Verkehr in Berlin-Mitte: Masterplan für Straße, Gehweg und Radweg – das ist Bürgern wichtig

Autos fahren auf der Kreuzung Französische Straße, Ecke Friedrichstraße an einer Absperrung vorbei. Ein Abschnitt der Berliner Friedrichstraße wurde in den vergangenen Jahren mehrfach zur Fußgängerzone deklariert. Nach Anrainer-Protesten und einem Gerichtsentscheid ist dieser nun wieder für den Autoverkehr frei. Wie geht es weiter?
Carsten Koall/dpaDie jahrelangen Diskussionen um die zeitweise verkehrsberuhigte Friedrichstraße in Berlin haben schon gezeigt, wie unterschiedlich die Nutzer-Interessen zwischen Anwohnern, Gewerbetreibenden, Touristen und Pendlern sein können. Doch in einem Punkt waren sich die meisten einig: Die Hauptstadt braucht einen übergreifenden Masterplan für ihre Mitte.
Die jungen Frauen, die an der Friedrichstraße/Ecke Oranienburger Straße in Berlin ihren Stand aufgebaut haben, sind in dicke Jacken gepackt, unter die sie Wärmflaschen geklemmt haben. Gerade bei diesem ungemütlichen Winterwetter haben sie es nicht leicht, Passanten zum kurzen Innehalten zu bewegen. Dabei wollen sie weder um Spenden noch um Mitgliedschaften werben.

Josefine (l.) und Joselin am mobilen Info-Stand an der Oranienburger Straße/Ecke Friedrichstraße. Die beiden Frauen machen auf die derzeit laufende Bürgerbeteiligung "Macht Mit(te)!" derSenatsverwaltung für Mobilität, Verkehr,Klimaschutz und Umwelt aufmerksam,
Maria NeuendorffMit ihren Flyern „Macht Mit(te)“! wollen sie zum Mitmachen einladen. Bei einer Online-Bürgerbeteiligung werden Ideen, Vorschläge und Kritik hauptsächlich zur Verkehrssituation gesammelt.
Konzept für Verkehr vom Alexanderplatz bis nach Kreuzberg
Bis 2026 will der Berliner Senat nun dieses Gesamtkonzept für das Gebiet entwickeln, das sich grob gesagt vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor und von der Torstraße bis zum Mehringplatz an der Grenze zu Kreuzberg erstreckt.

