördert dies.

Jetzt kommt der von Ihnen beobachtete Unterschied, der in der Manifestation der Krankheit begründet ist. In Abhängigkeit davon, wie alt der Patient bei der Manifestation ist, entscheidet der Arzt, wie streng noch eingegriffen werden kann, also wie intensiv versucht wird, die Zielwerte einzuhalten. Dementsprechend werden Medikamente eingesetzt.

Wir wissen, dass je strenger wir bei jungen Diabetiker-Patienten sind, desto verringerter sind die Chancen der Folgeerkrankungen, desto besser können wir diese im Lebensalter  nach hinten schieben. In der Umkehrung ist es so, dass bei älteren Menschen die negativen krankhaften Veränderungen bei Augen und Nieren nicht mehr so intensiv und schnell voranschreiten wie bei jüngeren. Deshalb müssen gerade junge Patienten den Umgang mit der Krankheit erfassen, erlernen und konsequent gegensteuern in allen Bereichen. Das bedeutet für sie mehr Lebensqualität auf längere Sicht. Aus meiner praktischen Erfahrung weiß ich, dass eine Änderung des Lebensstils bei reiferen Patienten schwieriger zu erreichen ist.

Schulungen zur Ernährung in Brandenburg kaum angenommen

Stimmt es wirklich, dass man durch eine Änderung seines Lebensstils den Diabetes 2 entscheidend beeinflussen kann? 
Eindeutig Ja. Nach der Diagnose führen wir stets mit den Patienten eine Lifestyle-Modifikation durch. Es wird die Ernährung besprochen, gerade mit Patienten, die Adipositas haben. Das Körpergewicht sollte dringend reduziert werden. Veränderungen in Richtung mehr Bewegung sind entscheidend. Leider zeigt die Praxis auf, dass nur ein Fünftel der Diabetespatienten Schulungsangebote wahrnimmt.

Oberärztin Simone Vatter am Krankenhaus Spremberg, Fachärztin für Innere Medizi, spezialisiert auf die Fachrichtung Diabetologie, betreut Schwerpunktpraxis für Diabetologie des Medizinischen Versorgungszentrums Poliklinik Spremberg

Oberärztin Simone Vatter arbeitet am Krankenhaus Spremberg und ist Fachärztin für Innere Medizin. Sie hat sich auf die Fachrichtung Diabetologie spezialisiert.

Harry Müller/codiarts.®

Wenn Mediziner dann sehen, dass keine ausreichende Stoffwechselstabilisierung gelingt, werden die nächsten therapeutischen Maßnahmen eingeleitet. Das reicht von Tablettengaben weiter über Injektionstherapien. Es steht eine breite Auswahl an modernen Medikamenten zur Verfügung. Bei Patienten, die bereits lange an Diabetes 2 erkrankt sind, muss zusätzlich eine Insulintherapie beginnen.

Diabetes bei Kindern - das sind die Symptome

Warum haben gerade Kinder oft den Diabetes 1? 
Diese Form ist eine Autoimmunerkrankung, die im Kindes- oder Jugendalter durch eine Infektion ausgelöst wird. Oft führt dieser virale Infekt zu einer Aktivierung des Immunsystems, welches die Insulin produzierenden Zellen, die sich im Bereich der Bauspeicheldrüse befinden, zerstören. In der Folge bildet der Körper weniger oder gar kein Insulin mehr und dieses muss dann lebenslang von außen zugeführt werden.

Wir verstehen diese Vorgänge medizinisch vor allem durch zahlreiche Studien mittlerweile  besser und können mit modernen Medikamenten regulierend eingreifen. Das bedeutet aber nicht, dass wir die Erkrankung aufhalten können, nur verzögern. Deswegen ist es mittlerweile möglich, dass wir Kinder von Patienten mit einem Typ 1 screenen: Es werden gezielte Untersuchungen gemacht, um Antikörper oder schon Manifestationen zu entdecken, also den Erkrankungsbeginn nach hinten zu verschieben. Diese Antikörpertherapie ist etwas, was uns seit ein paar Jahren zur Verfügung steht.

Wichtig für das Gegensteuern ist der Nachweis in einer relativ frühen Phase. Aber, das muss unbedingt gesagt werden, auch ältere Menschen können am Typ 1 erkranken. Das ist oftmals noch problematischer, weil zu spät erkannt bereits eine Manifestation erfolgte und nicht selten eine falsche Behandlung. Aus dem Grund ist es besonders wichtig, in einem zeitigen Stadium der Erkrankung genau zu diagnostizieren, welche Form von Diabetes vorliegt. Nur dann kann man mit Medikamenten gegensteuern, vor allem die Patienten ausreichend schulen zur Umstellung ihres Lebensstils.

Was ist die beste Behandlung für Patienten mit Diabetes Typ 1? 
In der Regel erfolgt eine mehrfache Insulin-Applikation, also Spritze, verteilt über den Tag. Um dies im Alltag erfolgreich umsetzen zu können, erhalten die Patienten eine intensive Schulung. Die optimale Versorgung ist die Verwendung eines automatischen Insulin-Dosierungssystems, das heißt einer Pumpe in Verbindung mit einem Sensorsystem. Damit kann am besten die Bauchspeicheldrüsenfunktion nachgeahmt werden.

Mediterrane Kost: Warum hilft diese Ernährung?

Wie sehen Ihre Ernährungsempfehlungen für betroffene Patienten aus. Können Sie vielleicht zu festgelegten Wochenplänen raten? 
Unabhängig davon, an welchem Diabetestyp man erkrankt ist, empfehlen wir eine gesunde, mediterrane Kost. Gewichtsreduktion steht nicht unmittelbar an erster Stelle für die meisten Betroffenen. Die Aufnahme von Kohlenhydraten im Blut darf nicht zu rasch erfolgen, um den Insulinwert nicht hochschießen zu lassen. Deshalb sollte die Nahrung reich an Ballaststoffen sein. Das verlangsamt den Glukoseeinfluss.

