In Berlin-Charlottenburg ist am Mittwoch ein Pkw in eine Menschenmenge gefahren. Eine Frau (51) starb, sechs weitere Personen wurden lebensbedrohlich, drei schwer und etliche weitere leicht verletzt. Unter den Verletzten befinden sich auch Schüler. Ein Lehrer wurde nach derzeitigem Stand schwer verletzt.
Nach derzeitigem Kenntnisstand der Polizei sind neben der Getöteten 14 Menschen verletzt worden. Bei den Verletzten handele es sich ausschließlich um Menschen aus der Schülergruppe, mit der die Lehrerin unterwegs gewesen war, sagte eine Polizeisprecherin der Deutschen Presse-Agentur am Mittwochabend. Wegen der dynamischen Lage schwankten die Angaben noch, hieß es.
Der Fahrer des Wagens wurde von Passanten aufgehalten und der Polizei übergeben. Im Verlauf des Tages wurden immer mehr Details bekannt.
Die Behörden gehen inzwischen von einer Amoktat aus. „Nach neuesten Informationen stellt sich das heutige Geschehen an der Tauentzienstrasse als eine Amoktat eines psychisch beeinträchtigten Menschen dar“, erklärte Berlins Innensenarorin Iris Spranger am Mittwochabend auf Twitter. Zuvor hatte sie erklärt: „Wir trauern um die verstorbene Lehrerin und bangen um die Schwerverletzten des schrecklichen Vorfalls... Als Zeichen des Mitgefühls und der Anteilnahme habe ich in Berlin für morgen Trauerbeflaggung angeordnet.“
Die getötete Frau war eine Lehrerin aus Hessen, die mit einer Schulklasse zu Besuch in der Hauptstadt war. Ein weiterer Lehrer wurde schwer verletzt. Das sagte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) am Mittwoch. Die Lehrerin sei mit einer zehnten Klasse einer Schule aus dem nordhessischen Bad Arolsen in Berlin gewesen, teilte die hessische Landesregierung mit.
Diese zeigt sich tief bestürzt. „Diese schockierende Nachricht aus Berlin macht mich fassungslos und tief betroffen. Meine Gedanken sind bei den Opfern, die voller Freude auf einer Klassenfahrt in der Hauptstadt waren“, teilt Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) mit. Notfallbetreuungsteams seien nach Bad Arolsen geschickt worden, um den Angehörigen, Mitschülern und Lehrern beizustehen.

Pkw-Fahrer kracht nach 200 Metern in ein Schaufenster

Wie die Polizei mitteilte, fuhr der Mann gegen 10.26 Uhr seinen Renault-Kleinwagen an der Straßenecke Ku'damm und Rankestraße auf den Bürgersteig des Ku'damms und in eine Menschengruppe. Dann fuhr er den Angaben zufolge zurück auf die Kreuzung und knapp 200 Meter weiter auf der Tauentzienstraße Richtung Osten. Kurz vor der Ecke Marburger Straße lenkte er den Wagen erneut von der Straße auf den Bürgersteig, touchierte ein anderes Auto, überquerte die Marburger Straße und landete im Schaufenster eines Parfümerie-Geschäfts mit der Adresse Tauentzienstraße 16. Nahe der Kreuzung Kurfürstendamm, Rankestraße und Tauentzienstraße lag nach dem Vorfall eine abgedeckte Leiche.

