Neue S-Bahn in Berlin
: Klappt der Zeitplan für die Siemensbahn wirklich?

Die Siemensbahn in Berlin soll den Nordwesten mit dem Hauptbahnhof und dem Flughafen BER verbinden. Um den Zeit- und Kostenplan einzuhalten, wird erstmals ein neues Verfahren angewandt.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Das Siemensbahn-Viadukt im Jahr 2022.

Das alte S-Bahn-Viadukt der Siemensbahn im Nordwesten von Berlin ist fast 100 Jahre alt und soll nun reaktiviert werden.

Tanja Römischer
  • Berliner Siemensbahn wird bis 2029 reaktiviert – verbindet Nordwesten mit Hauptbahnhof und BER.
  • 4,5 km Strecke, 3 Bahnhöfe und 15 km Gleise werden saniert, Kosten: rund 500 Mio. Euro.
  • Innovatives Projekt-Allianz-Verfahren soll Zeit- und Kostenrahmen einhalten.
  • Denkmalgeschützte Viadukte und Spreebrücken im Fokus, Bauarbeiten starten 2026.
  • Umweltverbände befürchten Verzögerungen, Bahn betont Fertigstellung bis Dezember 2029.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Kurz hinter dem Bahnhof Jungfernheide in Berlin zweigen von der Ringbahn plötzlich Gleise nach rechts ab und führen in ein verwunschenes Wäldchen. Der als „Siemensbahn“ bekannte und 1929 in Betrieb genommene S-Bahn-Strang liegt seit seiner Stilllegung 1980 im Dornröschenschlaf.

Die Anbindung zwischen den Bezirken Charlottenburg und Spandau, die einst Arbeiter mit der S-Bahn in die Werkshallen von Siemens brachte, wird jetzt wiederbelebt. Der Grund: Der historische Industriestandort erfährt eine Renaissance. Das Gebiet an der Nonnendammallee wird derzeit in einen Innovationscampus mit Büros, Forschungslaboren und rund 3000 Wohnungen verwandelt.

S-Bahn soll neues Stadtquartier in Berlin anschließen

Die Reaktivierung der Bahnstrecke, die die „Siemensstadt 2.0“ an die S-Bahn anschließen soll, gehört zu acht Vorhaben, die die Länder Berlin und Brandenburg und die Bahn schon 2017 unter der Überschrift „Projekt i2030.“ in der Hauptstadtregion festgelegt haben. Die 4,5 Kilometer lange Strecke im Nordwesten der Ringbahn ist dabei am weitesten fortgeschritten und soll 2029 - genau 100 Jahre nach ihrer Einweihung – wiedereröffnet werden.

Die Vorteile, warum es im Nordwesten Berlins so gut vorangeht, liegen auf der Hand: Siemens baut nicht nur für rund 600 Millionen Euro das neue Stadtquartier namens „Siemensstadt Square“, sondern unter anderem ICE für die Deutsche Bahn. Dazu wurde die Strecke der historischen Siemensbahn nie entwidmet und befindet sich immer noch im Anlagenbestand der DB Netz AG.

Um den Eröffnungs-Termin Ende 2029 zu halten, hat die Deutsche Bahn nun ein innovatives Verfahren gestartet. Anfang Oktober 2025 ist eine sogenannte Projekt-Allianz in den Berliner Hauptbahnhof gezogen. In den speziell eingerichteten Arbeitsräumen sollen alle neun Firmen der insgesamt fünf Vergabepakete von Anfang an zusammenarbeiten. So will man im Zeit-, aber auch im Kostenrahmen von geschätzten rund 500 Millionen Euro bleiben, die allerdings das Land Berlin alleine bezahlt.

„Mit dem Partnerschaftsmodell für die Siemensbahn läuten wir eine neue Ära bei der Zusammenarbeit und Umsetzung von Infrastrukturprojekten ein“, freut sich Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Bahn.

Schiene in Berlin – S-Bahn-Viadukt wird saniert

Auch der Berliner Fahrgastverband IGEB begrüßt die Erprobung der Projekt-Allianz. „Wir hoffen sehr, dass sie gelingt und zum Modell für weitere große Bahnbauvorhaben wird“, sagt der Vorsitzende Christfried Tschepe.

