Brandenburgischer Kunstpreis 2023
: ist die Zeit für Kunst - Fotografin Katja Gragert ausgezeichnet

Nicht die reine Landschaft interessiert die Potsdamer Fotografin Katja Gragert, sondern die Spuren, die der Mensch in ihr hinterlässt. So auch bei ihrer Serie „Baumartig“.
Von
Stephanie Lubasch
Neuhardenberg
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„Sobald eine Person im Bild ist, wird sie zum Beobachter“, weiß die Fotografin Katja Gragert. In Neuhardenberg zeigt sie ihre Serie „Baumartig“.

Stephanie Lubasch

Ein Laternenmast am Straßenrand. Grauer, glatter Beton, von blattlosem Strauchwerk umwuchert. Zwei Formen, die gegensätzlicher nicht sein können: hier die schmucklose, gerade Linie, dort die feinen, fast bizarr anmutenden Verästelungen. Umgeben von überbelichtetem, winterlichem Weiß, wirken sie wie eine Symbiose, ein einträchtiges Miteinander. Natur trifft Kultur, das Wilde, Urwüchsige auf das Geformte. Oder wie Katja Gragert es ausdrückt: „Mich interessiert nicht die reine Landschaft, sondern wie der Mensch sie gestaltet, welche Spuren er zurücklässt.“

„Baumartig“ heißt die Serie, für die die Potsdamerin in diesem Jahr den Brandenburgischen Kunstpreis in der Kategorie Fotografie zugesprochen bekommen hat. Drei Arbeiten, deren Bildsprache so reduziert, so zurückgenommen ist, dass einem die enorme Wirkung, die sie beim Betrachten erzeugt, fast unheimlich erscheint. Etwas aus diesem diffusen Hintergrund spricht zu uns – und sagt uns doch nichts vor.

Mit der dreiteiligen Serie „Baumartig“ (2023, Digitalfotografien auf Hahnemühlepapier) hat Katja Gragert den Kunstpreis 2023 gewonnen.

Katja Gragert

Katja Gragert weiß um diese Wirkung, fordert sie heraus. „Mir ist es wichtig, die Bilder sehr offen zu halten. Sie sollen minimalistisch sein, um so zur Projektionsfläche für den Betrachter zu werden.“ Und dabei gleichsam einen Raum öffnen für den Diskurs, die Auseinandersetzung. Der anklagende Blick auf Industriebrachen, Umweltzerstörung oder Bausünden ist Gragerts Sache dabei nicht. Wenn sie sich in ihrer Serie „Gegen die Wand“ damit beschäftigt, wie wir heute wohnen, gibt sie die Frage lieber Foto um Foto behutsam an uns weiter.

Eine großflächige Hauswand mit nur einem Fenster? Geradlinige, charakterlose Bauformen, deren einziger Schnörkel eine verblühte Pflanze im Vorgarten sein darf? „Hier versuche ich schon, subtil meine Message herüberzubringen, das Sterile, Anonyme unserer heutigen Wohnkultur zu hinterfragen. Jedoch nicht vordergründig. Ich bin ja selbst zwiegespalten. Als Mensch, der so leben muss, finde ich es furchtbar. Aber als Künstlerin gefällt mir die Ästhetik, mag ich die Poesie dieser kleinen Dinge des Alltäglichen.“

2008 macht sie sich als Fotografin selbständig

Wie es Katja Gragert gelingt, diese Poesie selbst in der größten Dissonanz zum Klingen zu bringen, ist beeindruckend. Um so mehr, wenn man weiß, dass sie sich erst spät entschieden hat, vom Hobby zum Beruf zu wechseln. 2008, mit 30 Jahren, hat sie sich als freie Fotokünstlerin selbstständig gemacht, zuvor Sprachwissenschaften studiert an der Berliner Humboldt-Universität. „Fotografiert habe ich schon immer“, sagt sie, anfangs noch analog mit einer Pentacon-Kamera. „Ich dachte aber nie, dass ich gut genug wäre, um als Profi zu arbeiten.“