Dann sollte man schauen, dass nicht zu fettige Nahrungsmittel auf den Tisch kommen, dafür der Eiweißgehalt hoch ist. Typ-1-Patienten lernen genaue Berechnungen, um ihren Glukosespiegel stabil zu halten. Leider ist es so, dass gerade bei reiferen Patienten sich bestimmte Ernährungsverhalten so verfestigt haben, dass diese schwer änderbar sind, was langfristig der Krankheit in die Hände spielt. Das zeigt, dass es hier immer um sehr individuelle Entscheidungen und damit ärztliche Ratschläge geht. Deshalb sollte man Ernährungspläne individuell erstellen.

Den Anfang einer erfolgreichen Umstellung macht oft ein Ernährungstagebuch. Das zeigt gute und schlechte Gewohnheiten, offeriert Wege des Gegensteuerns. Wer beim Frühstück erkennt, dass das Weizenbrötchen mit Butter und Wurst plus der süße Orangensaft schmecken, aber schaden, der stellt um auf Haferflocken mit Magerquark und pektinreichen Früchte wie Blau-beeren. Dabei helfen der Haus- oder Facharzt, geschulte Schwestern und Ernährungsberater.

Für das Mittagessen empfehlen wir die „Tellermethode“. Stellen Sie sich Ihre Mittagsmahlzeit wie folgt vor: Auf der Hälfte des Tellers sollte sich im besten Fall Gemüse befinden. Die andere Hälfte teilen sich Proteine und Eiweiße. Eiweiße sollten dann auch das möglichst nicht so späte und leichte Abendessen dominieren. Gemüse, Geflügelfleisch und Quark sind empfehlenswert. Vollkornbrot sorgt für längere Sättigung, wirkt Heißhungerattacken entgegen.

Wie groß sollte die Essenspause zwischen den Mahlzeiten sein? 
Patienten mit Diabetes 2 sollten sich um fünf Stunden Pause bemühen. Das ist gut gegen dauerhafte Insulinproduktion.

Ist die Verwendung von Süßstoff statt Zucker empfehlenswert oder gefährlich? 
Es gibt Bedenken, denn Süßstoff könnte krebserregend wirken. Aber – es gibt keine großen Studiengruppen, die dies auch sicher belegen. Deshalb gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift. Deshalb: Reduzieren Sie Zucker, wo es nur geht. Beim Backen reicht oftmals schon die Hälfte der angegebenen Menge.

Ich bin wegen meiner Diabetiserkrankung in einem Chroniker-Programm, habe aber keine Auffälligkeiten mehr. Kann ich dies beenden? 
Auf keinen Fall, denn Ihre Krankheit ist nicht „beendet“, die wird Sie immer begleiten. Deshalb rate ich zu der ständigen Kontrolle, die das Programm den Patienten bietet. Regelmäßig erfolgt die Überwachung von Nierenwerten und der Füße, Sie können all Ihre Fragen stellen. Das sichert Sie ab und dies kostenfrei. Wichtig ist für Diabetiker gerade diese Regelmäßigkeit.

Metformin hat sich als eines der Medikamente bewährt

Welche modernen Medikamente gibt es gegen Diabetes Typ 2? 
Bewährt und seit Jahren eingesetzt wird Metformin.  Positiv an neuen Medikamenten ist vorrangig das geringere Risiko, was Herz-Kreislauferkrankungen und Herzschwäche betrifft. Die Nieren sind sehr gut geschützt, es muss aber noch ausreichend eigenes Insulin produziert werden. So sorgen DPP-4-Hemmer dafür, dass das Unterzuckerungsrisiko sinkt, der Zucker wird stabilisiert. Sie sind außerdem gewichtsneutral und neutral bei Herz-Kreislauferkrankungen.

GLP-1-Präparate sorgen dafür, dass mehr körpereigenes Insulin produziert wird. Die Aufnahme von Kohlenhydraten in den Magen-Darm-Trakt passiert langsamer, damit erfolgt der Zuckereinstrom ins Blut auch langsamer. Die Blutzuckerprofile werden geglättet. Ein Nebeneffekt ist die Körpergewichtsreduktion.

2005 kam ein Medikament aus dieser Stoffgruppe auf den Markt. Das war sehr bedeutsam, weil Körpergewicht beim Typ 2 eine sehr große Rolle spielt. Mittlerweile haben wir Präparate, die nicht nur für eine Verbesserung der diabetischen Stoffwechsel zuständig sind, sondern auch eine Körpergewichtsreduktion ermöglichen. Diese Präparate sind für die Adipositas-Behandlung zugelassen. Die Wirkstoffe sind Mounjaro, ein Tirzepatid, und Wegovym, ein Semaglutid.

Erhalte ich nach der Diagnose von Diabetes eine Kur oder Reha? 
Das kann man nicht pauschal beantworten. Es erfordert Anträge bei Ihrer Krankenkasse und/oder dem Rentenversicherungsträger. Dabei kommt es darauf an, wie weit die Manifestation der Krankheit ist, welche Notwendigkeiten der Lebensumstellung für Sie in Frage kommen, wie es mit der Integration in einen normalen Arbeitsprozess aussieht, welche gesundheitlichen Einschränkungen vorliegen bzw. aufhaltbar sind. Auf alle Fälle raten ich Ihnen, alle angebotenen Schulungen zur Lebensumstellung wahrzunehmen.