Auf der Leipziger Straße in Berlin-Mitte sind die Radwege mehrfach unterbrochen.
Kay Nietfeld/dpaBei der derzeitigen Bürgerbeteiligung geht es vor allem um die Verkehrsräume für Fußgänger, Fahrräder, Autos und den Öffentlichen Nahverkehr. Wo soll eine Fußgängerzone eingerichtet werden? Wo braucht es durchgängige Fahrradwege? Wo ist eine neue Ampelschaltung nötig? Wo muss genug Platz für Durchgangsverkehr erhalten bleiben? Das sind Fragen, zu denen Interessierte Stellung nehmen können, erklären die Frauen.
Die Teilnehmer sollen dabei auf einer virtuellen Karte die Orte eintragen, für die sie Vorschläge zur Verbesserung des Straßenraums haben. In einem Kommentarfeld können sie ihre Erfahrungen genauer beschreiben. „Wir möchten, dass die Berlinerinnen und Berliner aktiv mitbestimmen, nur so können wir die richtigen Entscheidungen für sie treffen“, sagt Manja Schreiner (CDU), Senatorin für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz. „Viele Menschen haben ihre Ideen eingereicht, nun hoffe ich, dass im Endspurt viele weitere hinzukommen.“
Weitere Radwege in Berlin gefordert
Viele der Einträge, die schon online sind, beziehen sich auf den Radverkehr. „Das aktuelle Stück Radweg entlang der Leipziger Straße sollte zu einem durchgehenden Radstreifen qualifiziert werden“, fordert ein Nutzer. Aktuell müssten Radfahrende dort auf dem Bus- und Taxistreifen fahren oder werden auf die Autofahrbahn verwiesen, um anschließend einen markierten Radweg und am Leipziger Platz einen geschützten Radweg auf Fußweg-Niveau zu nutzen, erklärt er.
So radeln viele lieber gleich durch das Brandenburger Tor. Ein Online-Teilnehmer wünscht sich deshalb dort eine markierte Radwegführung, die die Lage an dem berühmten Wahrzeichen zwar entzerrt, aber ohne das denkmalgeschützte Gesamtbild zu sehr zu beeinträchtigen. „Da es für den Radverkehr keine klaren Wege gibt und viele Touristen nur auf die Sehenswürdigkeit und nicht auf die Umgebung achten, kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen“, berichtet er.
Auch das Gebiet zwischen Alexanderplatz und Humboldtforum bietet zahlreiche Sehenswürdigkeiten und zieht viele Touristen an. „Die Attraktivität des Gebietes wird aber durch breite Hauptstraßen stark beeinträchtigt„, schreibt eine Anwohnerin in der Online-Beteiligung. Vor allem die Spandauer Straße empfinde sie als Barriere.
Da diese zwischen der Karl-Liebknecht-Straße und Rathausstraße keine Erschließungsfunktion habe – dort es gibt keine Anlieger – könnte sie zumindest in diesem Bereich in einen autofreien Grünraum umgestaltet werden, schlägt die Verfasserin vor. „Die Asphaltpiste könnte durch viel Grün und Bäume ersetzt werden und einen Beitrag zu einem besseren Stadtklima leisten.“
Tempo 30 Unter den Linden
Eine andere Anwohnerin wünscht sich eine Geschwindigkeitsbegrenzung von Tempo 30 für die Karl-Liebknecht-Straße beziehungsweise Unter den Linden von der Spandauer Straße bis zum Brandenburger Tor. „Vor allem im Kontrast zur stark ausgebauten und für den Alltagsverkehr stark frequentierten Leipziger Straße wäre an dieser Stelle eine Geschwindigkeitsbegrenzung wünschenswert und würde sich mit den reduzierten Fahrstreifen, der touristischen Nutzung und der Straßenwirkung ergänzen“, glaubt die Verfasserin.
Zu den einzelnen Vorschlägen können andere Online-Teilnehmer wiederum ihre Zustimmung oder kritische Kommentare geben. „Ziel der Online-Beteiligung ist es, in einem ersten Schritt Orte und Teilräume zu identifizieren, die für die Planung besonders relevant sind sowie Nutzungskonflikte und Lösungsmöglichkeiten aufzudecken“, heißt es aus der Verkehrsverwaltung. Die Ergebnisse würden unmittelbar in die anschließende Erarbeitung des Konzepts zur „Netzgestaltung und Nutzung“ als Teil des Masterplans für die Berliner Mitte einfließen.
Gleichzeitig soll aber auch die barrierefreie Erreichbarkeit zum Beispiel von Bahnhöfen sowie die Bedeutung der Bundesstraße in der historischen Mitte für den Durchgangsverkehr betrachtet werden. Bereits existierende Einzel-Projekte inklusive zugehöriger Beteiligungsprozesse – wie beispielsweise für die Bauakademie, den Molkenmarkt, das Haus der Statistik und den Alexanderplatz – würden dabei mit in die Betrachtung einbezogen, so die Planer. Dabei stünde vor allem die Steigerung der Aufenthaltsqualität im Fokus, sodass die Berliner Mitte einer modernen europäischen Metropole gerecht werde.
So wünschen sich Online-Teilnehmer zum Beispiel, neben Verkehrsmaßnahmen, auch die geschäftliche Belebung der Kolonnaden an der Leipziger Straße oder die Einrichtung eines Wochenmarktes mit regionalen Produkten auf dem Spittelmarkt.
Konstruktive Vorschläge von Bürgern
Bisher haben an der Online-Beteiligung rund 500 Bürger teilgenommen. „Da sind schon viele konstruktive Ideen dabei“, freut sich die Info-Stand-Betreuerin, die auch teilweise für das Monitoring zuständig ist. Die üblichen Beschimpfungen und Kommentare unter der Gürtellinie seien ausgeblieben.
„Natürlich kann nicht jeder Hinweis umgesetzt werden“, erklärt sie den Passanten. Aber durch die Befragung würden die Planer auf Probleme aufmerksam gemacht und können neuralgische Orte lokalisieren und genauer unter die Lupe nehmen. „Wer weiß denn besser Bescheid über die Situation vor Ort als die Bürger, die täglich Straßen, Kreuzungen und Plätze passieren“, betont die junge Mitarbeiterin. Dass sie und ihre Kollegin für den Infostand heute den Standort an der Oranienburger Straße gewählt haben, sei schon ein erstes Ergebnis aus der Online-Bürgerbeteiligung.
Denn zur Linienstraße, nur wenige Schritte weiter, habe es schon auffällig viele Hinweise gegeben, berichten sie. Die knapp zwei Kilometer lange Verbindung parallel zur Torstraße wurde zwar schon vor Jahren zur Fahrradstraße umgewidmet. Doch weil sich inzwischen die zunehmende Schar von Radfahrern dort an schmalen Abschnitten auch ohne Autos in die Quere kommt, will der Bezirk noch einmal nachbessern.
Die Online-Beteiligung läuft noch bis 31. Januar 2024. Hier der direkte Link: mein.berlin.de





