Schlaganfall in Brandenburg: Wie Laien mit dem FAST-Test Leben retten können

Herzinfarkt und Schlaganfall gehören zu Erkrankungen mit der höchsten Sterblichkeit. Jede Minute zählt. Wie Laien eingreifen können, hat eine Neurologin in einem Webseminar erklärt.
Lino Mirgeler/dpa- Schlaganfall erkennen und schnell handeln: Der FAST-Test hilft Laien bei Verdacht.
- Häufige Ursache ist eine Minderdurchblutung, seltener eine Gehirnblutung.
- Warnzeichen: plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen, Schwindel und gestörtes Empfinden.
- Notruf wählen, Verdacht nennen und begründen – Zeit ist entscheidend für die Therapie.
- Behandlung auf Stroke Units: Lyse bis viereinhalb Stunden, Kathetertherapie bis sechs Stunden.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Jedes Jahr sind laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe etwa 270.000 Menschen in Deutschland von einem Schlaganfall betroffen. Viele von ihnen könnten mit weniger schwerwiegenden Folgen leben, wenn rechtzeitig Hilfe geholt werden würde. Aber wie erkennen Laien einen Schlaganfall, welche Risikofaktoren gibt es und wie geht man mit Betroffenden um, bis der Notarzt kommt? Patricia Hilbrig, Chefärztin der Klinik für Neurologie im Asklepios Klinikum Uckermark, hat diese Fragen in einem Webseminar unseres Medienhauses beantwortet und auch beschrieben, wie man einem Schlaganfall vorbeugen kann.
Was ist bzw. was bedeutet der Begriff Schlaganfall überhaupt?
Der Begriff „Schlaganfall“ beinhaltet wortwörtlich, dass es sich um ein plötzlich auftretendes Ereignis mit verschiedenen Ursachen handelt, das mit einem Schlag kommt, also ohne lange Ankündigung. Die Beschwerden sind sehr vielgestaltig, können sehr unterschiedlich auftreten.
Gemeinsam haben alle Schlaganfälle jedoch, dass es sich um eine akute Schädigung von Hirnarealen handelt. Die Ursache dafür wiederum kann eine Minderdurchblutung sein als Folge eines Gefäßverschlusses oder das Gegenteil, eine Gehirnblutung. Betroffen sind alljährlich etwa 270.000 Menschen, das sind 0,32 Prozent der in Deutschland Lebenden. Etwa 80 Prozent dieser Schlaganfallpatienten haben mindestens das sechste Lebensjahrzehnt erreicht.
Schlaganfälle sind häufigste Ursache für Behinderungen
Und diese statistischen Zahlen sind trotz aller medizinischen Fortschritte oder bei aller gesundheitlichen Aufklärung und einem wachsenden Bewusstsein dafür keinesfalls rückläufig. Rein statistisch sind sie relativ gleichbleibend. Schlaganfälle sind die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. Rund ein Jahr nach einem Schlaganfall sind 60 Prozent der Patienten auf Hilfe angewiesen, seien es nun unterschiedliche Therapien in Sachen Bewegung oder Sprache, Hilfsmittel oder Pflege.
Es ist noch immer, wenn man alle westlichen Industrienationen betrachtet, die dritthäufigste Todesursache. Bedingt durch andere Ess- und Lebensgewohnheiten ist dies aber beispielsweise in asiatischen Ländern anders.
Was ist die häufigste Ursache für Schlaganfälle?
Etwa 70 Prozent sind auf Durchblutungsstörungen zurückzuführen. Bei der Verstopfung von Gefäßen sprechen wir Ärzte von Ischämischen Schlaganfällen.
Handelt es sich um Hirnblutungen, also hämorrhagische Schlaganfälle, ist eine Schädigung einer Arterie aufgetreten und im Bereich des Gehirns tritt Blut aus, schädigt dadurch Gewebe. Das ist bei etwa einem Fünftel aller Schlaganfälle die Ursache. Die Ursachen dafür wiederum können Gefäßmissbildungen sein, hirneigene Tumore, aber auch Stürze oder Aneurysmen, also Schwächen in Gefäßwänden und daraus folgende Ausdehnungen.
