Josef S. nimmt das Urteil und die Begründung des Vorsitzenden Richters Udo Lechtermann regungslos auf. Der 101-jährige Angeklagte und ehemalige Wachmann im Konzentrationslager Sachsenhausen wird wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 3500 Fällen sowie wegen Beihilfe zum versuchten Mord zu fünf Jahren Haft verurteilt. Es ist in der Sporthalle in Brandenburg, in die der Prozess des Landgerichts Neuruppin wegen des nahen Wohnsitzes von Josef S. verlegt worden war, ganz still, als Lechtermann mehr als eine Stunde lang das Urteil der Strafkammer begründet. Nur die Stimme der Simultanübersetzerin ist leise zu hören. Kurz bevor Lechtermann zum Ende seiner Ausführungen kommt, blickt Josef S. einmal in die zum Gerichtssaal umfunktionierte Sporthalle, sieht die vielen Journalisten, die auch aus dem Ausland gekommen sind, um das Urteil gegen einen ehemaligen NS-Täter zu hören.
Josef S., der 1920 in einem Dorf in Litauen geboren wurde und später mit seiner Familie als sogenannte Volksdeutsche eingebürgert wurde, wird auf einem Krankenstuhl von Sanitätern in den Saal gefahren. Der Mann mit Brille und schlohweißem Haar trägt ein kurzärmliges, viel zu weites Hemd und eine auffällig gestreifte Hose. Er verfolgt die Verhandlung über Kopfhörer, um besser verstehen zu können. Er gilt als eingeschränkt prozessfähig, länger als zwei Stunden pro Tag durfte nicht verhandelt werden. Einmal musste der Prozessablauf unterbrochen werden, weil Josef S. am Fuß operiert wurde.

Bis an die Belastungsgrenzen

Mehr als 30 Verhandlungstage hat sich das Gericht seit dem Prozessbeginn im vergangenen Oktober Zeit genommen. „Wir wurden bis an die Belastungsgrenzen gefordert, haben eine lange Zeitreise unternommen in das jüngste Kapitel unserer dunklen Vergangenheit“, sagt Lechtermann. Das Gericht habe damit zur Wahrheitsfindung beigetragen. Es seien Zeitzeugen gehört worden, deren authentische Berichte durch kein Dokument zu ersetzen seien. Die Sachverständigen hätten einen noch nicht dagewesenen Einblick in das Vernichtungswerk der SS im Konzentrationslagersystem ermöglicht – nicht nur für Sachsenhausen. Dort war Josef S. zwischen Dezember 1942 und Februar 1945, mit Unterbrechung 1944, rund drei Jahre lang tätig, machte Karriere bis hin zum SS-Rottenführer.

Oranienburg/Brandenburg an der Havel

Fast 80 Jahre liegt zurück, worüber in den vergangenen Monaten verhandelt wurde. Aus Sicht der Kammer habe sich die Frage nach der Notwendigkeit dieses späten Prozesses nicht gestellt, macht Lechtermann klar. Mit Blick auf die betroffenen Familien, deren Angehörige in den Konzentrationslagern starben, spricht Lechtermann von einem weitgehend unbewältigten Schicksal, das nicht vergessen werden dürfe.

