Neuer Pisa-Schock: Das fordert der Landeselternrat Brandenburg für künftige Lehrer

Die deutschen Schülerinnen und Schüler haben im internationalen Leistungsvergleich Pisa im Jahr 2022 so schlecht abgeschnitten wie noch nie zuvor. (Symbolbild)
Jens Büttner/dpaZu langes Lehramtsstudium, zu wenig Studienplätze, zu wenig Praxisbezug im Studium – der Landeselternrat Brandenburg reagiert mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen auf die schlechten Ergebnisse, die deutsche Schülerinnen und Schüler in der internationalen Leistungsstudie Pisa im Jahr 2022 eingefahren haben. Denn die Jugendlichen haben so schlecht abgeschnitten wie noch nie zuvor. Sowohl im Lesen als auch in Mathematik und Naturwissenschaften handle es sich um die niedrigsten Werte, die für Deutschland jemals im Rahmen von Pisa gemessen wurden. Auch international sei die durchschnittliche Leistung drastisch gesunken, hatte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag (5. Dezember) in Berlin mitgeteilt. Es ist das erste Pisa-Zeugnis seit der Corona-Pandemie.
In Mathematik stürzten die deutschen Schülerinnen und Schüler besonders ab. Sie erreichten einen Punktwert von 475, bei der vorherigen Untersuchung, die 2019 veröffentlicht wurde, waren es noch 500. Im Lesen kamen sie auf 480 (2019: 498) und in Naturwissenschaften 492 (2019: 503).
Keine separaten Ergebnisse für Brandenburg
Aus dem Land Brandenburg haben sieben von insgesamt 900 Schulen an der Studie teilgenommen. „Separate Ergebnisse gibt es für sie nicht“, sagt Ulrike Grönefeld, die Sprecherin des Bildungsministeriums. Denn die Auswahl der Schulen sei zwar für Deutschland repräsentativ, aber nicht zwingend für Brandenburg.
„Es handelt sich ja um einen weltweiten Ländervergleich, nicht um einen Vergleich der Bundesländer“, ordnet die Sprecherin ein. „Das stimmt“, räumt Ulrike Mauersberger, die Sprecherin des Landeselternrates Brandenburg, ein. Da aber die beiden vorangegangenen Studien „IQB-Bildungstrend“ für Grundschüler (2022) und für die Sekundarstufe II (2023) Schülerinnen und Schülern in der Mark „gravierende Defizite“ attestiert hätten, bestätige die Pisa-Studie nun diesen Trend. „Wir fordern neben sofortigen Konzepten und konkreten, verpflichtenden Maßnahmen auch eine Reform des Lehramtsstudiums“, betont Mauersberger. Bislang müssten die Anwärter drei Jahre lang ihren Bachelorabschluss machen, weitere zwei Jahre ihren Master und dann ein Jahr Referendariat, führt sie aus. „Das dauert alles zu lange“, findet die 46-Jährige. Zudem reichten die Studienplätze nicht aus, selbst mit den neuen Möglichkeiten an der BTU Cottbus-Senftenberg.
Sie sehe dabei auch Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) in der Pflicht, der die Ergebnisse einfach hinnehme, schreibt Ulrike Mauersberger, die selbst bei der Landtagswahl 2024 für die CDU ins Rennen geht. Schelte an den Minister des Koalitionspartners im Land? „Ich vertrete hier die Meinung des Elternrates, nicht meine Meinung“, sagt die 46-Jährige dazu.
Erste Vergleichsstudie sorgte für „Pisa-Schock“
Bildungsminister Freiberg teilte am 5. Dezember zu den Studienergebnissen mit, zur Einordnung gehörte, dass die Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse ab dem April 2022 an den PISA-Tests teilgenommen haben. Dieser Jahrgang sei erheblich von den Einschränkungen des Unterrichts in der Corona-Pandemie betroffen. „Alle Kinder in Brandenburg sollen gut lesen, schreiben und rechnen lernen. Deshalb hat das Land bereits nach dem ersten IQB-Bildungstrend im vergangenen Jahr reagiert und den Schwerpunkt auf Mathematik und Deutsch gelegt.“ Mit diesem 12-Punkte-Plan für gute Bildung habe Brandenburg den richtigen Weg eingeschlagen. Zu diesem Programm gehören zum Beispiel Fachgespräche und Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer sowie das 2023 gestartete Projekt „Abako“ zur Förderung mathematischer Basiskompetenzen an Grundschulen, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Leibnitz-Institut für Bildungsforschung.
Politiker aus Brandenburg äußern Kritik
Doch Kritik und gute Ratschläge kommen in Brandenburg aus fast allen politischen Richtungen. „Wir brauchen mehr individuelle Angebote, damit alle Schülerinnen und Schüler ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert werden“, heißt es von Petra Budke (B90/Grüne). Damit Lehrkräfte dafür Zeit haben, bräuchten sie Entlastung durch multiprofessionelle Teams.
„Von größter Bedeutung ist der quantitative und qualitative Ausbau der frühkindlichen Bildung, da hier die Grundlagen für den späteren Bildungserfolg gelegt werden“, heißt es vom FDP-Landesverband. Es gelte zudem, mehr junge Menschen in ein reformiertes, duales Lehramtsstudium zu bringen, um dem Lehrermangel entgegenzuwirken.
