Yes in Berlin 2024: So war das Konzert im Theater am Potsdamer Platz

Yes sind gerade unterwegs auf ihrer „The Classic Tales of Yes“-Europatour. Am 12. Mai 2024 machte die Band Halt im Berliner Theater am Potsdamer Platz.
Gunnar LeueJe älter die Band, desto früher der Abend, könnte man sagen in Bezug auf das Konzert von Yes am Sonntag (12. Mai 2024) in Berlin. Die britische Prog-Rock-Legende, bereits 1968 gegründet, gastierte im Theater am Potsdamer Platz, Beginn 19 Uhr. Bereits zu Vor-Sandmännchen-Zeit tummeln sich deshalb jede Menge älterer Herrschaften im Foyer des uncharmanten Gebäudes am komplett auralosen Platz im Herzen Berlins, und ja tatsächlich, erwartungsfroh.
Viele haben T-Shirts an, auf denen das markante Yes-Logo prangt. Neben dem Merch-Stand, wo viele Fans trotzdem noch ein neues Shirt nachkaufen, sind zudem Grafiken ausgestellt, die vom Designer Roger Dean stammen, der etliche der ikonischen Yes-Plattencover gestaltet hat. Sie werden teuer zum Kauf angeboten, zwischen 175 und 6000 Euro reicht die Preisskala. Unter den Grafiken ist auch die Vorlage für das Album „Relayer“ aus dem Jahr 1974 (darauf die Klassiker „Soon“ und „The Gates of Delirium“), dem man eigentlich mit dem Konzert einen Tribut erweisen wollte.
„Classic Tales Of Yes“-Tour zum 50. Albumjubiläum
So war es jedenfalls mal geplant gewesen, 2020, als die „Relayer“-Tour ursprünglich in Berlin Station machen sollte. Dann kam Corona, dann dreimal Verschiebungen des Konzerts und nun, ausgerechnet im Jahr des 50. Albumjubiläums, heißt die Tour nicht mehr „Relayer“, sondern „Classic Tales Of Yes“-Tour.
Warum? So genau ist das nicht klar. Steve Howe, der 76-jährige Gitarrist, hat erzählt, der Schwerpunkt sei halt anders gewichtet worden. Es fehle der Band momentan an der Einstellung, jetzt mit dem „Relayer“-Album zu touren. Vielleicht später, vielleicht auch nicht. Wie im richtigen Leben ist eben auch bei Yes alles eine Einstellungsfrage.
Band mit vielen personellen Wirrnissen
Traditionell, könnte man hinzufügen. Denn Yes waren immer eine Band, deren oftmals wechselnden Mitglieder ihre Einstellungen und Befindlichkeiten selten zum Wohle der kollektiven Einheit zurückstellten. Laufend stiegen Musiker aufgrund künstlerischer und sonstiger Meinungsverschiedenheiten ein und aus. Mehrmals auch Steve Howe.
Als Höhepunkt der personellen Wirrnis existierten von 2017 bis Anfang 2020 zwei Formationen unter dem Namen Yes. Eine mit den Ex-Mitgliedern Jon Anderson, Trevor Rabin und Keyboarder Rick Wakeman, die sich inzwischen aufgelöst hat. Und eine mit Steve Howe, Alan White (für den 2022 verstorbenen Drummer kam Jay Schellen), Geoff Downes, Billy Sherwood, Jon Davison. Letztere haben mit Howe zwar nur einen in ihren Reihen, der schon in den glorreichen Siebzigerjahren bei Yes mitmischte, trotzdem präsentieren sie sich mit einer Setlist, die vor allem die 70er-Phase feiert.
In Berlin spielen Yes vor allem Songs aus den 70ern
Weil sie nun mal prägend für die Band und den ganzen progressiven Rock waren, wie der daran beteiligte Steve Howe nicht zu Unrecht begründet. Den Gefallen des Publikums findet das zweifellos. Der Mix aus Songs von „The Yes Album“, „Fragile“ und „Going For the One“ ist genau das, was die Fans hören möchten. Artrock vom Feinsten, „Time And A Word” und „I’ve Seen All Good People“ aus 1970 und 1971 klingen derart aus der Zeit gefallen, dass es den Senioren in den weichen Theatersesseln eine Freude ist.
„Hauptsache nichts Neues“, so sehen es die Fans
Vor allem, weil Sänger Jon Davison nicht nur mit Vornamen so heißt wie Originalsänger Jon Anderson, sondern ihm auch stimmlich extrem nahekommt. Nicht nur bei den verwinkelten Nummern, sondern auch bei den teilweise kompakteren Songs wie „Don’t Kill the Whale“ oder „Turn Of The Century“ aus den Spätsiebzigern.
Der Sitznachbar ist jedenfalls begeistert von der ersten Konzerthälfte. „Tolle Songauswahl, Hauptsache nichts Neues“. Das gibt’s nach der Pause aber doch, in bescheidener Dosis: „Cut From The Stars“ ist der einzige Song vom aktuellen Album „Mirror To The Sky“. Abgehakt und schnell wieder in die Vergangenheit, mit einem üppigen Block vom Album „Tales From Topographic Oceans“.
Und auch bei den Zugaben „Roundabout“ und „Starship Trooper“ geht’s weit zurück ins letzte Jahrhundert. Beim Finale läuft Steve Howe noch mal zur großen Form auf, auch sportlich. Er hüpft Gitarren spielend auf einem Bein über die Bühne wie weiland Chuck Berry. Sage keiner, im Artrock stecke kein Rock’n’Roll.


