Hund mit Angst
: So werden Hunde Ängste los - Tipps und Beispiele von Expertin

Hunde zeigen Angst auf unterschiedliche Weise. Eine Tierärztin und Verhaltenstrainerin aus Berlin erklärt, wie das Gefühl bei Hunden entsteht, warum viele Vierbeiner Panik in der Stadt haben und was hilft.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Merle ist sehr ängstlich und lebt derzeit im Tierheim in Berlin.

Merle ist besonders ängstlich und lebt derzeit im Tierheim in Berlin.

Beate Kaminski
  • Expertin erklärt, wie Hundeangst entsteht und warum Städte Hunde schnell überfordern.
  • Fehlende Sozialisierung, Traumata und Druck führen oft zu Panik, Stress oder Aggression.
  • Training in kleinen Schritten hilft: Gassi-Zeiten anpassen, ruhige Orte nutzen, Autofahrten üben.
  • Vier F’s zeigen Angstreaktionen: Flucht, Angriff, Erstarren und „Herumskaspern“.
  • Webinar „Angsthunde“ am Donnerstag von 18 bis 20 Uhr – kostenfrei online via Zoom.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn Merle einen fremden Menschen sieht, zieht die Hündin den Schwanz ein und sucht sofort nach Fluchtmöglichkeiten. „Sie würde sich am liebsten in Luft auflösen und ist wahrscheinlich der ängstlichste Hund bei uns“, sagt Beate Kaminski vom Tierheim Berlin.

Der fünfjährige Terrier-Mix wurde vor über einem Jahre im Falkenberger Tierheim abgegeben, nachdem der Besitzer verstorben war. „Er war schon ein älterer Herr, wahrscheinlich hat Merle mit ihm sehr zurückgezogen gelebt, Deshalb gerät sie bei allem, was sie nicht kennt, in Panik“, erklärt sich Kaminski den Fall.

Denn es gibt viele verschiedene Gründe, warum sich Hunde zu Angsttieren entwickeln können. Neben fehlender Sozialisierung sorgen auch Traumata, schlechte Erfahrungen wie Vernachlässigung und Misshandlungen sowie zu viel Druck dafür, dass Hunde in vielen Situationen mit Panik, Stress, aber auch mit gefährlicher Aggression reagieren.

Hunde-Angst vor Großstadt-Lärm

„Entscheidend sind vor allem die ersten Lebensmonate“, sagt Dr. Ann-Kathrin Fritsche, Therapeutin für Tierverhalten in Berlin und Umland. Die Prägephase bei Hundewelpen, in der man sie möglichst behutsam mit der Welt bekannt machen sollte, liege hauptsächlich zwischen der dritten und zwölften Lebenswoche. „Wenn sie da nur in einem Keller oder einer Lagerhalle gehalten wurden, ist es klar, dass sie draußen Probleme bekommen.“

Vor allem in Großstädten wie Berlin. Die Hektik, der Verkehr, die vielen Menschen und lauten Geräusche können Angst einflößend sein und überfordern die Tiere schnell. Dass viele Hunde sehr empfindlich auf bestimmte Geräusche wie Autolärm, Skateboard-Rollen und Donnergrollen reagieren, liege auch daran, dass der Mensch ihnen das Extrem-Lauschen quasi angezüchtet hat, um gute Wach- und Hütehunde aus ihnen zu machen.

Wenn ein Welpe in den ersten Lebensmonaten zum Beispiel in Zwingern irgendwo auf dem Land keine Erfahrungen mit den hier üblichen Umweltreizen machen konnte, könne es passieren, dass die Tiere danach hoch sensibel auf unbekannte Dinge reagieren, die Herrchen und Frauchen dagegen als ganz normal empfinden, erklärt Fritsche.

So wie der einjährige Mischling aus Rumänien, der sich in Berlin kaum aus dem Haus wagte. „Die Besitzer wollten anfangs immer mit ihm gegen halb 8 Uhr morgens raus, wenn gleichzeitig besonders viele Schüler unterwegs waren. Da haben wir als erstes die Gassi-Zeiten angepasst“, erzählt die studierte Veterinär-Medizinerin.

