Geschichte in Fürstenwalde: Das Jahr 1873 – die israelitische Taubstummenanstalt entstand

1895 ist in Fürstenwalde das Marienheim (Vordergrund) entstanden. Im Hintergrund sind die Gebäude der Seelower Straße zu sehen. Hinter dem Marienheim stand damals die Israelitische Taubstummenanstalt.
Museum FürstenwaldeHeute ist auf dem Grundstück im Zentrum von Fürstenwalde eine Brache. Autos parken auf der Freifläche zwischen dem Marienheim in der Alten Neuendorfer Straße und den Gebäuden an der Seelower Straße. Doch vor genau 150 Jahren wurde an dieser Stelle Geschichte geschrieben.
Markus und Emma Reich haben dort die Israelitische Taubstummenanstalt (ITA) für gehörlose jüdische Kinder gegründet. „In Deutschland gab es damals nichts Vergleichbares, bis 1911 gab es nicht mal eine Schulpflicht für taubstumme Kinder“, sagt Guido Strohfeldt, der Leiter des Fürstenwalder Museums.

Plan aus dem Jahr 1906 von der Innenstadt von Fürstenwalde. Der rote Kreis markiert das Gebäude der Taubstummenanstalt.
Museum FürstenwaldeAuf einem Stadtplan aus dem Jahr 1906 ist das Gebäude zu sehen. Es steht als Querriegel auf einer relativ großen Freifläche. Auf einem Plan von 1913 ist es schon verschwunden, sagt Strohfeldt.
Strohfeldt: Markus Reich kennt Anstalt aus Wien
Wie kommt es, dass das Ehepaar Reich die Anstalt in Fürstenwalde gründet? „Etwas Ähnliches gab es in den 1860er-Jahren schon in Wien, Markus Reich hatte die Einrichtung dort kennengelernt“ weiß Strohfeldt. Emma Reich, die aus Fürstenwalde stammt, ist ausgebildete Kindergärtnerin – was damals auch etwas Besonderes ist.
Offenbar gibt es in Fürstenwalde Bedarf für die Ausbildung behinderter, jüdischer Kinder. Jedenfalls startet Ehepaar Reich am 15. Juli 1873 in seiner eigenen Wohnung mit sieben Mädchen und Jungen, ist auf der Internetseite des ITA zu lesen. Später wird das Grundstück in der Neuendorfer Straße 5 gepachtet.

Die Gründer der ersten deutschen Taubstummenanstalt für jüdische Kinder. v.l.n.r. stehend: Markus Reich, Elisabeth Reich (Tochter), Felix Reich (Sohn), Hedwig Reich (Tochter), v.l.n.r. sitzend: Emma Reich geb. Maschke, unbekannt, Anna Reich (Schwester von Markus). Das Heim entstand in Fürstenwalde.
Stadtgeschichtliches Museum Weißensee Sammlung Höxter- Bennewitz.Unternehmer und Bankiers unterstützen
Ob das langgestreckte Gebäude dort eigens errichtet wird, weiß Strohfeldt nicht. Als sicher gilt hingegen, dass das Ehepaar die Kosten nicht allein stemmt, sondern Unterstützung von jüdischen Unternehmern und Bankiers erhält. 1884 gründet sich der Verein „Jedide Ilmim“ („Freunde der Taubstummen“) als Träger.
„Die ITA setzt im Deutschen Reich in den folgenden Jahren Maßstäbe in der Betreuung gehörloser jüdischer Kinder“, betont Gabi Moser, von der evangelischen Jugendarbeit im Kirchenkreis Oder-Land Spree. Bis 1886 erweiterte der Verein sein Aufgabengebiet auf die Förderung der Berufsausbildung und Gewährung von Beihilfen für die berufliche Existenzgründung. Er hatte da 930 Mitglieder in 93 Orten im gesamten Deutschen Reich.
Kein Grundstück in Fürstenwalde
In Fürstenwalde reicht der Platz bald nicht mehr aus. Ein Grundstück für die Erweiterung fehlt. Also kauft der Verein 1888 in Berlin-Weißensee eine Parzelle, errichtet ein Gebäude für 62 Kinder und zieht 1890 um. Nach dem Tod von Emma und Markus Reich führen Felix und Elisabeth, die Kinder des Paares, die Einrichtung weiter. 1939 gelingt es Felix Reich, mit zehn Kindern nach London zu fliehen, Elisabeth Reich flieht vor den Nazis nach Palästina.
In Fürstenwalde, das um 1880 knapp 10.000 Einwohner hat, dürfte das Ehepaar Reich mit seinem Engagement andere Menschen inspiriert haben. So gründet Pfarrer Albert Burgdorf 1892 die Samariteranstalten. „Als Erstes wurde dafür ein Grundstück am heutigen Goetheplatz gemietet, dort entstanden eine Kleinkindschule und eine Einrichtung, um Pädagoginnen auszubilden“, sagt Markus Witte, der Sprecher der Samariteranstalten.

Das Lazarushaus am heutigen Goetheplatz nutzte Pfarrer Albert Burgdorf im Jahr 1892 für die ersten Einrichtungen der Samariteranstalten. Aufnahme um 1910.
Museum FürstenwaldeMittlerweile beschäftigt die Stiftung knapp 800 Mitarbeiter; insgesamt leben, lernen und arbeiten 2000 Menschen an verschiedenen Standorten in Fürstenwalde und Umgebung.
Marienheim neben Taubstummenheim
Unmittelbar neben der früheren Taubstummenschule in der Alten Neuendorfer Straße entsteht 1895 eine weitere Einrichtung für Kinder, das Marienheim. „Dort richtete der Frauen- und Jungfrauenverein eine Kleinkinderverwahranstalt ein“, sagt Strohfeldt. Denn Bedarf für diese Vorstufe der heutigen Kindergärten gibt es. Die aufblühende Industriestadt – 1837 nahm die Spreemühle ihren Betrieb auf, 1842 eröffnete der Bahnhof und 1872 verlagerte die Firma Pintsch einen Großteil ihrer Industrieanlagen dorthin – lockte viele junge Familien an. „Zunächst hatten die Frauen keine Unterbringung für ihre Kinder und diese zogen marodierend durch die Straßen“, erklärt Strohfeldt.



