Wuhlheide Berlin
: Liebeserklärung an den besten Konzertort der Hauptstadt

„Waldbühne junior“? Quatsch! Die Parkbühne Wuhlheide ist der beste Konzertort – wohl nicht nur in Berlin. Eine Liebeserklärung mit kleiner Geschichte.
Von
Michael Heider
Berlin
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Zahlreiche Besucher verfolgen am 20.06.2015 in Berlin das Konzert von Rainald Grebe mit dem Wuhlorchester. Das Konzert gibt es nur einmal; es gehört nicht zu einer Tour. Das Motto des Abends: Volksmusik. Foto: Paul Zinken/dpa ++ +++ dpa-Bildfunk +++

Ausnahmsweise mal bestuhlt: Im Jahr 2015 lud Rainald Grebe mit dem Wuhlorchester für ein Konzert in die Parkbühne Wuhlheide in Berlin.

Paul Zinken/dpa
  • Die Parkbühne Wuhlheide gilt als besonderer Konzertort – versteckt im Wald in Berlin.
  • Erinnerung eines Fans: Erstes Konzert dort 2008 bei den Beatsteaks prägte die Begeisterung.
  • Praktisch vor Ort: Freie Platzwahl, selten Staus an Essen, Getränken und Toiletten.
  • Zahlreiche Highlights: Die Ärzte mit 15 Auftritten, 2008 sechs Shows vor 100.000 Fans.
  • Geschichte der Bühne: 1997 nach Umbau wieder eröffnet, trotz Hürden mit Behörden und Flut.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Was macht einen Ort zum Lieblingsort? Klar, er sollte schöne Erinnerungen hervorrufen. Gerne auch solche, die man mit seinen Liebsten teilt. Ganz besondere Gefühle sollte man mit ihm verbinden. Gefühle, die man anderswo nicht erlebt. Und natürlich wirkt ein Lieblingsort nach. Selbst, wenn man längst anderswo ist.

In diesem Sinne dürfte die Wuhlheide für so einige Menschen ein Lieblingsort sein. Für den Autor dieser Zeilen ist sie es. Genauer: die Parkbühne Wuhlheide. Diese einzigartige Freilichtbühne, die so wunderbar versteckt im gleichnamigen Waldgebiet im Osten Berlins liegt. Und der wohl beste Konzertort der Hauptstadt (vielleicht sogar Deutschlands) ist.

Wuhlheide: Liebe auf den ersten Blick – den Beatsteaks sei Dank

Zu einem Lieblingsort gehört wohl auch, dass man ihn nicht sucht. Er findet dich. Nicht andersherum. Mich jedenfalls fand die Wuhlheide am 29. August 2008. Damals hieß sie noch „Kindl-Bühne Wuhlheide“. Die Beatsteaks luden dort zum „Grande Finale“. Tourabschluss und Heimspiel zugleich. Für eingefleischte Fans ein Riesen-Ding. Auch als Schüler nahm man die 26 Euro fürs Ticket plus Anfahrt aus Bayern und zwei Nächte Couchsurfing dafür in Kauf.

Nach einer Currywurst an der Warschauer Straße ging mit den Freunden per S-Bahn Richtung Konzert. Doch Moment? Die Fahrt endet mitten im Wald? Skeptisch folgten wir der Masse. Vorfreude schlug in Ungeduld um. Will dieser von Eichen gesäumte Weg gar nicht enden? Und was sucht diese Schmalspureisenbahn hier?

Irgendwann endete der Weg – und stieg plötzlich steil an. Oben angekommen, eröffnete sich der Blick auf ein weißes Zeltdach, die Bühne darunter, das riesige Halbrund davor: Die Wuhlheide. Die Beatsteaks machten ihren Namen als gefeierte Live-Band alle Ehre. Die warme Sommersonne, die langsam hinter den Eichen verschwand, sorgte für ungeahnt idyllische Kulisse. Später übernahmen die Showlichter, die an den dunklen Bäumen vorbei in den Nachthimmel leuchteten.