Kein Bekennerschreiben - Schriftstücke und Plakate gefunden

Der Pressesprecher der Polizei, Thilo Cablitz, sagte am Mittag: „Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, ob es sich um eine Vorsatztat oder einen Verkehrsunfall handelt.“ Indikatoren, die für eine Vorsatztat sprechen würden, würden nun unter anderem abgeglichen mit der Spurenlage und Zeugenaussagen. „Ich möchte mich aber nicht auf Spekulationen einlassen“, sagte Cablitz mit Blick auf die Entfernung zwischen den beiden Unfallstellen.
Ein Auto steht im Schaufenster eines Geschäfts auf der Tauentzienstraße, nachdem es in eine Gruppe von Menschen gefahren ist. Ein Auto ist in der Nähe der Gedächtniskirche in Berlin in eine Personengruppe gefahren, ein Mensch ist gestorben. Das sagte ein Feuerwehrsprecher am Mittwoch.
Ein Auto steht im Schaufenster eines Geschäfts auf der Tauentzienstraße, nachdem es in eine Gruppe von Menschen gefahren ist. Ein Auto ist in der Nähe der Gedächtniskirche in Berlin in eine Personengruppe gefahren, ein Mensch ist gestorben. Das sagte ein Feuerwehrsprecher am Mittwoch.
© Foto: Michael Sohn
Der mutmaßliche Fahrer des Fahrzeugs wurde von der Polizei vor Ort festgehalten, so Cablitz. Zeugen sollen den Fahrer an die Beamten übergeben haben. Bei dem Mann handelt es sich laut Polizeiangaben um einen 29 Jahre alten in Berlin lebenden Deutsch-Armenier. Er sei ansprechbar und werde vernommen. Es werde zudem geprüft, ob auch ein medizinischer Notfall in Betracht komme. Der Fahrer sei mittlerweile in ein Krankenhaus gekommen. Nach dpa-Informationen aus Polizeikreisen soll der Verdächtige psychisch auffällig sein.
Die Polizei hat mit Unterstützung eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) die Wohnung des Fahrers durchsucht. Den Einsatz im Stadtteil Charlottenburg, über den zuvor die „Bild“-Zeitung berichtet hatte, bestätigte eine Polizeisprecherin der Deutschen Presse-Agentur.
Nach früheren dpa-Informationen soll die Polizei in dem Wagen ein Bekennerschreiben gefunden haben. Nun stellte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) klar, dass es sich bei den Funden um Schriftstücke und Plakate mit Aufschriften handle. „Ein richtiges Bekennerschreiben gibt es nicht.“ Spranger sprach von „Plakaten“, auf denen Äußerungen zur Türkei stehen würden. Die genaue Motivation des Fahrers müsse untersucht werden. Eine Polizeisprecherin sagte: „Welcher Art die Äußerungen auf Schriftstücken und Plakaten sind, die im Auto gefunden wurden, prüfen wir noch.“ Polizeipräsidentin Barbara Slowik sprach von einem „Tatverdächtigen“. Im Moment gebe es keine einschlägigen Erkenntnisse zu einer politischen Motivation. Von einem zufälligen Unfall war in den Stellungnahmen nicht die Rede.
Die Präsidentin der Hauptstadt-Polizei die Offenheit der Ermittlungen betont. Man ermittele wirklich in alle Richtungen, sagte Barbara Slowik am Mittwochabend im RBB. Psychische Beeinträchtigungen des 29 Jahre alten Fahrers seien zwar nicht auszuschließen, aber alle anderen Hintergründe ebenso wenig. Die Polizei schließe im Moment „gar nichts“ aus.
Die Ermittlungen würden von einer Mordkommission geführt, sagte Slowik. Die Polizei werde etwa das Auto des Fahrers noch kriminaltechnisch untersuchen. Ermittler setzen Slowik zufolge auch auf Fotos und Videos, die von Zeugen auf einer Hinweisplattform hochgeladen werden könnten. Dies helfe immens für eine schnelle Auswertung.
Mehrere Stunden nach dem Vorfall war am Nachmittag das Europacenter zum Teil geräumt worden. Grund war die genauere Untersuchung des Autos des Täters, das gegenüber des großen Einkaufszentrums auf der anderen Seite der Tauentzienstraße stand. Es gehe um eine reine Vorsichtsmaßnahme, falls sich in dem Wagen etwas Gefährliches befinden sollte, so die Polizei.
Der Täter war nach dpa-Informationen mit einem Auto unterwegs, das seiner älteren Schwester gehört. Die Polizei habe Kontakt zur Schwester des Fahrers aufgenommen, hieß es. Der Täter soll der Polizei bereits bekannt gewesen sein, allerdings nicht in Zusammenhang mit Extremismus.