Gassi-Zeiten anpassen

Sie riet dem Paar, die Ausgänge zeitlich zu reduzieren. „Wichtig ist, das alles Schritt für Schritt zu trainieren“, betont die Expertin, „So dass der Hund merkt: Ok, wir gehen erstmal nur kurz raus, Pippi machen. Die schleppt mich jetzt nicht eine halbe Stunde durch die Stadt.“

Dem Paar mit dem rumänischen Mischling riet sie stattdessen, mit seinem Schützling das Autofahren zu trainieren. „Irgendwann konnten sie dann zweimal in der Woche in den Wald fahren. Da war der Hund endlich Hund und happy.“

Inzwischen kann das Paar mit seinem Liebling auch entspannt ihre Runden durch Berliner Straßen drehen. Wer kein Auto und wenig Zeit für Ausflüge hat, dem rät Fritsche, entspannte Orte in der Umgebung auszukundschaften. „Das kann auch erst einmal nur der eigene Hinterhof sein.“

Wenn man Angsthunde dagegen ohne Konzept mit den angstauslösenden Reizen konfrontiert, mache man die Sache nur noch schlimmer, warnt Ann-Kathrin Fritsche. Man bräuchte im Gegenteil sehr viel Einfühlungsvermögen und Geduld, um die Hunde zu stärken. „Das kann schon ein halbes Jahr bis Jahr dauern, ähnlich wie eine Therapie beim Menschen.“

Vier Reaktionen auf Hunde-Angst

Doch wie erkenne ich überhaupt, ob mein Hund Angst hat? In Fachkreisen werden die sogenannten „Vier F’s“ als mögliche Reaktionen auf eine Bedrohung genannt. Dazu gehören Flight (Flucht) – Fight (Angriff) – Freeze (Erstarren/Einfrieren) und „Fiddle about“ (Herumskaspern). Letzteres sehe man zum Beispiel häufig bei Golden Retrievern, wenn sie nervös-überdreht wie ein Clown herumrennen, erklärt Frische.

Mit ihrer „Mobilen Tierverhaltenspraxis“ bietet die dreifache Mutter aus Lichtenberg ganz individuelle Therapien, aber auch Seminare an. An diesem Donnerstag (26.3.) wird Fritsche die diesjährigen Berliner Heimtierrunden eröffnen. Bei der Info-Reihe lädt die Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz Berlin in Kooperation mit dem Tierschutzverein für Berlin regelmäßig zu kostenlosen Online-Vorträgen zu verschiedenen Tierthemen ein.

Unter der Überschrift „Angsthunde – Wie entsteht die Angst und wie gehe ich damit um?“ wird die Tierverhaltens-Therapeutin aus Berlin zwei Stunden lang die Gründe von Angstverhalten beleuchten und Anregungen im Umgang mit betroffenen Tieren geben.

Fritsche zieht mit ihrer Familie selbst gerade einen vier Monate alten Welpen groß. Wenn sie derzeit mit „Penny“ vor die Tür geht, lässt sie bewusst das Handy in der Tasche. „Gerade in den ersten Monaten ist es wichtig, dass die Aufmerksamkeit ganz beim Hund ist“, erklärt die Expertin. Nur so könne man auch herausfinden, welche Aktivitäten das Tier mag und womit es sich in Stresssituationen am besten beruhigen lässt.

Aggressives Hunde-Verhalten wegen Schmerzen

Bevor Fritsche den ersten Hausbesuch macht, fragt sie bei ihren Klienten erst einmal ein paar Dinge ab. Denn manchmal kann es einen rein körperlichen Grund haben, warum sich ein Hund ängstlich bis aggressiv verhält.

So wie der fünfjährige Cockerspaniel, der immer wieder ganz plötzlich wie aus dem Nichts Menschen und andere Hunde anknurrte und wie verrückt an der Leine zerrte. „Es stellte sich heraus, dass der Hund schlimme Schmerzen durch einen Bandscheibenvorfall hatte“, berichtet die 41-Jährige.

Ann-Kathrin Fritsche aus Berlin ist Tierärztin und Verhaltenstrainerin.

Ann-Kathrin Fritsche, Tierärztin und Verhaltenstrainerin aus Berlin, mit ihrer Hündin Wilma.