Doch Partnerschaftsmodelle alleine reichten seiner Meinung nach nicht aus, um die bei Bahnprojekten „absurd langen Realisierungszeiträume und absurd hohen Kosten“ angemessen zu mindern, betont Tschepe. „Es müssen zugleich dringend Gesetze geändert und Vorschriften überarbeitet werden.“

Die Sicherheits-Anforderungen bei Planungen seien in Deutschland derart hoch, dass sich die Fertigstellung von wichtigen Projekten wie der Bau der S-Bahn-Strecke für die S15 zwischen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof seit vielen Jahren immer wieder verschiebe, kritisiert der Fahrgastverbands-Chef. Zyniker kommentierten das so: „Der sicherste Bahnverkehr ist der, der nicht fährt.“

Das Herzstück der Siemensbahn, die in vier Jahren wieder fahren soll, ist ein rund 800 Meter langes genietetes Stahlviadukt rund um den stillgelegten Bahnhof Wernerwerk, das sich ähnlich wie die Hochbahn der berühmten Linie 1 in Berlin-Kreuzberg über Straßen und Grünflächen schlängelt. Der einst blaue Farbanstrich ist heute kaum noch zu erkennen.

Drei Bahnhöfe und 15 Kilometer Gleise in Berlin

Für die Reaktivierung der Siemensbahn werden die denkmalgeschützte Hochbahn-Trasse sowie die drei stillgelegten Stationen Gartenfeld, Wernerwerk und Siemensstadt saniert und barrierefrei ausgebaut. Zudem wird noch untersucht, ob für die Erschließung weiterer neuer Wohngebiete westlich der Insel Gartenfeld eine Verlängerung möglich ist.

Die schon vorhandenen rostbraunen Stationen, die man im Rahmen von Führungen teilweise besichtigen kann, wirken wie Geisterbahnhöfe. Der Bahnhof Wernerwerk wird bei seiner Instandsetzung nicht nur weitere Bahnsteigzugänge, sondern auch eine Überdachung sowie ein Empfangsgebäude erhalten.

Die Ring-Bahnhöfe Jungfernheide und Westhafen bekommen eine dritte Bahnsteigkante. Insgesamt müssen fünfzehn Kilometer Gleise und 70 neue Weichen verlegt sowie mehrere neue Brücken gebaut werden.

Am aufwändigsten werden dabei wohl die Spreeüberquerungen sein. Geplant sind zwei unmittelbar aufeinander folgende Stabbogenbrücken über den alten und den neuen Arm des Flusses mit einer Gesamtlänge von 144 Metern.

Verzögerung wegen A100-Brücken-Neubau in Berlin?

Auf dem Gleisbett der Siemensbahn soll aber auch eine Baustelleneinrichtungsfläche für den anstehenden Ersatzneubau der Rudolf-Wissell-Brücke der A100 liegen. Der Umweltverband BUND äußerte deshalb im Mai die Befürchtung, die Wiederinbetriebnahme der Siemensbahn könnte sich deshalb bis in die Jahre 2035 bis 2037 verzögern. Die Umweltschützer, die das Projekt Siemensbahn begrüßen, bezogen sich dabei auf Aussagen der Autobahn GmbH des Bundes.

Das Projekt befinde sich in einem engen und konstruktiven Austausch mit der Deges GmbH, die für den Bund die Autobahnen baut, heißt es dazu auf Anfrage von der Deutschen Bahn. „Es sind keine Verzögerungen zu erwarten“, betont der Sprecher.

Bauvorbereitende Maßnahmen würden 2026 beginnen, im Herbst 2026 folge die Instandsetzung des Stahlviadukts, so der Bahn-Sprecher. „Es ist vorgesehen, dass die Siemensbahn im Dezember 2029 wieder in Betrieb genommen wird.“

Mit der S-Bahn-Strecke erhält der Nordwesten der Stadt nicht nur eine direkte Anbindung an die Ringbahn, sie ermöglicht auch schnelle Anschlüsse zum Berliner Hauptbahnhof und zum Flughafen BER. „Es muss jedoch sichergestellt werden, dass die Züge nicht im Bahnhof Jungfernheide enden, sondern in den für die S15 geplanten Tunnelbahnhof am Hauptbahnhof fahren können“, sagt Christfried Tschepe vom Fahrgastverband.

Tram-Verlängerung in Berlin gefordert

Zugleich müssten die kostenintensiven Prüfungen für eine Verlängerung von Gartenfeld nach Hakenfelde endlich beendet werden. „Auf keinen Fall darf der Wiederaufbau der Siemensbahn durch Vorleistungen für eine solche Verlängerung verzögert oder verteuert werden, da es zahlreiche wichtigere S-Bahn-Projekte in Berlin und Brandenburg gibt“, findet Tschepe.

„Vom Land Berlin erwarten wir stattdessen, dass die Verlängerung der Straßenbahn vom U-Bahnhof Turmstraße zum Bahnhof Jungfernheide rechtzeitig zur Wiederinbetriebnahme der Siemensbahn fertig wird.“

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