„Die wirtschaftlichen Folgen des jahrelangen Nicht-Handelns werden uns schon bald einholen“, fürchtet Carsten Brönstrup, der Sprecher der Vereinigung der Unternehmerverbände in Berlin und Brandenburg. „Nationen, die ihren Nachwuchs besser ausbilden, werden uns noch stärker Konkurrenz machen. Für den Strukturwandel, die Künstliche Intelligenz und andere Zukunftstechniken braucht die junge Generation erstklassige digitale Kompetenzen“, heißt es in der Mitteilung weiter.
Dafür steht Pisa
Pisa steht für „Programme for International Student Assessment“ und ist die größte internationale Schulleistungsvergleichsstudie. Es werden die Kompetenzen von 15-jährigen Jugendlichen beim Lesen, in der Mathematik und den Naturwissenschaften erfasst. Seit dem Jahr 2000 wird sie alle drei Jahre durchgeführt.
Die erste Vergleichsstudie hatte damals für den „Pisa-Schock“ gesorgt: Die deutschen 15-Jährigen schnitten extrem schlecht ab, zudem stand ein beschämend enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen im Pisa-Zeugnis. Die Folge war eine heftige Bildungsdebatte. Danach verbesserten sich die Ergebnisse deutlich, doch in den letzten Pisa-Runden kam es zu einem Abwärtstrend.
In der aktuellen Erhebung liegt Deutschland im internationalen Vergleich in den Bereichen Mathematik und Lesekompetenz dennoch nahe am OECD-Durchschnitt und in Naturwissenschaften über dem OECD-Durchschnitt, doch das ist kein Grund zum Aufatmen.
Experten stellen noch nie dagewesenen Leistungsabfall fest
Den Expertinnen und Experten zufolge ist nämlich nicht nur die Lage in Deutschland besorgniserregend: In diesem Zyklus habe es einen noch nie dagewesenen Leistungsabfall gegeben, hieß es in dem Bericht. „Im Vergleich zu 2018 sank die durchschnittliche Leistung in den OECD-Ländern um 10 Punkte im Lesen und fast 15 Punkte in Mathematik.“ Letzteres sei fast das Dreifache aller aufeinanderfolgenden Veränderungen.
Dieser Rückgang ist der OECD zufolge in einer Handvoll von Ländern besonders ausgeprägt – darunter Deutschland. So hätten Polen, Norwegen, Island und Deutschland beispielsweise zwischen 2018 und 2022 einen Rückgang von 25 oder mehr Punkten in Mathematik verzeichnet. „Der dramatische Rückgang der Ergebnisse in Mathematik und Lesekompetenz deutet auf einen negativen Schock hin, der viele Länder gleichzeitig betrifft“, heißt es in dem Papier.
Corona-Pandemie ist eine Ursache für das schlechte Abschneiden
Ursachen für das schlechte Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler sehen die Autorinnen und Autoren der Studie unter anderem in der Corona-Pandemie. Die Ergebnisse zeigen, dass die Schulschließungen einen negativen Effekt auf den Kompetenzerwerb hatten. In Deutschland sei der Distanzunterricht weniger mit digitalen Medien und mehr mit Materialien, die an die Jugendlichen geschickt wurden, bestritten worden als im OECD-Durchschnitt.
Ein weiterer möglicher Faktor für die Ergebnisse sind fehlende Sprachkenntnisse. „Ein zentraler Grund ist sicherlich, dass wir es nach wie vor nicht geschafft haben, eine frühe Sprachförderung für alle, die sie benötigen, durchgängig sicherzustellen“, sagte Lewalter. „Wenn wir Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungshintergrund haben, können wir nicht davon ausgehen, dass sie die deutsche Bildungssprache schon beherrschen, wenn sie nach Deutschland kommen.“
Zeit für solide, sprachliche Ausbildung
Es brauche eben eine längere Zeit, eine so solide sprachliche Ausbildung zu haben, dass Kinder und Jugendliche sich dann nicht nur verständigen, sondern auch dem Unterricht folgen können. Das sei zum Beispiel auch für Mathematik wichtig, um eine Aufgabe überhaupt zu verstehen.
Dieser Befund erkläre die Gesamtergebnisse aber nur zum Teil, betonte die Wissenschaftlerin. „Die mathematischen Kompetenzen der Jugendlichen ohne Zuwanderungshintergrund sind im Vergleich zu 2012 ebenfalls geringer geworden – sogar deutlicher als bei den Jugendlichen, deren Eltern zugewandert, die aber selbst in Deutschland geboren sind.“
Die Macher der Studie verwiesen auch darauf, dass nur sehr wenige OECD-Staaten zwischen 2018 und 2022 Teile ihrer Ergebnisse verbessern konnten, beispielsweise Japan im Lesen und in den Naturwissenschaften sowie Italien, Irland und Lettland in den Naturwissenschaften. In Mathematik hätten die Jugendlichen in Japan und Korea im Schnitt die höchsten Kompetenzen. Im Lesen stünden Irland, Japan, Korea und Estland an der Spitze. In den Naturwissenschaften hätten Japan, Korea, Estland und Kanada die besten Werte erreicht.
Versagen bei Pisa – Masterplan gefordert
Die Gewerkschaft Bildung und Erziehung (GEW) forderte einen Masterplan gegen Bildungsarmut und soziale Ungerechtigkeit. „Die Pisa-Ergebnisse sind für die Lebens- und Berufschancen vieler Schülerinnen und Schüler sehr problematisch, für die Schulpolitik beschämend“, sagte Anja Bensinger-Stolze, GEW-Vorstandsmitglied. „Deutschland hat seit Jahrzehnten sowohl ein Leistungs- als auch ein eklatantes Gerechtigkeitsproblem.“


