Neun Monate lang verhandelte das Landgericht Neuruppin gegen einen mutmaßlichen früheren SS-Wachmann des KZ Sachsenhausen. Der hochbetagte Mann bestritt bis zuletzt, in dem Lager tätig gewesen zu sein. Doch das Urteil fällt eindeutig aus.
Ein 101-jähriger Mann ist am Dienstag in Brandenburg wegen Beihilfe zum Mord an Tausenden Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Mann hatte in dem Prozess vor dem Landgericht Neuruppin bis zuletzt bestritten, in dem KZ Wachmann gewesen zu sein.

Verteidigung kündigt Revision an

Der Verteidiger des in Brandenburg/Havel lebenden Mannes kündigte unmittelbar nach Prozessende Revision gegen das Urteil des 101-jährigen Josef S. an. Dazu bleibt ihm eine Woche Zeit. Der Bundesgerichtshof müsste die Entscheidung des Landgerichts Neuruppin dann prüfen. Erst danach würde das Urteil rechtskräftig.

Oranienburg/Brandenburg an der Havel

Tätigkeit weiterhin bestritten

Der 101-jährige Angeklagte hatte in dem Prozess dagegen bis zuletzt bestritten, in dem KZ in Oranienburg Wachmann gewesen zu sein, und stattdessen angegeben, er sei als Landarbeiter im mecklenburgischen Pasewalk tätig gewesen. Dies sei aber nicht die Wahrheit, betonte der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann. „Das Gericht ist zur Überzeugung gelangt, dass Sie entgegen Ihren gegenteiligen Beteuerungen rund drei Jahre lang in dem Konzentrationslager als Wachmann tätig waren.“ Daran könne angesichts der Fülle der Indizien kein Zweifel bestehen. Lechtermann verwies auf die zahlreichen im Prozess behandelten Dokumente mit dem Namen, Geburtsort und Geburtstag des Mannes und andere Hinweise.
Damit habe der Angeklagte den Terror und die Mordmaschinerie der Nationalsozialisten mitgetragen. „Sie haben mit Ihrer Tätigkeit diese Massenvernichtung bereitwillig unterstützt.“ Der Spruch auf dem Lagertor „Arbeit macht frei“ sei eine zynische Umkehr der Wahrheit durch die SS gewesen, sagte der Vorsitzende Richter. „Arbeit machte dort tot“, erklärte Lechtermann. „So war es von der SS auch beabsichtigt.“

Haft gefordert

Auch die Staatsanwaltschaft hatte fünf Jahre Gefängnis für den Mann gefordert. Nebenklage-Vertreter Thomas Walther plädierte auf eine mehrjährige Haftstrafe, die ein Maß von fünf Jahren nicht unterschreiten solle. Zwei weitere Nebenklage-Vertreter forderten einen Schuldspruch, ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen. Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert.

Hintergrund zum Urteil

Laut Urteil war der 101-Jährige von 1942 bis 1945 als SS-Wachmann in dem KZ tätig und hatte Beihilfe zum Mord an mehr als 3500 Häftlingen geleistet. Das Gericht folgte mit seinem Urteil der Staatsanwaltschaft, die fünf Jahre Gefängnisstrafe gefordert hatte. Auch der Nebenklage-Vertreter Thomas Walther hatte auf eine mehrjährige Haftstrafe plädiert, die ein Maß von fünf Jahren nicht unterschreiten solle. Zwei weitere Nebenklage-Vertreter forderten einen Schuldspruch, ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen.
Der Rechtsanwalt Thomas Walther, der in dem Prozess mehrere Überlebende und Angehörige von NS-Opfern vertrat, zeigte sich nach dem Urteil zufrieden. Entscheidend sei die Feststellung der Schuld durch das Gericht und dass die „unfassbare Grausamkeit“ in diesem KZ zur Sprache gekommen sei. „Sachsenhausen ist geschehen, und Sachsenhausen kann an jedem Ort der Welt immer wieder geschehen“, sagte Walther. „Dagegen etwas zu tun und dem Gedanken zu folgen "Wehret den Anfängen" - das ist eine Aufgabe, die uns alle trifft.“

KZ-Sachsenhausen 1936 errichtet

In dem Konzentrationslager, das im Sommer 1936 von Häftlingen aus den Emslandlagern errichtet worden war, waren in der Zeit von seiner Errichtung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 mehr als 200 000 Menschen inhaftiert - unter ihnen politische Gegner des NS-Regimes sowie Angehörige der von den Nationalsozialisten verfolgten Gruppen wie Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen ums Leben oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS.
Der Prozess wurde aus organisatorischen Gründen in einer Sporthalle in Brandenburg/Havel, dem Wohnort des 101-Jährigen, geführt. Der hochbetagte Mann war nur eingeschränkt verhandlungsfähig und konnte täglich nur etwa zweieinhalb Stunden an dem Prozess teilnehmen.