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Er bekam daraufhin Schmerzmittel und Physiotherapie. „Die Besitzerin hat wirklich alle Empfehlungen umgesetzt und sogar zu Hause Rampen eingebaut. Nach rund einem halben Jahr orthopädischer Behandlung war er wieder vollkommen der Alte“, freut sich die Berlinerin.

Da Tiermedizin oft Detektiv-Arbeit sei, bittet Fritsche die Hundebesitzer häufig, Tagebuch zu führen und genau zu notieren, in welchen Momenten der Hund plötzlich sein Verhalten ändert.

Auch das Herrchen sollte ruhig bleiben

Die Notizen förderten einen objektiveren Blick, erklärt sie. Denn auch für Herrchen und Frauchen könne es stark belastend sein, mit einem Angsthund immer wieder in stressige bis gefährliche Situationen zu geraten. Doch wenn der Mensch dann selbst gestresst, hektisch oder fahrig reagiert, denke der Hund erst recht; „Diese Situation war jetzt wirklich ganz schlimm, deswegen ist mein Besitzer so drauf.“

Am besten sei es, mit seinem Hund möglichst ruhig und langsam aus der Situation rauszugehen. Oder erst gar nicht reinzugehen. „Dann registriert auch mein Hund: Oh, sie weiß, ich bin in Nöten. Ich muss jetzt da nicht durch.“

Wichtig sei, die Hunde in einer für sie bedrohlich empfundenen Situation nicht noch in ein statisches „Sitz“ zu zwingen. Man könne sich aber durchaus in einigem Abstand mit seinem Hund irgendwo hinsetzen und einfach für ihn da sein. „Sei es mit Kuscheleinheiten oder mit ablenkenden Spielen. Das stärkt die Bindung zwischen Mensch und Tier und lässt Vertrauen wachsen“, sagt die Verhaltenstrainerin.

Merle aus dem Tierheim Berlin hat inzwischen zu ihren direkten Pflegerinnen Vertrauen gefasst. Mit ihnen will sie auch gerne kuscheln. Die Mitarbeiter glauben aber, dass Interessenten den verängstigten Terrier-Mix erst einmal mehrmals vor Ort besuchen müssten, bevor eine Vermittlung möglich wird. Auch vor Kindern fürchtet sie sich, so wäre wohl ein Leben in einer klassischen Familie eher schwierig, heißt es auf der Vermittlungs-Webseite.

Merle aus dem Tierheim Berlin hat inzwischen Vertauen zu ihren direkten Pflegerinnen gefasst.

Merle aus dem Tierheim Berlin hat inzwischen Vertauen zu ihren direkten Pflegerinnen gefasst.

Beate Kaminski

„Mit anderen Hunden kommt Merle dagegen gut klar, denn sie hat schon mit einem Hund zusammengelebt“, berichtet Tierschützerin Beate Kaminski. Wäre der Erst-Hund in einem neuen Zuhause souverän, könnte sich Merle sogar an ihm orientieren. „Also sich quasi von seinem Mut anstecken lassen“, erklärt die 52-Jährige. „Wenn man solchen Hunden die entsprechende Zeit und Liebe gibt, können sie die tollsten Mitbewohner der Welt werden.“

Wer sich für Merle oder einen anderen Hund im Tierheim Berlin interessiert, kann sich telefonisch unter 030 76888-220 (13-16 Uhr) melden oder auf die Webseite https://tierschutz-berlin.de/tiere/merle-2/ gehen.

Vortrag zu Angsthunden

Die erste Heimtierrunde findet am Donnerstag, 26. März von 18 bis 20 Uhr statt. Das Thema lautet: „Angsthunde – Wie entsteht die Angst und wie gehe ich damit um?“.

Die Tierärztin und Verhaltenstrainerin Dr. Ann-Kathrin Fritsche erklärt in einem Webinar Ursachen von Angstverhalten, typische Herausforderungen sowie Möglichkeiten für eine gelingende Eingewöhnung und ein positives Training.

Teilnahme ist kostenfrei online via Zoom über: https://is.gd/feg3A7

Die weiteren Termine für die Heimtierrunden stehen noch nicht fest. Interessierte können sich aber per Mail über tierschutzbeauftragte@senjustv.berlin.de anmelden und bekommen regelmäßig Einladungen.

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