Watt in Berlin vor dem Aus: Kampf um Kiez-Bar – Kneipe in Prenzlauer Berg bedroht

Die Kulturkneipe „Watt“ in Berlin-Prenzlauer Berg ist seit vielen Jahren eine Institution im Kiez. Dort finden regelmäßig Konzerte und Lesungen statt. Wie lange ist das noch möglich?
Maria Neuendorff- Die Kulturkneipe „Watt“ in Berlin-Prenzlauer Berg droht zu schließen – Mietvertrag endet im September.
- Breiter Widerstand: Politik, Künstler und Nachbarn kämpfen gegen Verdrängung durch hohe Mieten.
- „Watt“ bietet seit Jahren Kulturveranstaltungen wie Konzerte, Lesungen und Filmabende.
- Initiative „Kulturkneipe Watt retten!“ hat Petition und Demonstrationen gestartet.
- Hauseigentümer verweigern Verhandlungen – Mieterschutz für Gewerbe kaum vorhanden.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Egal, ob beim Bäcker oder im Späti: „Das Watt muss bleiben“ ist überall auf gelben Plakaten zu lesen. Fast jeder Laden im Kiez rund um den Senefelder Platz in Berlin Prenzlauer Berg hat die Flyer zur Rettung der Musikkneipe in sein Schaufenster geklebt. „Ein Ort, an dem man Kultur erleben kann“, schrieb auch Klaus Lederer, ehemaliger Kultursenator, über die beliebte Kiez-Kneipe an der Metzer Straße.
Seit ihr Aus besiegelt scheint, haben sich neben mehreren Vertretern aus der Politik auch Literaten, Musiker, Elektriker, Philosophen, Verleger, Weltenbummler und Nachbarn zu Wort gemeldet.
„Watt“ in Berlin – die Kneipe als Wohnzimmer
Sie erzählen nicht nur, wie das „Watt“ zu ihrem Wohnzimmer geworden ist, sondern von dem generellen „Kulturkahlschlag“ und „Kneipensterben“ in Prenzlauer Berg, das sich vom ehemaligen Szenebezirk immer mehr zur Schlafstadt zu entwickeln scheint. Die seitenlangen Offenen Briefe sind dabei schon fast feuilletonistisch.
Die Bittschreiben finden trotzdem keinen Anklang bei dem Besitzer-Paar des Mietshauses. Obwohl es selbst mit der Kultur-Szene verwoben ist und im Kiez lebt. Er kommt aus der Klubszene, sie aus dem Literaturbetrieb. „Sie haben mir über ihre Hausverwaltung im Dezember unmissverständlich klargemacht, dass es keine Verhandlungsbasis gibt“, sagt Sindy Klische, die Wirtin des „Watt“.
Das heißt, wenn Ende September der Zehn-Jahres-Mietvertrag ausläuft, ist Schluss. Die Entwicklung steht exemplarisch für die Entwicklung in Prenzlauer Berg. „Ich musste miterleben, wie hier über die Jahre hinweg immer mehr solcher originären Orte verdrängt wurden und verschwunden sind“, berichtet Klaus Lederer, bis 2024 Abgeordneter der Linken, heute parteilos. „Übrig blieb nicht selten Tristesse oder austauschbare Fassaden, Glasfronten, Schmutz und Fress- und Billigmeilen – oder Luxustempel, die sich viele Menschen nicht mehr leisten konnten.“
Im „Watt“ ist das Bier verhältnismäßig preiswert. Veranstaltungen sind gratis. Jeder entscheidet selbst, ob er ein paar Euro in den Hut wirft, der hinterher für die Künstler herumgeht. Mehrmals in der Woche gibt es Konzerte, Lesungen, Filmabende. „Beim Sommerkino wird ab Dämmerung der sauschwere 35-Millimeter-Projektor angeschmissen und zum Stummfilm Klavier gespielt“, erzählt die Wirtin.
Nachtleben in Berlin – ein Dichter als Kneipen-Wirt
Spätestens 19 Uhr geht das erste Bier über den alten Holztresen, der mit Kerzen und Aschenbechern eingedeckt ist. Wer draußen sitzt, kommt zur Selbstbedienung hinein und hält beim Warten auf sein Getränk einen Plausch mit Stammgästen am Tresen. „Wie geht’s deiner Mutter“, fragt der Mann hinterm Zapfhahn einen jungen Mann, der ein großes Helles ordert.
Auch wenn sich inzwischen Studenten auf der Galerie drei Stufen höher niederlassen, das Watt wirkt familiär. „Von den Touri-Strömen sind wir irgendwie verschont geblieben“, sagt Sindy Kliche.
Sie selbst ist in Brandenburg an der Havel geboren und hat in Italien und Schweden Bildhauerei studiert. Das Heimweh habe sie zurück nach Berlin gebracht. Die Kneipe übernahm sie 2015 vom Lyriker Bert Papenfuß (1956- 2023), der sie zuvor unter dem Namen „Rumbalotte“ zum Künstlertreff gemacht hatte. „Da war die Patina quasi schon drin“, sagt die 47-jährige Wirtin. Genauso wie der Anspruch, Kultur für jedermann und jeden Geldbeutel anzubieten.
Doch während der ehemalige DDR-Untergrunddichter den Fokus auf Lesungen gesetzt hatte, holte die Wirtin mehr Musiker ins „Watt“. Auf der kleinen Bühne am Ende des gewölbeartigen Gastraums stehen neben unbekannten Künstlern bekannte Jazzmusiker wie Anna Kaluza oder singende Schauspieler wie Meret Becker und Alexander Scheer.
Kneipe ist über 100 Jahre alt
„Teilweise gab es in einer Woche drei bis vier Konzerte“, schwärmt auch René Schwettge, Gründer der Berliner Band „Infamis“ und ebenfalls Stammgast. Im Musikvideo „Endlich“ hat seine Band nicht nur dem Prenzlauer Berg, sondern auch dem „Watt“ ein musikalisches Denkmal gesetzt. „Rauch und raue Menschen. In einer Ecke ein wenig Licht. Man reißt sich Splitter ein an der Theke“, heißt es da. Und: „Doch was kümmert mich der Morgen?“
Die Geschichte des Gasthauses reicht gut 100 Jahre zurück. Erst vor kurzem bekam Sindy Klische Besuch von zwei Damen im Alter von 50 und 71 Jahren. Mutter und Tochter brachten Fotos ihres Groß- beziehungsweise Ur-Großvaters mit, wie er als Kneipen-Wirt vor der Eingangstür des heutigen „Watt“ steht.

