Saatgut im Briefkasten
: Behörden warnen vor mysteriösen Briefen

Immer mehr Menschen melden sich, weil sie kostenloses Saatgut in ihrer Post finden. Die Behörden warnen vor diesen unbestellten Sendungen. Das steckt dahinter.
Von
Nicole Züge
Berlin/Braunschweig
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Eine Studentin leert ihren Briefkasten im Eingangsbereich eines Studentenwohnheims (zu «Energiekrise: Hohe Nebenkosten auch in Studenten-Wohnheimen»). +++ dpa-Bildfunk +++

Unbestelltes Saatgut im Briefkasten stellt eine Gefahr für die heimische Natur dar. Was dahinter steckt, wie Verbraucherinnen und Verbraucher reagieren sollten. (Symbolbild)

Matthias Balk/dpa

Ein unscheinbarer Brief liegt im Briefkasten. Der Absender kommt aus China. In der Sendung finden sich Saatgut-Tütchen, die die Empfangenden nicht bestellt haben. Viele Menschen freuen sich womöglich über die kostenlosen Samen, wollen sie vielleicht sogar auf dem Balkon oder im Garten aussäen. Aber Vorsicht! Was da unbestellt im Briefkasten landet, kann schlimme Folgen für die heimische Flora und Fauna haben. Auch ein Betrug mit den Empfängeradressen ist möglich.

Was hinter diesen mysteriösen Saatgut-Geschenken im Briefkasten steckt und warum jetzt sogar die Behörden vor dem Gratis-Saatgut warnen.

Saatgut im Briefkasten: Was steckt dahinter?

Nach Informationen des Julis-Kühn-Instituts (JKI) sind allein im ersten Halbjahr 2025 über 65.000 Sendungen mit kleinen Saatgut-Tütchen aus China entdeckt und wieder zurückgeschickt worden. Der Grund waren häufig ein falsch deklarierter Inhalt oder fehlende Pflanzengesundheitszeugnisse, die bei Saatgut aus Nicht-EU-Ländern unbedingt erforderlich sind.

Werden solchen Sendungen vom Zoll entdeckt, folgt die Rücksendung an die Absender. Die befinden sich laut der angegebenen Adressen auf den Briefen in China. Aufgrund der schieren Menge der Sendungen schaffen solche Briefe es dennoch regelmäßig in private Briefkästen, vor allem in Hessen.

„Im ersten Moment mag so ein Tütchen harmlos wirken: Auch wenn man es nicht bestellt hat, freut man sich über die Gratis-Probe und erwägt vielleicht die Aussaat im heimischen Garten“, sagt Dr. Bernhard C. Schäfer vom Julius Kühn-Institut. Aber genau davor warnt der Experte für Pflanzengesundheit und er ist nicht der Einzige. Auch die Pflanzenschutzdienste der Bundesländer und das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) zeigen sich besorgt über derartige Sendungen.

„Von solchem unbekannten Saatgut geht eine Gefahr aus“

Warum sind die Gratis-Saatgut-Sendungen so gefährlich? Auch das erklärt Schäfer: „Von solchem unbekannten Saatgut geht eine Gefahr für unsere Natur, das urbane Grün mit Gärten und Parks und sogar die Landwirtschaft aus. Denn es kann sich dabei um invasive Arten handeln, die sich unkontrolliert ausbreiten und heimische Pflanzen verdrängen. Das Saatgut kann außerdem von Krankheiten und Schädlingen befallen sein“, führt Schäfer weiter aus.

Neu sind solche unbestellten Saatgutsendungen aus China nach Angaben des JKI nicht. Bereits im Jahr 2020 gab es ähnliche Vorkommnisse. Die Motivation hinter den Saatgutsendungen ist bislang unklar. Wie schon im Sommer 2020 gemutmaßt, handelt es sich wahrscheinlich um einen sogenannten „Brushing Scam“.

So funktioniert ein Brushing Scam

Eine Person bekommt Pakete mit Waren, die sie nie bestellt hat. Hinter den Sendungen stehen internationale Drittanbieter, in diesem Fall aus China, die die Adresse im Netz gefunden haben. Ziel ist, den Eindruck zu erwecken, der Empfänger habe die Ware gekauft und positiv bewertet. In Wahrheit schreiben die Betrüger gefälschte Rezensionen im Namen des Empfängers. Diese Fake-Bewertungen pushen die Produkte künstlich nach oben und sollen echte Verkäufe ankurbeln. Da es sich meist um Billigware handelt, lohnt sich der Betrug für die Versender.

Auch die Zeitschrift GEO hat in einem kürzlich erschienen Heft über die Vorkommnisse in 2020 berichtet (Heft 07/2025, S. 68-84). Nach Recherchen des Magazins hat Deutschland seinerzeit diese Fälle auf EU-Ebene in verschiedenen Gremien angesprochen, wobei sich zeigte, dass auch andere Mitgliedstaaten betroffen waren. Das Fehlen des Pflanzengesundheitszeugnisses und die Falschdeklarationen stellen ein großes Risiko für die Pflanzengesundheit in der gesamten EU dar. Daher war man sich auf EU-Ebene einig, China über die Vorfälle zu unterrichten und die Einhaltung der zoll- und pflanzengesundheitlichen Bestimmungen einzufordern.

Saatgut im Briefkasten: So sollte man darauf reagieren

Wer unbestelltes Saatgut aus China im Briefkasten findet, sollte dieses auf keinen Fall aussäen und die Tüten am besten über den Hausmüll entsorgen, keinesfalls über den Kompost oder die Biotonne. Bei privaten Bestellungen von Saatgut im Internet sollten Verbraucherinnen und Verbraucher darauf achten, woher das Saatgut geliefert wird und ob ggf. die pflanzengesundheitlichen Einfuhranforderungen erfüllt sind. Saatgutlieferanten außerhalb der EU müssen ihre Online-Kunden hierzu aufklären, gibt das JKI zu bedenken. 

Invasive Pflanzen und Tiere eine Gefahr für die heimische Natur

Invasive Pflanzen und Tiere sind aufgrund der Globalisierung, aber auch wegen des Klimawandels eine echte Gefahr für die heimische Natur. Erst im Sommer 2025 musste in Freiburg aufgrund einer drohenden Japankäfer-Plage eine Sperrzone eingerichtet werden. Das hatte weitreichende Folgen für die Anwohnerinnen und Anwohner. Die Käfer zerstören Pflanzenbestände innerhalb kürzester Zeit. Ebenfalls im Süden Deutschlands sorgte im Sommer die Riesenameise „Tapinoma magnum“ für Aufsehen. Die Tiere bauen riesige, unterirdische Nester und gefährden damit Bauwerke. Und auch invasive Hornissenarten sind bereits auf dem Vormarsch. Aktuell sorgt zudem eine Zikadenart für Aufsehen, die vor allem in der Landwirtschaft große Schäden anrichten kann.