Lange Schlangen? Tribüne oder Innenraum? Kein Problem

So wurde die Wuhlheide an diesem 29. August 2008 zum Ort eines unvergesslichen Konzerts. Zum Ort eines Abends, der noch heute ein Grinsen in mein Gesicht zaubert. Auch 16 Jahre und ungezählte Konzerte in diversen Clubs, Arenen, Stadien und anderen Freiluftbühnen später.

Bis heute hat sie sich bewährt, die Wuhlheide. Wo anderswo lange Schlangen für Getränke und Essen normal sind, sorgt die Köpenicker Parkbühne mit großer Auswahl für Entlastung. Staus gibt es hier selbst vor Toiletten und Richtung Platz selten. Und das obwohl (oder gerade weil) es hier außerordentlich locker zugeht.

Tribüne oder Innenraum? Bei Rockkonzerten eine nicht unwesentliche Entscheidung. Dank freier Platzwahl geht in der Wuhlheide beides. Selbst über 30-Jährige können so Stippvisiten in den Moshpit vornehmen – und sich im Anschluss mit geschundenen Gelenken auf die Tribüne setzen, um ihre Entscheidung zu bereuen.

Soweit der subjektive Blick.

Wo Danger Dan Geburtstag feiert und Die Ärzte Rekordhalter sind

Dass die Wuhlheide eine besondere Spielstätte ist, scheint auch objektiv nicht von der Hand zu weisen zu sein. Die Beatsteaks jedenfalls dürften zustimmen. Im August 2008 spielten sie zum zweiten Mal in der Köpenicker Freilichtbühne. Neun weitere Male sollten folgen. Rapper und Kraftklub-Frontmann Felix Kummer wählte die Wuhlheide sogar für das letzte Konzert seines Solo-Projekts. Und Danger Dan feierte dort seinen 40. Geburtstag.

Zahllose Fans jubeln beim Auftritt der Berliner Alternative-Rock-/Punk-Band Beatsteaks am Freitag (10.06.2011) auf der Kindl-Bühne in der Wuhlheide in Berlin. Das heutige und morgige Konzert ist restlos ausverkauft. Foto: Britta Pedersen dpa/lbn ++ +++ dpa-Bildfunk +++

Auch 2011 sorgten die Beatsteaks in der Wuhlheide für viel Begeisterung bei ihren Fans.

Britta Pedersen/dpa

Sogar die „beste Band der Welt“ ist Testimonial – und Wuhlheide-Rekordhalter. Insgesamt 15-mal spielten Die Ärzte dort schon. Häufiger als jeder andere Act. Im Sommer 2008 sogar vor 100.000 Menschen auf sechs Konzerten innerhalb von nur zwei Wochen. Dass die Wuhlheide im selben Jahr den Live Entertainment Award in der Kategorie „Location des Jahres“ gewann, wirkt da nur folgerichtig.

Wuhleide: Erfolgsgeschichte mit kleinen Anfängen

Nicht nur die deutsche Indie-, Rock-, Rap- und Punk-Szene weiß das Halbrund mit Platz für 17.000 Menschen und besonderer Atmosphäre zu schätzen. Auch internationale Stars wie Whitney Houston, Chuck Berry und Joe Cocker traten dort bereits auf. Selbst Schlagerbarden wie Matthias Reim gaben sich die Ehre. Und das Berliner Rundfunk Open Air versammelt seit 20 Jahren Größen der Achtziger und Neunziger.

Ein Erfolg, der der Freiluftbühne im Osten Berlins nicht in die Wiege gelegt war. Als 1951 für die  Weltfestspiele der Jugend eine Veranstaltungsstätte gebraucht wurde, karrte man Trümmerschutt heran, um Tribünen zu errichten. Auch nach den Spielen fanden vor allem Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche statt. Doch als die Mauer fiel, war die Freilichtbühne in desolatem Zustand. Und in einem wiedervereinigten Berlin, wo es vieles plötzlich doppelt gab, stand sie im Schatten der Waldbühne.

