Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Kann die AfD regieren?

Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern - TV-Studio: Moderator Jörg Schönenborn zeigt im ARD-Wahlstudio die Hochrechnung von 21:47. Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern fand am Sonntag (20.09.2026) statt.
Marcus Brandt/dpa Pool/dpaDie AfD hat die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen. Nach dem vorläufigen Ergebnis erreicht sie 38,2 Prozent der Zweitstimmen und erhält 32 der 71 Sitze im neuen Landtag. Die SPD kommt auf 29 Mandate, Linke und Grüne auf jeweils fünf. Für eine absolute Mehrheit sind 36 Sitze nötig.
Doch aus dem Wahlsieg folgt nicht automatisch die Regierungsbildung. Entscheidend ist, wer im neu gewählten Landtag genügend Stimmen für die Wahl zum Ministerpräsidenten oder zur Ministerpräsidentin erhält. Für die AfD stellt sich deshalb nach der Wahl vor allem eine Frage: Woher könnten die zusätzlich benötigten Stimmen kommen?
Der AfD fehlen vier Sitze zur Mehrheit
Mit 32 Mandaten ist die AfD die größte Fraktion im neuen Schweriner Landtag. Für eine eigene parlamentarische Mehrheit fehlen ihr jedoch vier Sitze. Eine Alleinregierung, die sich auf eine eigene Mehrheit stützen kann, ist damit nach dem vorläufigen Wahlergebnis nicht möglich.
AfD-Politiker Leif-Erik Holm leitete aus dem ersten Platz seiner Partei einen Auftrag zur Regierungsbildung ab und kündigte Gespräche mit den anderen Parteien an. SPD, Linke und Grüne lehnten eine Koalition mit der AfD allerdings ab.
Damit gibt es nach dem derzeitigen Stand keinen angekündigten Koalitionspartner, mit dem die AfD auf die notwendigen 36 Mandate kommen könnte.
Stärkste Partei stellt nicht automatisch den Ministerpräsidenten
Anders als die Bezeichnung „Wahlsieger“ vermuten lassen könnte, hat die stärkste Partei keinen automatischen Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten. Über den Regierungschef entscheidet der Landtag.
Artikel 42 der Landesverfassung schreibt vor, dass der Ministerpräsident in geheimer Abstimmung zunächst mit der Mehrheit der Mitglieder des Landtags gewählt werden muss. Bei 71 Abgeordneten bedeutet das: Ein Kandidat benötigt mindestens 36 Stimmen.
Die 32 AfD-Abgeordneten würden dafür allein nicht ausreichen. Ein AfD-Kandidat müsste also mindestens vier Stimmen von Abgeordneten anderer Fraktionen erhalten.
Umgekehrt verfügen SPD, Linke und Grüne zusammen über 39 Mandate. Stimmen ihre Abgeordneten geschlossen für einen gemeinsamen Kandidaten oder eine gemeinsame Kandidatin, wäre damit die für die Wahl erforderliche Mehrheit vorhanden.
Kann die AfD auch ohne Koalitionspartner regieren?
Verfassungsrechtlich ist ein ungewöhnlicherer Weg denkbar. Die Landesverfassung enthält für den Fall einer längeren erfolglosen Regierungsbildung eine besondere Regel.
Wird innerhalb von vier Wochen nach dem Zusammentritt des neuen Landtags kein Ministerpräsident gewählt, muss das Parlament innerhalb weiterer zwei Wochen über seine eigene Auflösung entscheiden. Dafür ist wiederum die Mehrheit aller Landtagsmitglieder erforderlich.
Beschließt der Landtag keine Auflösung, findet am selben Tag eine weitere Wahl des Ministerpräsidenten statt. Bei dieser Abstimmung reicht laut Artikel 42 der Landesverfassung nicht mehr zwingend die absolute Mehrheit. Gewählt ist dann der Kandidat, der die meisten Stimmen erhält.
Damit wäre theoretisch auch eine Minderheitsregierung möglich. Dafür müsste ein AfD-Kandidat in einer solchen Abstimmung mehr Stimmen erhalten als konkurrierende Kandidaten. Ob es überhaupt zu dieser Situation kommt, hängt allerdings vom Verlauf der Regierungsbildung und den Entscheidungen der anderen Fraktionen ab.
Was bedeutet das für Leif-Erik Holm?
Eine Besonderheit betrifft AfD-Ministerpräsidentenkandidat Leif-Erik Holm. Er verlor im Wahlkreis Schwerin I das Direktmandat gegen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und hatte keinen Platz auf der Landesliste der AfD. Er gehört deshalb nach dem derzeitigen Ergebnis nicht dem neuen Landtag an.
Das schließt eine Wahl zum Ministerpräsidenten jedoch nicht grundsätzlich aus. Die Landesverfassung verlangt nicht, dass der Regierungschef selbst Landtagsabgeordneter sein muss. Der NDR weist deshalb darauf hin, dass Holm trotz seines fehlenden Mandats theoretisch zum Ministerpräsidenten gewählt werden könnte.
SPD, Linke und Grüne haben gemeinsam eine Mehrheit
Die rechnerisch klarste Alternative zu einer AfD-geführten Regierung ist derzeit ein Bündnis aus SPD, Linken und Grünen. Die SPD besitzt 29 Sitze, Linke und Grüne jeweils fünf. Zusammen wären das 39 von 71 Mandaten und damit drei mehr als für die absolute Mehrheit notwendig.
Die bisherige Regierung aus SPD und Linken allein kommt dagegen nur noch auf 34 Sitze und hätte keine Mehrheit mehr. Die Grünen wären daher für eine Fortsetzung einer von der SPD geführten Regierung als dritter Partner erforderlich. Die Grünen hatten bereits im Wahlkampf für ein solches Dreierbündnis geworben; am Wahlabend bestanden grundsätzlich Signale für Gespräche zwischen den drei Parteien.
Ob ein solches Bündnis tatsächlich zustande kommt, wird erst in den Gesprächen nach der Wahl entschieden.
Kann die AfD nun also regieren?
Verfassungsrechtlich ist eine AfD-geführte Landesregierung möglich. Aus eigener Kraft kann die Partei sie nach dem vorläufigen Wahlergebnis aber nicht bilden. Mit 32 von 71 Sitzen fehlen ihr vier Stimmen für die Mehrheit, die bei der regulären Wahl des Ministerpräsidenten zunächst erforderlich ist.
Da die anderen im Landtag vertretenen Parteien eine Koalition mit der AfD bislang ablehnen, gibt es derzeit keinen angekündigten Mehrheitsweg für eine AfD-geführte Koalition. Gleichzeitig verfügen SPD, Linke und Grüne rechnerisch über 39 Sitze und könnten damit gemeinsam einen Ministerpräsidenten oder eine Ministerpräsidentin wählen.
Eine AfD-geführte Regierung wäre dennoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen: Sie könnte entstehen, wenn Abgeordnete anderer Fraktionen einen AfD-Kandidaten unterstützen oder wenn die Regierungsbildung so lange scheitert, dass das in der Landesverfassung vorgesehene Verfahren erreicht wird, bei dem schließlich die meisten Stimmen für die Wahl zum Ministerpräsidenten genügen. Ob eines dieser Szenarien eintritt, ist mit dem Wahlergebnis allein nicht entschieden.