Was sind entscheidende Risikofaktoren, die zu Schlaganfällen führen?
Hier muss man unterscheiden zwischen solchen, die jeder selbst beeinflussen kann und denen, wo dies nicht der Fall ist. In der Summe, also wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, steigt das Risiko natürlich auch überproportional.
So kann man beispielsweise die aus Vererbung, Alter, bereits vorausgegangenen Schlaganfällen oder Diabetes resultierenden Risiken kaum durch eigenes Tun beeinflussen. Dem gegenüber stehen diejenigen Faktoren, die man selbst oder mit Unterstützung reduzieren kann. Was das Rauchen oder Alkoholkonsum betrifft, sollte niemand sagen, dass er die Risiken nicht kennt. Das gilt auch für übermäßigen Stress. Bei Übergewicht und Bewegungsmangel ist eigenes Handeln möglich. Man kann und sollte sich Hilfe suchen.

Patricia Hilbrig ist Chefärztin der Klinik für Neurologie an der Asklepios Klinikum Uckermark GmbH
Martin ItzenplitzBei erhöhtem Blutdruck, erhöhten Blutfettwerten oder Blutzuckerspiegel, Vorhofflimmern oder chronischen Gefäßerkrankungen, der Arteriosklerose, kann moderne Medizin gegensteuern, allerdings immer im engen Zusammenwirken von Patienten und Arzt.
Schlaganfall: Lähmungen und Schmerzempfindungen
Was sind wirkliche Anzeichen eines Schlaganfalls, die man auch als Laie erkennen kann?
Wenn plötzlich Lähmungen auftreten, deutliche Störungen der Sensibilität vorliegen, also jemand empfindlicher auf Berührungen reagiert, Temperatur- und Schmerzempfinden deutlich gestört sind, dann sollte man nicht nur stutzig werden, sondern genauer hinschauen, nachfragen, helfend eingreifen und keinesfalls zögern.
Typisch wäre auch Schwindel, vor allem Drehschwindel. Wenn man bei jemandem plötzlich Sprachstörungen bemerkt oder Lähmungen im Gesicht, dann ist dringend medizinische Hilfe zu rufen. Wir erleben in der Praxis auch immer wieder, dass Patienten entweder spät nach Auftreten der Beschwerden kommen oder bei anderen Fachkollegen vorstellig werden.
Man liest oftmals im Netz etwas von Vorboten eines Schlaganfalls. Könnte ein kurzer „Millisekundenaussetzer“ im Kopf so etwas sein? Ist ein Puls einer 55 -jährigen Frau von 90 bis 130 verteilt über den Tag unter normaler Belastung auch solch ein Vorbote?
Ein „Millisekundenaussetzer“ klingt erst einmal unspezifisch. Die Herzfrequenz wäre in Ruhe zu hoch und sollte zeitnah abgeklärt werden. Sollten sich die Beschwerden verschlechtern oder Sie die Beschwerden als bedrohlich empfinden, dann ist der Weg zur Rettungsstelle oder zum KV-Notdienst nie falsch. Ein EKG tut nicht weh. Eine unbehandelte Rhythmusstörung wäre ein Risikofaktor für Schlaganfälle.
Vorboten gibt es, wie erklärt, streng genommen keine. Was den Puls betrifft, dazu befragen Sie bitte einen Kardiologen.
Schnelle Hilfe mit dem FAST-Test
Wer will derzeit schon den Rettungsdienst umsonst bemühen? Gibt es für mich als Laien etwas, wie man einen Schlaganfallverdacht sicher erkennen kann?
Ja, gibt es. Wir nennen diesen Test „FAST“-Test. Dieses aus dem englischsprachigen Raum kommende Testverfahren nutzen auch Rettungssanitäter oder fachfremde Kollegen als Hilfsmittel. Es ist einfach ausführbar, auch für Laien. FAST ist eine Zusammensetzung aus den englischen Wörtern „Face“ für Gesicht, „Arms“ - also Arme, „Speech“ steht für Sprache und ganz wichtig „Time“ für Zeit.