„Waldbühne junior“ etwa titelte die Berliner Morgenpost, als Konzertveranstalter mit dem „Berlin Bizzare Festival“ 1991 die Möglichkeiten der baufälligen Location testeten. Mit Acts wie den Ramones, Iggy Pop und Sandow wurde damals bereits der Ton für eine Spielstätte der jungen Wilden gelegt.

Für ihren Architekten war die Wuhlheide eine Herausforderung

An einem Umbau führte kein Weg vorbei. „Damals war fast alles kaputt“, erinnert sich Werner Weickenmeier. Der heute 82-jährige Architekt aus Speyer bekam 1993 den Auftrag, die Spielstätte grundlegend zu modernisieren. Keine leichte Aufgabe, wie er sich am Telefon erinnert. „Die Ränge waren zwar noch da, aber nichts mehr war ganz.“

Angeheuert wurde Weickenmeier vom Mannheimer Konzertveranstalter Matthias Hoffmann. Und der hatte ziemlich genaue Vorstellung, wie die Konzertstätte einmal aussehen soll. „Er hat mir gesagt, was er braucht. Und danach haben wir dann den Entwurf gemacht“, erklärt der Architekt.

Vom Entwurf zur Umsetzung sollte es dennoch ein weiter Weg sein. „Sehr schwierig“, fasst Werner Weickenmeier das Projekt Wuhlheide zusammen. Was er damit meint, hat er in Vortragsnotizen aus dem Jahr 1998 – zwei Jahre nach Wiederöffnung der Parkbühne – festgehalten.

Handwerker montieren in der Parkbühne im Freizeit- und Erholungspark Wuhlheide im Berliner Bezirk Köpenick neue Sitzbänke. Die zukünftige "Rockarnea" wird gegenwärtig für sechs Millionen DM saniert und soll nach Fertigstellung 17.000 Personen Platz bieten. ZB FUNKREGIO OST +++ dpa-Bildfunk +++

Handwerker montieren in der Parkbühne in der Wuhlheide Sitzbänke.

Peer Grimm / dpa

Die Baugenehmigung war demnach bereits erteilt, trotzdem folgten eineinhalb Jahre zähe Verhandlungen mit insgesamt 15 Behörden, knapp 30 Behördenleitern und unzähligen weiteren Beteiligten. Als „Hauptgegner“ erwies sich das Natur- und Grünflächenamt des Bezirkes Köpenicks – die zuständige Behörde für den umliegenden Park und damit auch der Wege zur Freilichtbühne, die wiederum der Stadt Berlin gehörte. „Das Amt ließ uns einfach nicht an die Baustelle fahren“, so Architekt Weickenmeier. Erst als sich der Berliner Kultursenator und der zuständige Bezirksbürgermeister einschalteten, kam es zum Kompromiss in Form einer neu zu bauenden Zufahrt.

Das erste Konzert in der neuen Parkbühne fiel ins Wasser

Nach neun Monaten Bauzeit konnte schließlich am 13. Juni 1997 das Eröffnungskonzert mit den Brandenburger Philharmonikern stattfinden. Die Ansprüche waren damals noch bescheiden. Selbst Geschäftsführer Norbert Döpp sah damals in der Berliner Zeitung die Wuhlheide lediglich als „sinnvolle Ergänzung zur Waldbühne“.

Doch der Auftakt stand unter keinem guten Stern. „Es hat wunderschön angefangen“, erinnert sich Architekt Werner Weickenmeier. „Aber dann kam ein irrsinniger Wolkenbruch.“ Bis zu 20 Zentimeter hoch stand das Wasser in der Arena. Das ursprünglich geplante Ablaufsystem war, wie so vieles, am Veto des Natur- und Grünflächenamts gescheitert. Die Philharmoniker spielten trotzdem weiter.

Ein schlechtes Omen war der Wolkenbruch nicht. Die Wuhlheide ist längst mehr als eine „Waldbühne junior“. Nicht nur für die jungen Wilden der deutschen Musik ist sie ein Lieblingsort geworden. Selbst ihr Architekt bereut trotz aller Schwierigkeiten nichts: „So etwas wie die Wuhlheide macht man nur einmal im Leben.“ Besondere Orte sucht man eben nicht. Sie finden einen.