Erste Augenzeugenberichte aus Berlin

Vor Douglas, wo das Auto hinter der zerborstenen Scheibe zum Stehen gekommen ist, zeigt sich ein Bild der Verwüstung. Zerstörte Stühle eines Bistros, zerstörte Blumenkübel und Papierrollen liegen am Boden: „Das haben wir für die Erste Hilfe benutzt“, berichtet Feres Amiri vom Mittagsbistro "Little Green Rabbit" gleich nebenan. „Ich war gerade erst zur Arbeit gekommen, als ich einen lauten Knall hörte." Der 19-Jährige bot sich als Ersthelfer an. „Ein Mann, dem das Auto die Füße weggerissen hat, lag am Boden, zitterte und konnte sich nicht mehr bewegen. Er blutete stark am Hals. Ich bat, dass doch jemand die Blutung stoppen soll. Ich glaube, er musste später reanimiert werden."
Einsatzkräfte stehen nach einem tödlichen Zwischenfall auf der abgesperrten Straße. Ein Auto ist in der Nähe der Gedächtniskirche in Berlin in eine Personengruppe gefahren, ein Mensch ist gestorben. Das sagte ein Feuerwehrsprecher am Mittwoch.
Einsatzkräfte stehen nach einem tödlichen Zwischenfall auf der abgesperrten Straße. Ein Auto ist in der Nähe der Gedächtniskirche in Berlin in eine Personengruppe gefahren, ein Mensch ist gestorben. Das sagte ein Feuerwehrsprecher am Mittwoch.
© Foto: Fabian Sommer
Der junge Bistro-Angestellte erinnert sich auch an eine schwangere Frau in der 26. Woche, die eine schwere Fraktur am Bein hatte. „Die Douglas-Chefin hat sich um sie gekümmert. Sie hat überhaupt die Erste Hilfe ganz toll organisiert und ihre Angestellten angewiesen, wer wem helfen soll. Schlimm fand ich die ganzen Schaulustigen, die einfach da standen und mit ihren Handys gefilmt haben, anstatt zu helfen", sagt Amiri, der selbst noch ganz geschockt vom Geschehen ist.

Aufruf der Polizei

Die Berliner Polizei hat dazu aufgerufen, keine Bilder vom tödlichen Vorfall an einer Einkaufsstraße zu posten. „Wir bitten Zeuginnen & Zeugen, Hinweise und Mediendateien zum Geschehen #Tauentzienstraße an unser Hinweisportal zu übersenden“, twitterte die Polizei am Mittwochmittag. „Bitte verbreiten Sie keine Aufnahmen vom Ereignisort im Netz. #b0806 #Charlottenburg.“

Betroffenheit in Europa, Bund und Land

Die Bundesregierung, Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigten sich bestürzt über das Geschehene. „Meine Gedanken sind bei den schwer und sehr schwer Verletzten, bei dem Todesopfer“, erklärte Steinmeier. „Und sie sind bei denen, die Schreckliches erleben mussten. Mein tiefes Mitgefühl gilt ihnen, allen Angehörigen und Hinterbliebenen.“
Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sagte den Betroffenen Unterstützung zu. „Wir werden alles dafür tun, den Betroffenen zu helfen.“ Ebenso werde alles dafür getan, den Hergang aufzuklären. „Wir wissen, dass wir eine Tote und zehn Schwerverletzte haben.“ Sie machte sich am Nachmittag ein Bild von der Lage vor Ort.
EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola hat sich angesichts des tödlichen Vorfalls durch einen Autofahrer in Berlin betroffen gezeigt. Sie wolle im Namen des Europaparlaments sagen, „dass unsere Gedanken bei den Angehörigen der getöteten Person und den Überlebenden sind“, sagte Metsola am Mittwoch im Straßburger Europaparlament.
In Berlin in der Nähe vom Breitscheidplatz ist ein Auto in eine Menschenmenge gefahren. Es gibt eine Tote und Verletzte.
In Berlin in der Nähe vom Breitscheidplatz ist ein Auto in eine Menschenmenge gefahren. Es gibt eine Tote und Verletzte.
© Foto: Maria Neuendorff
Für den Abend (19.00 Uhr) wurde eine Gedenk-Andacht in der Gedächtnis-Kirche angekündigt, in deren Nähe sich der Vorfall ereignete.
Der Unfallort befindet sich unweit der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg. Dort war im Dezember 2016 der islamistische Attentäter Anis Amri mit einem Lkw in einen Weihnachtsmarkt gefahren. Damals starben zwölf Menschen, mehr als 70 wurden verletzt.
In Berlin weckt der Vorfall auch Erinnerungen an den Tod von vier Menschen im Bezirk Mitte im Jahr 2019: Ein Mann war damals mit seinem schweren Wagen von der Invalidenstraße abgekommen. Der SUV überschlug sich und tötete auf dem Gehweg einen Dreijährigen und seine Großmutter sowie zwei Männer. Im Februar 2022 war der Fahrer zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Er war trotz einer Epilepsie-Erkrankung und einer Gehirnoperation einen Monat vor dem Unfall Auto gefahren.
Die Gegend, in der sich der tödliche Vorfall ereignete, ist wegen der vielen Geschäfte, Cafés und Sehenswürdigkeiten oft sehr belebt. Sie ist ein Anziehungspunkt für Touristen aus dem In- und Ausland. In der Nähe befinden sich zum Beispiel der Zoologische Garten, der Bahnhof Zoo und das Kaufhaus des Westens (KaDeWe).