Die Flutkatastrophe von Rheinland-Pfalz hat viele furchtbare Bilder produziert. Zerstörte Häuser, weggerissene Straßen, Trümmerfelder. Doch es gibt in diesen Tagen auch Bilder, die Hoffnung machen, und eines davon stammt von Ronja Schäfer und ihrer Familie aus dem Ahrtal, die in der Flutnacht ihr trautes Heim verloren haben. Für sie haben nämlich Besucher des DDR-Spionage-Bunkers in Gosen vor zwei Wochen mehr als 600 Euro an Spenden gesammelt. Inzwischen ist die Spendenbox angekommen, was auf einem Foto festgehalten wurde. Es ist ein Bild mit strahlenden Gesichtern, und das nicht ohne Grund.

„Es baut einen auf, es geht weiter“

„Wenn das Ganze etwas Gutes hatte, dann, dass wir viele wunderbare Menschen kennengelernt haben und man nicht aufhören darf, an das Gute im Menschen zu glauben“, bedankt sich Ronja Schäfer bei den Spendern. „Diese Katastrophe hat gezeigt, wie groß der Zusammenhalt zwischen Unbekannten sein kann. Es baut einen auf, es geht weiter“, sagt sie.
Fast völlig zerstört: Das Wohnhaus der Familie Schäfer in Marienthal an der Ahr wurde durch die Hochwasserkatastrophe Mitte Juli stark beschädigt und wird nun abgerissen. In der Ruine hängen noch immer die Fotos der Familie.
Fast völlig zerstört: Das Wohnhaus der Familie Schäfer in Marienthal an der Ahr wurde durch die Hochwasserkatastrophe Mitte Juli stark beschädigt und wird nun abgerissen. In der Ruine hängen noch immer die Fotos der Familie.
© Foto: Daniel Schäfer
Dass im Gosener Bunker für die Familie von Ronja Schäfer gesammelt wurde, war kein Zufall. Er gehört zu einem von deutschlandweit acht Atomschutzbunkern des Kalten Krieges, die vom Verein „Bunker-Dokumentationsstätten“ als Museum betrieben werden. Und der Hauptsitz des Vereins befindet sich in dem kleinen Weindorf Marienthal, dessen Grundstück direkt an das der Schäfers angrenzt.

Spendenkonto Hochwasser

Für die Spenden aus Brandenburg wurde zudem ein Konto beim Landkreis eingerichtet: Landkreis Märkisch-Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021

Familie durchlebt Odyssee in der Hochwassernacht

Der Verein und seine Mitstreiter helfen seit der Hochwasser-Katastrophe, wo sie können. Unter ihnen ist auch Jörg Diester, der bei der Handwerkskammer Koblenz arbeitet und dem das Schicksal der Nachbarfamilie besonders nah geht.
„In der Hochwassernacht des 14. Juli starben in unserem Ort vier von 100 Bewohnern, von 44 Häusern blieben nur drei unbeschädigt“, berichtet Jörg Diester. Ronja Schäfer, ihr Mann Daniel und die beiden Kinder, Ben (3 Jahre) und Jonas (11 Monate), hätten dabei eine wahre Odyssee durchlebt.
Am Abend habe zunächst die Feuerwehr über Lautsprecher informiert, man möge alle Autos in höhere Lagen umparken und die Keller nicht mehr betreten. Doch die Lage sei durch die Krisenstäbe vor Ort völlig falsch eingeschätzt worden.

„Ein lebensgefährlicher Kletterakt“

Die Familie habe im Laufe des Abends das Wohnhaus in Richtung angebauter Scheune verlassen. Im oberen Teil verbrachten sie die ersten Stunden der Nacht, dann rissen die Wassermassen Teile des Hauses weg. Es drohte komplett einzustürzen. Die Rettung konnte nur noch über das Dach erfolgen, zu einem höher gelegenen Nachbargrundstück. „Ein lebensgefährlicher Kletterakt“, berichtet Jörg Diester. Wenn jemand dabei abgerutscht wäre, wäre er von den braunen Fluten der Ahr mitgerissen worden. Einem Nachbar sei es so ergangen, nur 50 Meter weiter.
Den Schäfers gelang schließlich, unter der Anweisung von Helfern, die Rettung. Am nächsten Morgen wurde dann das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar: Vom Haushalt war fast nichts übrig. Die Reste passten in einen Wäschekorb. „Darunter die Bilder mit den Fußabdrücken meiner Kinder“, erzählt Ronja Schäfer.

Neue Wohnung und viele Hilfe

Doch die Schäfers hatten Glück. Sie haben mittlerweile eine neue Wohnung gefunden, gut 30 Kilometer entfernt vom Ahrtal. „Es ist eine völlige Umstellung und wir sind aus unserem alten Leben herausgerissen worden“, sagt Ronja Schäfer. Aber sie sind froh, alles überstanden zu haben.
Die Hilfsbereitschaft sei enorm gewesen. Möbel, Kinderspielzeug, technische Haushaltsgeräte und Kleidung kamen aus dem Familien- und Freundeskreis. Dann folgte direkt eine erste Spende durch die „Bunker-Dokumentationsstätten“.

Bitte um Spenden bei Bunker-Führung

Jörg Diester selbst hatte im Gosener Bunker Ende Juli über das Schicksal der Familie Schäfer berichtet und um Spenden gebeten. Bei den 600 Euro ist es übrigens nicht geblieben. Durch weitere Spenden an anderen Bunker-Orten sind insgesamt 2.650 Euro zusammengekommen.
Der Betrag werde zwar bei Weitem nicht helfen, um die materiellen Schäden zu decken, weiß auch Jörg Diester. Doch die Hilfsbereitschaft sei ein starkes Signal und ein wichtiger Beitrag, freut er sich.
Die nächste Besichtigungsmöglichkeit des Spionagebunkers in Gosen ist am 25. und 26. September 2021. Eine Anmeldung ist erforderlich.
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