Haben Sie beispielsweise bei einem Bekannten den Verdacht, dass es sich um einen Schlaganfall handeln könnte, bitten Sie ihn einfach um ein Lächeln. Ist das Gesicht dabei einseitig verzogen, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Wer dann die Arme nicht mehr wie gewohnt bewegen kann, also nach vorn strecken kann, Handflächen dabei nach oben drehen, der benötigt einen Arzt. Ist man noch immer unsicher, geben Sie einen einfachen Satz vor, lassen diesen deutlich nachsprechen.
Kann ihr Gegenüber nur eine dieser Aufgaben nicht richtig umsetzten, wählen Sie bitte umgehend den Notruf. Gerade bei Schlaganfällen ist Zeit ein ganz entscheidender Faktor, um Schäden zu minimieren. Mit der Dauer fehlender Durchblutung steigt die Anzahl der dauerhaft absterbenden Nervenzellen.

Wer sich unsicher ist, ob ein Angehöriger oder Kollege einen Schlaganfall erlitten hat, kann den sogenannten FAST-Test anwenden. Zeigt der Entsprechende Ausfallerscheinungen, ist sofort der Notruf zu wählen.
Asklepios Klinikum Uckermark GmbHWas sollte man als Helfender tun, wenn man den Notruf gewählt hat wegen eines Schlaganfalls und man mit dem Betroffenen wartet?
Wichtig ist bereits beim Notruf, dass Sie Ihren Verdacht aussprechen und kurz begründen. Wenn man eine Person besser kennt, gehört ins Gespräch auch, was über die etwaige Medikamenteneinnahme bekannt ist.
Danach ist es ratsam, dass man die betroffene Person mit dem Oberkörper leicht hoch lagert, nicht ganz flach, aber auch nicht aufrecht sitzend. Helfende sollten Kontakt halten, beruhigen, Sicherheit vermitteln und Aufregung vermeiden. Warten Sie beim Betroffenen auf den Rettungsdienst.
Hilfe bei Schlaganfall auf der Stroke Unit
Wie sehen moderne medizinische Therapien bei Schlaganfällen aus?
Heute weiß man, wie wichtig der Zeitfaktor ist. Wir sprechen gern von „time is brain“; aus dem englischen: Zeit ist Hirn. Unterversorgte Nervenzellen und abgestorbenen Nervenzellen sind nicht reparabel.
Behandlungen erfolgen hierzulande fast ausschließlich in spezialisierten Stationen – Stroke Unit. In solchen sichert man eine intensive Überwachung der Patienten. Regelmäßig erfolgt das Messen von EKG, Atmung, Blutdruck und vielem mehr durch geschultes Personal, und die Mediziner arbeiten fachübergreifend. Durch das interdisziplinäre Handeln von Kardiologen, Gefäßchirurgen, Radiologen, Onkologen, Spezialisten für Innere Medizin, Dermatologen und weiteren Experten können sie die Betroffenen optimal in Sachen Heilung und Rehabilitation unterstützen.
Welche Medikamente können eingesetzt werden, um Folgen eines Schlaganfalls zu minimieren?
Das ist natürlich abhängig von Ursachen und Zeit. War die Ursache beispielsweise ein Blutklümpchen, das die Blutzufuhr in einer Bahn unterbrochen hat, wird seit den 90er-Jahren die Lyse-Therapie eingesetzt. Das Medikament wird über eine Vene gespritzt.
Es ist die einzig zugelassene causale Akuttherapie. Aber wie das Wort akut schon sagt, das geht nur in einem zeitlich engen Rahmen nach dem Ereignis. Dieses Zeitfenster schließt sich nach viereinhalb Stunden. Danach steigt das Risiko etwaiger Komplikationen bei Einsatz des Medikaments stark an.