„Aufenthalt im Angesicht des Grauens“

Ob Josef S. vergessen hat, was in Sachsenhausen passierte? Bis zuletzt stritt der betagte Mann ab, überhaupt bei der SS und in Sachsenhausen gewesen zu sein. „Ich weiß nicht, warum ich hier bin“, hatte er nach dem Plädoyer seines Verteidigers gesagt. Dass er sich an seine drei Jahre währende Tätigkeit und die Grauen im Lager nicht erinnern könne, hatte ein Gutachter ausgeschlossen. Den mehr als drei Jahre währende „Aufenthalt im Angesicht des Grauens“ vergesse man nicht - nicht als Opfer, aber auch nicht als Täter oder Teilnehmer, so Lechtermann.
Vorsitzender Richter am Landgericht Neruruppin: Udo Lechtermann vor der Verkündung des Urteils gegen den 101-jährigen Josef S., der als SS-Wachmann im Konzentrationslager Sachsenhausen tätig war.
Vorsitzender Richter am Landgericht Neruruppin: Udo Lechtermann vor der Verkündung des Urteils gegen den 101-jährigen Josef S., der als SS-Wachmann im Konzentrationslager Sachsenhausen tätig war.
© Foto: Fabian Sommer
Doch auch das letzte Wort für den Angeklagten nutzte Josef S. lediglich, um die ihm zu Last gelegten Taten zu leugnen. Er habe damit die letzte Chance vertan, „wenigstens einen kleinen Teil hier abzutun“, sagte Lechtermann. Diese Hoffnung sei den Nebenklägern verwehrt geblieben. Leider habe Josef S. weder ein Schuldeingeständnis noch eine Entschuldigung oder „wenigstens einen Ausdruck des Bedauerns“ geliefert. „Er wird seine Schuld bis zu seinem Lebensende mit sich tragen“, sagt der Richter.

Zwei Nebenkläger verstarben während des Prozesses

Zwei der ursprünglich 14 Nebenkläger sind während des Prozessverlaufs gestorben: Der polnische Jude Arie Wachsmann, der die Lager Auschwitz, Sachsenhausen und zuletzt Mauthausen überlebt hatte und im Prozess über die Haft berichtet hatte. Auch die Tochter eines Sachsenhausen-Toten aus Frankreich erlebte das Prozessende nicht mehr. Antoine Grumbach aus Paris, dessen jüdischer Vater aus Algerien nach Sachsenhausen verschleppt worden war und der mit seiner Tochter Lilly als Nebenkläger auftrat, zeigt sich nach dem Urteilsspruch zufrieden. Das Gericht habe große Erinnerungsarbeit geleistet und über vieles gesprochen, was vergessen gewesen sei. „Jetzt ist es öffentlich.“ Grumbach ist den Tränen nahe, als er von seinem Vater spricht, der im Außenlager der Heinkel-Flugzeugwerke in Oranienburg Zwangsarbeit leiten musste und später im sogenannten Schonungsblock für kranke Häftlinge ohne medizinische Versorgung starb. Ob er verzeihen könne? „Nein, niemals“, antwortet Grumbach.

„Arbeit machte dort tot“

Der am Lagertor in Sachsenhausen angebrachte Spruch „Arbeit macht frei“ sei die zynische Umkehrung der SS gewesen, sagte Richter Lechtermann. „Denn Arbeit machte dort tot.“ So sei es von der SS beabsichtigt gewesen. Der Richter ging auf die Haftbedingungen ein, den Hunger, die Krankheiten, die Menschen, die darunter litten und daran starben, die sich aus Verzweiflung in den Stromzaun warfen oder in den Todesstreifen liefen, um erschossen zu werden.
Mindestens 13.000 sowjetische Häftlinge wurden während der Tätigkeit von Josef S. in einer systematischen Tötungsaktion umgebracht. All das sei durch die Wachleute des Lagers erst möglich geworden. Dem Angeklagten sei klar gewesen, dass er durch einen reibungslosen Ablauf die Massenvernichtung beförderte, sagt Lechtermann. Josef S. habe auch die Möglichkeit gehabt, seinen Dienst zu quittieren, ohne Repressalien fürchten zu müssen. „Die SS hat nämlich keinen Wert auf Unzuverlässige gelegt.“

