Berlinale 2024 in Berlin
: „Sterben“ – drei lange Stunden mit Lars Eidinger

Berlinale 2024: In seinem sehr persönlichen Film „Sterben“ geht Matthias Glasner dem Anfang und vor allem dem Ende des Lebens nach. Nicht gerade wenig – selbst für einen Film, der 183 Minuten dauert.
Von
Michael Heider
Berlin
Jetzt in der App anhören

Lars Eidinger als Tom in „Sterben“: Der Film von Matthias Glasner feierte auf der Berlinale 2024 Premiere.

Jakub Bejnarowicz/dpa

Gestorben wird allein, heißt es. Im Fall von Gerd Lunies (Hans-Uwe Bauer) ist es so. Eine Lungenentzündung lässt den demenzkranken Mann nach Atem ringen. Sein Husten halt durch das triste Zimmer seines Pflegeheims. Minutenlang röchelt er, ringt nach Luft, ehe er aus dem Bett fällt.

Auf dem Boden liegend nimmt der über 70-Jährige seinen letzten Atemzug. Weder Frau Lissy, selbst todkrank, noch Sohn Tom oder Tochter Ellen sind an seiner Seite. Gerd Lunies stirbt allein.

Berlinale 2024: Matthias Glasner setzt auf profane Drastik

Es ist die wohl beklemmendste Szene in „Sterben“. Die Kamera hält einfach drauf. Keine Schnörkel. Stattdessen profane Drastik. Sie macht diesen unzählige Male schon gestorbenen Tod umso greifbarer und emotionaler. Der Film von Matthias Glasner feierte am 18. Februar 2024 Premiere auf der 74. Berlinale, wo er auch im Wettbewerb steht.

Längst haben die Lunies den familiären Zusammenhang verloren. Lissy Lunies (Corinna Harfouch) scheint gar erleichtert, als ihr schwer dementer Mann Gerd endlich ins Heim kommt. Die an krebskranke Frau hat selbst nicht mehr lang zu leben. Die beiden Kinder stehen der Mutter in diesem letzten Lebensabschnitt nicht bei. Während Sohn Tom (Lars Eidinger) als Dirigent an einer Komposition namens „Sterben“ arbeitet und als Zweitvater für das Kind seiner Ex fungiert, verliert sich seine Schwester Ellen (Lilith Stangenberg) in der Liebe zum Alkohol und dem Exzess.

Berlinale: „Sterben“ widmet sich dem ganz Großen im Kleinen

Regisseur Glaser („This Is Love“, „Gnade“), der auch das Drehbuch schrieb, verarbeitet darin persönliche Erfahrungen: den schnell aufeinander folgenden Tod seiner Eltern und die Geburt seines Kindes. Manche Dialoge zwischen ihm und seinen Eltern habe er eins zu eins aus seinem Gedächtnis übernommen, so der Filmemacher im Anschluss an die Premiere. Herausgekommen ist ein Werk, das sich dem ganz Großen widmet: Leben und Sterben.

Verarbeitet in „Sterben“ sehr persönliche Erfahrungen: Matthias Glasner

Monika Skolimowska/dpa

Das ist enorm viel für einen Film. Selbst wenn er geschlagene drei Stunden dauert. Zwar ergeht sich Glasner nicht in philosophischen Erörterungen über den Anfang und das Ende des Lebens. Er will das Große im Kleinen erzählen. Die Kernfamilie Lunies dient ihm als Kulisse für seine Geschichte. Doch trotz seines universellen Anspruchs geht „Sterben“ nur selten nahe. Dafür erstickt der Film zu sehr unter seiner eigenen Schwere.

Besonders Corinna Harfouch und Lars Eidinger überzeugen

Unterbrochen wird diese von oft glänzenden, manchmal humorvollen Dialogen. Dankbares Material für ein Who-Is-Who des deutschen Films. Selbst Nebenrollen sind mit Ronald Zehrfeld, Saskia Rosendahl und Robert Gwisdek hochkarätig besetzt. Doch besonders Corinna Harfouch und Lars Eidinger als Mutter-Sohn-Gespann beweisen ihr schauspielerisches Können.

Etwa, wenn die beiden nach der Beisetzung des verstorbenen Ehemanns und Vaters ihre eigene Beziehung in einem zunehmend eskalierenden Gespräch über Kaffee und Kuchen sezieren – nur, um letztlich Gewissheit zu erlangen, dass sich beide ohne wirkliche Zuneigung begegnen.

Und dennoch: Am Ende dreier nicht enden wollender Stunden steht die Erkenntnis, dass nicht nur allein gestorben wird. Sondern, dass sich das Sterben auch schmerzhaft lange hinziehen kann.

„Sterben“ auf der Berline (Termine)

● Montag, 19.2.: 17.15 Uhr, Verti Music Hall / 21.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele

● Mittwoch, 21.2.: 15 Uhr, Verti Music Hall

● Sonntag, 25.2.: 20.45 Uhr, Colosseum 1