Viereinhalb Stunden klingt erst einmal nicht so wenig. Aber in einem Flächenland wie Brandenburg vergeht Zeit vom Feststellen des Ereignisses bis zur Behandlung in einer Stroke Unit schnell. Dazu kommt, dass oftmals das fehlende Bewusstsein für den Ernst der Lage wertvolle Zeit ungenutzt verrinnen lässt. Begünstigend wirkt, dass ein Schlaganfall - im Gegensatz zu einem Herzinfarkt - keine Schmerzen verursacht.
Arzt aus Eberswalde - Maßnahme weiter entwickelt
Kann man nach einem Schlaganfall durch andere Maßnahmen helfend eingreifen?
Ja, kann man. Es gibt eine weitere Methode, die wir uns sozusagen bei den Kardiologen abgeschaut haben. Was 1929 in Eberswalde Werner Forßmann mit dem Herzkatheter im riskanten Selbstversuch entwickelt hat, das haben wir viel später für die Schlaganfallbehandlung übernommen.
Mittels eines Katheters wird ein dünner Schlauch durch die Blutbahn geschoben bis zum verstopften Gefäß im Kopf. Bildgebende Verfahren ermöglichen die genaue Sicht auf den Weg bis zur verstopften kritischen Stelle. Dort angekommen, kann das Gerinnsel oft eingefangen und entfernt werden.
Das Zeitfenster für diese Behandlung ist etwas größer, aber auch begrenzt - auf sechs Stunden. Operiert wird, wenn die Halsschlagader betroffen ist. Hier entfernt der Chirurg dann die Ablagerungen, die den Blutfluss behindern.
Welche Präventionsmaßnahmen empfehlen Sie?
Ein erster Schritt sollte sein, dies je nach Alter mit seinem Hausarzt zu besprechen. Dabei sollten Betroffene Risikofaktoren wie Blutdruck, Hypercholesterinämie und Diabetes mellitus vorrangig im Blick haben. Die Dringlichkeit, das Rauchen zu stoppen, will ich nochmals unbedingt unterstreichen.
Und dann wäre da noch die dringende Empfehlung: Bewegung. Dabei kommt es auf Regelmäßigkeit an. Dreimal in Woche für 30 Minuten sollte man etwas für sich tun und dabei ins Schwitzen kommen. Wer meint, Gartenarbeit reicht aus, der irrt. Das reicht nicht aus. Regelmäßige Bewegung senkt nachweisbar das Risiko, an einem Schlaganfall zu erkranken oder an einem erlittenen Schlaganfall zu versterben.
Richtiges Maß an Bewegung und Physiotherapie
Gibt es eine Empfehlung, wie man sich belasten sollte bei Bewegung, denn ein Übermaß ist sicher auch nicht ratsam?
Es gibt für gesunde Menschen ohne viele Vorerkrankungen oder dauerhafte Medikamenteneinnahme eine einfache Faustregel für eine gesundheitsfördernde Belastung. Man nehme die Zahl 200 und ziehe davon das eigene Lebensalter ab. Die Zahl, die sich dann ergibt, stellt den Trainingspuls dar, den Sporttreibende nicht dauerhaft überschreiten sollten. Diese Faustregel bitte nur bei Gesunden anwenden, sie gilt keinesfalls allgemein.
Empfehlenswert wäre auch, sich von Fachkräften, wie Physiotherapeuten, begleiten zu lassen, gerade in der Anfangsphase. Die Physiotherapie wäre auch der Ort, wo man Bewegung im Zusammenhang mit speziellen Erkrankungen bespricht.
In jedem Fall sollten Sie Ihr Training mit den behandelnden Ärzten absprechen! Umso mehr Betroffene vor der Erkrankung körperlich fit sind, umso besser läuft die Erholung nach einer Erkrankung wie zum Beispiel dem Schlaganfall.
Wo findet man Hilfe nach einem Schlaganfall?
Es gibt mehrere Anlaufpunkte, wenn man nach einem Schlaganfall Hilfe benötigt: Das sind unter anderem Selbsthilfegruppen, die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe und die Deutsche Schlaganfallgesellschaft. Zum anderen aber auch die Rentenversicherung, Krankenkassen und Fachärzte.