Ständig den Rauch des Krematoriums in der Nase

Der Angeklagte habe von all diesen Taten gewusst, habe alles gesehen, von den Wachtürmen das gesamte Lager überblicken können. Er habe gesehen, wie Mithäftlinge die Toten in Handkarren zum Krematorium brachten, habe die Schüsse gehört und ständig den Rauch des Krematorium in der Nase gehabt. Spätestens nach zwei Wochen habe jeder gewusst, was im Lager passierte. „Sie waren drei Jahre dort“, sagt Lechtermann zum Angeklagten.
Rechtsanwalt Thomas Walther vertrat im Prozess gegen den früheren SS-Wachmann des KZ Sachsenhausen vor dem Landgericht Neuruppin elf Nebenkläger.
Rechtsanwalt Thomas Walther vertrat im Prozess gegen den früheren SS-Wachmann des KZ Sachsenhausen vor dem Landgericht Neuruppin elf Nebenkläger.
© Foto: Klaus D. Grote
Dass der Angeklagte tatsächlich das Mitglied des SS-Wachbataillons war, sei zweifelsfrei nachgewiesen, erklärt Lechtermann. Das sagt auch Astrid Ley, die stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Sachsenhausen, die im Prozess als historische Gutachterin gehört wurde. Auch die DDR-Staatssicherheit wusste von der Vergangenheit des späteren Traktoristen, unternahm aber nichts.

Die Vergangenheit verschwiegen und geleugnet

Josef S., der zwei Partnerinnen überlebte und zwei Kinder hat, verschwieg sein Leben lang die Vergangenheit. Vor Gericht verstrickte er sich in Widersprüche, behauptete zunächst, als Landarbeiter in Mecklenburg gewesen zu sein und später Schützengräben ausgehoben zu haben, räumte schließlich eine Wehrtätigkeit ein. Die eigenen Eltern hatten aber in einem Brief geschrieben, dass der Sohn bei der SS in Oranienburg sei.
Die Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 3500 Fällen sorgt für allgemeine Zufriedenheit. „Es ist das Signal, dass die Taten nicht verjähren“, sagt Axel Drecoll, Direktor der Brandenburgischen Gedenkstättenstiftung. Rechtsanwalt Thomas Walther, der elf Nebenkläger vertrat, ist zufrieden, dass das Verfahren mit einem Schuldspruch zu Ende gegangen ist. „Ich bin der Überzeugung, dass das Urteil der Gerechtigkeit dient“, sagt Walther. Man müsse auf die Opfer und Überlebenden des NS-Terrors schauen, auf die unfassbaren Gräueltaten und daraus für die Zukunft lernen. „Was in Sachsenhausen passiert ist, kann an jedem anderen Ort der Welt wieder geschehen“, sagt Walther.
Antoine Grumbach aus Paris und seine Tochter Lilly traten als Nebenkläger auf. Grumbachs Vater war im KZ Sachsenhausen ums Leben gekommen.
Antoine Grumbach aus Paris und seine Tochter Lilly traten als Nebenkläger auf. Grumbachs Vater war im KZ Sachsenhausen ums Leben gekommen.
© Foto: Klaus D. Grote

Späte Genugtuung

Auch Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitee, ist zufrieden: „Das ist ein wichtiges Zeichen der deutschen Justiz und eine späte Genugtuung für die Opfer und ihre Familien.“ Er lobt die sensible Urteilsbegründung, in der auch die Versäumnisse der deutschen Justiz in der Vergangenheit genannt worden seien. „Es ist ein Zeichen, dass es kein Entkommen gibt für diejenigen, die gemordet haben“, sagt Heubner. Der Prozess habe auch deutlich gemacht, dass es in zahlreichen Familien noch Wunden durch den Verlust Angehöriger gibt, dass es viele offene Fragen und Lehrstellen gibt. „Das Verfahren war Teil eines Heilungsprozesses für diese Familien.“

Nie wieder - auch nicht anderswo auf dieser Welt

Der Verteidiger von Josef S. kündigt direkt nach dem Urteilsspruch seinen Revisionsantrag an. Dann müsste der Bundesgerichtshof das Urteil prüfen.
Richter Udo Lechtermann wird dagegen grundsätzlich: „Die Hauptverhandlung lässt uns nachdenklich zurück. Wir stehen nach wie vor mit Fassungslosigkeit vor den schrecklichen Gräueln. Verbrechen gegen die Menschlichkeit und aus Rassenwahn dürfen nie wieder geschehen, nicht hier und auch nicht anderswo auf dieser Welt.“
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