Blick ins Foto-Album der Geschichte: August Lehmann (r.) betrieb die Kneipe an der Metzer Straße 9 von 1922 bis 1937.
Petra NieslerAugust Lehmann kaufte 1922 die Kneipe. „Meine Mutter ist quasi in der Kneipe aufgewachsen. Die Wohnung unserer Familie war gleich nebendran“, berichtet Petra Niesler. Während ihre Oma Soleier und Bratheringe zubereitete, habe ihr Opa am Zapfhahn gestanden, weiß die 71-Jährige aus Erzählungen. Sie hat ihn persönlich nicht mehr kennengelernt. Er starb 1953, kurz vor ihrer Geburt. Die Kneipe hatte er aber schon 1937 aus Altersgründen verkauft.
Als ihre Mutter vor sieben Jahren starb, habe sie die alten Fotos im Nachlass entdeckt. „Da steckt so viel Geschichte drin, nicht nur von meiner Familie“, findet sie. Dass nun wieder eine Kneipen-Geschichte in Berlin zu Ende geht, stimmt sie traurig, auch wenn sie heute in Erkner lebt. „An der Kreuzung Straßburger Straße/Metzer Straße gab es ja mal an jeder der vier Ecken eine Kneipe“, weiß Petra Niesler.
DDR-Kneipe für harte Jungs - Nachtleben in Berlin
Auch zu DDR-Zeiten wurde im Vorläufer des Watts Bier ausgeschenkt. Aus der Zeit ist wenig überliefert. „Mitte der 80er-Jahre war es eher ein Ort für harte Jungs wie Heizer und Maurer mit Nachtbar-Status, weil die Kneipe auch nach Mitternacht noch offen hatte“, erinnert sich René Schwettge, der als Jugendlicher durch den ehemaligen Arbeiterbezirk streunerte.
Die Intellektuellen hätten erst in der Nachwendezeit den Weg in die Eckpinte gefunden. Die Räume beherbergten bis 2010 die Bar Diller, benannt nach dem Maler und Grafiker Michael Diller.
„Im Watt begegnen sich Menschen unterschiedlicher Berufe und Berufungen, Generationen und Hintergründe von Angesicht zu Angesicht“, heißt es denn auch auf der Webseite der Initiative „Kulturkneipe Watt retten!“. Um die Forderung nach dem Erhalt der Kneipe in die Öffentlichkeit zu tragen, haben die Initiatoren eine Petition gestartet.
„Eigentum entpflichtet nicht“, heißt es auf Demonstrationen, wo für das „Watt“ getrommelt werden soll. Auf dem Gang zur Kneipen-Toilette, in der sich in den vergangenen Jahrzehnten Nachtschwärmer mit Kritzeleien verewigt haben, liegen neben Konzert-Ankündigungen Flyer von der Initiative „Pankow gegen Verdrängung.“

Blick von der Galerie in den Hauptgastraum der Kulturkneipe „Watt“ in Berlin-Prenzlauer Berg kurz nach Öffnung um 19 Uhr - kurz bevor die ersten Stammgäste eintrudeln.
Maria NeuendorffAuch das Bündnis gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn Berlin solidarisiert sich mit der Kneipe. „Doch gerade Gewerbetreibende genießen kaum Mieterschutz“, weiß Sindy Kliche. Selbst wenn ein Vertrag verlängert werde, gebe es meist krasse Mieterhöhungen, weil in dem Bereich im Gegensatz zu Wohnimmobilien gesetzlich keine Grenzen gesetzt seien, erklärt die Wirtin. Inzwischen habe sie schon von Gastronomen im Kiez gehört, die Mietpreise von über 50 Euro pro Quadratmeter zahlen.
Kulturkneipe „Watt“ – Hauseigentümer äußern sich nicht
Die Eigentümer des Eckhauses an der Metzer Straße wollen scheinbar nicht einmal verhandeln. Sie bleiben auch auf Anfrage dieser Redaktion stumm. Dass sie nichts sagen wollen, lassen sie über eine renommierte Anwaltskanzlei ausrichten. Auch der Name der Besitzer darf nicht genannt werden.
Wenn Sindy Kliche die Eigentümer persönlich sprechen könnte, dann würde sie ihnen sagen: „Die Türen stehen noch offen. Ihr könntet doch auch ein Beispiel dafür sein, dass es mal anders gehen kann.“



