Osterfestspiele Rheinsberg 2025
: Graun statt Bach – die andere Passion

Mit einem selten gespielten Passionsoratorium von Carl Heinrich Graun eröffnen die Osterfestspiele in Rheinsberg 2025. Warum das eine Wiederentdeckung ist.
Von
Christina Tilmann
Rheinsberg
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Die Berliner Lautten Compagney hat sich gemeinsam mit dem Chor der Singakademie das seltene Stück vorgenommen.

Die Berliner Lautten Compagney hat sich gemeinsam mit dem Kammerchor der Sing-Akademie Berlin das seltene Stück vorgenommen.

Jürgen Rammelt
  • Die Osterfestspiele Rheinsberg 2025 eröffnen mit Carl Heinrich Grauns Passionsoratorium "Der Tod Jesu".
  • Berliner Lautten Compagney und Kammerchor der Sing-Akademie Berlin führen das seltene Werk auf.
  • Ursprünglich 1755 im Berliner Dom uraufgeführt, ersetzt durch Bachs Passionen.
  • Aufführung am 19.4. in der Sophienkirche Berlin.
  • Infos und Tickets unter www.osterfestspiele-schloss-rheinsberg.de

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

130 Jahre lang haben die Berliner jedes Jahr vor Ostern dieses Stück gehört, erzählt Georg Quander, Künstlerischer Leiter der Musikkultur Rheinsberg - bis Felix Mendelssohn-Bartholdy Bachs Passionen wiederentdeckte und diese Grauns Passionsoratorium in der Karfreitagslithurgie ablöste.

Nun, wiederum mehr als 130 Jahre später, holt die Berliner Lautten Compagney gemeinsam mit dem Kammerchor der Sing-Akademie Berlin das vergessene Stück wieder aus der Versenkung. Bevor es beim Osterfestival in der Berliner Sophienkirche am 19.4. dargeboten wird, gab es in der Laurentius-Kirche in Rheinsberg schon eine erste Premiere.

Emotionscluster statt klarer Rollenverteilung

Um es kurzzufassen: Es ist eine Entdeckung. Was Dramatik und emotionale Tiefe angeht, steht Grauns 1755 komponiertes und im alten Berliner Dom uraufgeführtes Werk „Der Tod Jesu“ den Bach'schen Passionen nicht nach. Doch wo diese, ganz in barocker Theatertradition, die Handlung chronologisch und mit klarer Rollenverteilung nacherzählen, arbeitet Graun mit Themenblöcken, die quasi als Emotionscluster wirken.

Die Nacht im Garten Gethsemane, die Verhaftung und der Verrat des Petrus, die Marter, die Kreuzigung sowie Tod und Erlösung werden jeweils von einer Solistenstimme vorgetragen. Und trotz immer gleichem Aufbau - Rezitativ, Arie, Chorstück und Choral ist Grauns Passion geradezu hysterisch emotional.

Schon die Rezitative, normalerweise eher Erzählstücke der Handlung, sind hochkomplex im Stimmungswechsel: da gipfelt ein dramatisches Rezitativ „Jerusalem voll Mordlust“, das der Bariton Vincent Wilke voll auskostet, im mehrfachen appellartigen „Seht welch ein Mensch“ und das Rezitativ über den Tod Jesu in der trostlosen Feststellung „Er ist nicht mehr!“ - nur um danach in dem Choral „Ihr Augen, weint!“ um so trostreicher mit Einwürfen „Weint nicht mehr“ zu antworten.

Dramatik und Emotionalität zeichnet die Aufführung von Grauns Passionsoratorium Der Tod Christi in Rheinsberg aus

Dramatik und Emotionalität zeichnet die Aufführung von Grauns Passionsoratorium „Der Tod Christi“ in Rheinsberg aus

Jürgen Rammelt

Wie überhaupt die Chorpartien ein Wunder an Textverständlichkeit und Komplexität sind: die Choräle, angefangen mit dem machtvollen „Du, dessen Augen flossen“ bis hin zum Schlusschoral „Hier liegen wir gerührte Sünder“ sind, ganz in der Bach'schen Tradition, allgemeingültige Kommentare zum Geschehen - manchmal instrumental begleitet von der von Wolfgang Katschner schwungvoll und inspiriert durch die raschen Tempi geführten Lautten Compagney, manchmal auch strophenweise einem Duett von Flöte und Laute überlassen.

Der Kammerchor der Berliner Sing-Akademie, 14-köpfig schlank besetzt, schafft hier ebenso Stimmgewalt wie in den fugenartigen Chorstücken Durchsichtigkeit und Dramatik. Und spätestens in dem Choral „Wie herrlich ist die neue Welt“ bleibt dann im trostreichen, hoffnungsvollen Finale kein Auge trocken.

Die Solisten sind allesamt Preisträger der Kammeroper

Doch die Stars des Abends sind die drei Solisten, sämtliche frühere Preisträger der Kammeroper Schloss Rheinsberg. Die Sopranistin Sophie Bareis, bekannt als Konstanze aus der „Entführung aus dem Serail“, meistert die schier unendlichen Koloraturen ihrer Arie mit ebensoviel Souveränität wie Charme. Da fließen die parallel zum Orchester geführten Linien in „Singt dem göttlichen Propheten“ mühelos dahin, während in „Ein Gebet um neue Stärke“ die Stimme in Dialog mit der Flöte tritt. Doch der emotionale Höhepunkt ist die Arie „Ihr weichgeschaffnen Seelen“, in der der Tenor Berk Altan in langen Kantilenen Schmerz und Reue Gestalt annehmen lässt.

Hier spürt man den erfahrenen Operndramatiker - Carl Heinrich Graun hatte als Hofkomponist Friedrichs II. viele Opern komponiert. Schon in Rheinsberg hatte er an die fünfzig Konzertkantaten für den damaligen Kronprinzen komponiert, weshalb sich mit der Aufführung in der Laurentiuskirche auch der Anspruch von Georg Quander, Musik des damaligen Rheinsberger Hofes neu zu präsentieren, aufs Schönste einlöst.

Und gleichzeitig weisen manche Orchesterpassagen schon voraus auf die Klassik - die Rheinsberger Opernfestspiele werden mit der Aufführung von „Il re pastore“, einem Frühwerk von Wolfgang Amadeus Mozart, fortgeführt. Zwischen diesem und dem Graun'schen Werk liegen nur zwanzig Jahre.

Das Passionsoratorium von Carl Heinrich Graun wird noch einmal am 19.4., 19 Uhr, in der Sophienkirche in Berlin gegeben (Karten unter www.reservix.de oder 030/4428761. Die Osterfestspiele in Rheinsberg werden fortgesetzt mit „Der königliche Hirte“ (18.4., 19. Uhr/20.4., 16 Uhr, Wiederaufnahme im Sommer) und mit „Die Laune des Verliebten“, einem Schäferspiel von Johann Wolfgang Goethe (19.4., 19 Uhr).  Infos und Tickets unter www.osterfestspiele-schloss-rheinsberg.de