Und doch wuchs es mit, das Hobby. „Bis ich Mitte 20 war und der Moment kam, wo ich dachte, ich will es versuchen.“ Um sich dabei nicht verbiegen zu müssen, hat Katja Gragert entschieden, weiterhin in einem „Brotjob“ zu arbeiten. Im Sommer. Der Winter gehört der Fotografie. Und das ist auch gut so: Für die Art, wie die Potsdamerin arbeitet, ist das Wetter essenziell. Der verschwindende Hintergrund in ihren Fotografien, der von Betrachtern gern für eine nachträgliche Bearbeitung gehalten wird, entsteht allein durch Licht- und Wetterverhältnisse. „Ich muss“, sagt sie, „also zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.“ Und zwar in den kühlen Monaten, wenn es stürmt, schneit und nebelt.

Dann macht sich Katja Gragert auf den Weg und sucht sie, die kleinen, auf den ersten Blick alltäglichen Motive in der von Menschen geschaffenen, umgeformten Landschaft. Warum sie die so interessieren? „Vielleicht“, glaubt sie, „liegt es daran, dass ich in Brandenburg aufgewachsen bin.“ Nicht an der Ostseeküste oder in den Bergen, wo die Natur ganz groß spektakeln kann. „Ich fand es immer spannend, hier durch die Gegend zu laufen und mir kleine Details rauszupicken, Orte, Landschaften, in denen der Mensch etwas hinterlassen hat.“ Diesen selbst in den Fokus zu nehmen, darauf kann sie als Fotografin heute gern verzichten. „Sobald eine Person im Bild ist, wird sie zum Beobachter“, sagt Katja Gragert, stört sie die Offenheit, auf die sie als Künstlerin hinarbeitet.

In Brandenburg ist oft „irgendwas im Hintergrund“

Dem Zufall überlässt sie dabei wenig; vor jedem Foto steht eine Idee. „Ich überlege mir, woran ich als Nächstes arbeiten möchte, mache ein Konzept. Dann suche ich die Motive, und erst dann beginne ich zu fotografieren.“ Nicht immer ist das an einen Ort gebunden – manche Motive sind überall zu finden. „Allerdings suche ich nach Möglichkeiten, wie ich die Fotos möglichst minimalistisch machen kann. Das ist in Brandenburg mitunter schwierig – oft ist irgendwas im Hintergrund.“ Dann muss Katja Gragert ausweichen, ins weite Schweden zum Beispiel – oder besser noch nach Japan.

Der Norden jenes Landes, gesteht sie, sei fotografisch klar ihr Sehnsuchtsort. „Das Wetter wechselt alle 20 Minuten, das ist für die Fotografie perfekt!“ Ist ein Motiv gefunden, heißt es also nur noch warten. Vor Kurzem ist sie erstmals dort gewesen, hat für die Serie „Only Human“ fotografiert – Landschaften, die zumeist natürlich wirken und doch von Menschenhand geschaffen wurden, Kalkbrüche, Baustellen, Abraumhalden. Auch in Schweden hat Katja Gragert solche Orte eingefangen und lässt sie inmitten jenes weißen, hellen Rauschens für sich sprechen, das ihre Arbeiten so eigen macht.

Und nun der Kunstpreis! Für sie als Autodidaktin wiegt er noch ein bisschen schwerer, stärkt einmal mehr das Selbstvertrauen. Nicht, dass Katja Gragert keines hätte! Durch den Austausch mit befreundeten Fotografinnen und Fotografen – sie ist unter anderem Gründungsmitglied der Fotogalerie Potsdam und Mitglied im BBK Brandenburg – hat sich ihre Bildsprache über die Jahre gefestigt.

Danach zu schielen, wie es andere machen, mag sie nicht – gemeinsam zu arbeiten schon. Seit Anfang Juli ist im Potsdamer Kunsthaus „sans titre“ die Ausstellung „Quiet Memories“ zu sehen, die ihre Fotos neben denen von Kathrin von Eye und Uwe Langmann zeigt. Und dann Neuhardenberg. Schritt für Schritt: So, findet Katja Gragert, könnte es weitergehen.

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