zu West und Ost: Getrennt vereint – Deutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall

André Bochow
Thomas Koehler/photothek.netDie Integration der Ostdeutschen hat nicht so geklappt, wie gedacht, ließ kürzlich Friedrich Merz wissen. Die Aussage des gescheiterten Bewerbers um den CDU-Vorsitz kann man aus Ossi-Sicht für unverschämt halten. Aber Vorsicht! Die Streitschrift „Integriert doch erstmal uns“ stammt von der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping – Mitglied der SPD, geboren in Thüringen. Und ob ich es nun Integration, Zusammenwachsen oder „die Einheit in den Köpfen“ nenne, an dem Fakt, dass sich ein erheblicher Teil der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse fühlt, kommt niemand vorbei. Da stehen erlebte Ungerechtigkeit durch die Treuhand, Bevormundung durch Westdeutsche, Missachtung von Lebensleistungen. Auf der anderen finden sich ostdeutsche Selbstgerechtigkeit, Selbstmitleid und auch Scham wegen der Selbstverleugnung, als sich die Hände nach Bananen streckten.
Das Wirtschaftswunderland kam gen Osten, der aber blutete ökonomisch zunächst einmal aus. Massenarbeitslosigkeit wurde zum Alltag. Niemand, der das erlebt hat, wird es vergessen. Es haben aber nicht alle erlebt. Die Westdeutschen wendeten sich schnell und achselzuckend ihrem Alltag zu. Ihr Leben änderte sich ja nicht. Doch im 30. Jahr nach dem Mauerfall ist offenkundig: Die Ostdeutschen bringen sich in Erinnerung. Mit Demonstrationen. Mit ihrem Wahlverhalten. Mit Attacken gegen Flüchtlinge, Politiker, Medien.
In diesem Jahr wird in Brandenburg, Sachsen und Thüringen gewählt. Der westdeutsche Blick auf die Brüder und Schwestern östlich der Elbe wird bei denen interessierter, die ihre politischen Felle davonschwimmen sehen, wenn der Osten weiter in postdemokratische Gefilde abdriftet. 70 Jahre nach der Gründung von BRD und DDR bietet sich vielleicht eine Chance, die Geschichten von Trennungszeit und Wiedervereinigung neu zu interpretieren. Wer da nicht zuhört, den bestraft das Leben. Mit der AfD oder noch Schlimmerem.