Simson-Club in Königs Wusterhausen
: „Das Letzte, woran ich denke, ist die AfD“

Wird die Simson, das Kult-Moped aus der DDR, von Rechtsextremen gekapert? Jens Jäger vom Simson-Klub in Königs Wusterhausen über Grünen-Wähler im Verein und die jüdischen Gründer der Firma.
Von
Till Eichenauer
Königs Wusterhausen
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Jens Jäger, Vorsitzender des Simson-Clubs "2-Takt-Freaks" in Königs Wusterhausen, vor der „Kulttanke Friedersdorf e. V.“

Jens Jäger, Vorsitzender des Simson-Clubs „2-Takt-Freaks“ in Königs Wusterhausen und des Vereins „Kulttanke Friedersdorf e.V.“. Die ältere Generation habe mit der Simson nichts mehr zu tun, sagt er.

Till Eichenauer
  • Simson-Hype in Ostdeutschland: Modelle wie Schwalbe, S50 und S51 sind begehrt und teuer.
  • Vereinschef Jens Jäger nennt Simson unpolitisch und organisiert Ausfahrten mit vielen Teilnehmenden.
  • AfD nutzt Simson im Wahlkampf – Nachfahren der jüdischen Gründer kritisieren das scharf.
  • Jäger will keine Parteigrenzen im Klub, sogar Grünen-Wähler sind laut ihm willkommen.
  • Zweiter Verein baut eine Tankstelle von 1935 wieder auf – Treffpunkt für Oldtimer-Fans geplant.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

„Für mich ist Simson absolut unpolitisch“, sagt Jens Jäger, der selbst sieben Stück des DDR-Kult-Mopeds besitzt. „Das ist einfach die geilste Technik, die man fahren kann: einfach zu reparieren und ein Stück deutsche Geschichte“, so der 38-Jährige.

Und Jäger ist nicht der Einzige, der sich für die alten Kleinkrafträder aus Ostzeiten interessiert. In den vergangenen Jahren ist ein echter Hype um die Modelle Schwalbe, S50 und S51 entstanden, die einst im VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ im thüringischen Suhl produziert wurden. Wurden die Simsons in den 1990er-Jahren noch zu Tausenden verschrottet, kosten fahrbereite Modelle heute meist über 3000 Euro.

Vor 20 Jahren war das aber noch ganz anders, erklärt Jens Jäger: „Ein Auto war damals mit meinem Ausbildungsgehalt unerschwinglich, aber die alten Simsons standen noch überall herum.“ Auf dem Weg zur Arbeit begegneten ihm damals andere Simson-Fahrer aus der Region. Irgendwann kam man ins Gespräch und gründete 2008 einen Simson-Klub, die „2-Takt-Freaks“. Bis heute organisieren die rund 50 Mitglieder regelmäßig Ausfahrten auf den Zweirädern mit teilweise mehreren Hundert Teilnehmern. Bis an die Ostsee sind sie dieses Jahr mit den knatternden Kleinkrafträdern gefahren.

AfD benutzt Simson für Wahlkampfauftritte

Aber nicht nur Jens Jäger und seine Freunde haben die Simson wiederentdeckt – vor allem die AfD nutzt die Mopeds seit einiger Zeit in Ostdeutschland als Wahlkampf-Vehikel. Der in Westdeutschland aufgewachsene Björn Höcke knattert in Thüringen regelmäßig auf einer Simson durch die sozialen Medien der Partei. Auch der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt war immer wieder auf einer partei-blauen Schwalbe im Wahlkampf zu sehen.

Speckgürtel

Alles Wichtige aus dem Berliner Speckgürtel.

Jens Jäger, Vorsitzender des Simson-Clubs "2-Takt-Freaks" in Königs Wusterhausen, vor der „Kulttanke Friedersdorf e. V.“

Jens Jäger hat natürlich neben seinen sieben Simsons auch einen Trabant 601 in der Garage: „Trabi ist ja heute auch ein Sympathieträger.“

Till Eichenauer

Für Jens Jäger hat das aber wenig mit der Simson an sich zu tun: „Die fahren da vor und die Leute kriegen dann eine Bratwurst gratis. Das kommt eben an.“ Dass gerade die in Teilen rechtsextreme Partei mit seinem Lieblingsmoped Werbung macht, stört Jäger nicht besonders. „Von mir aus können nur die CDU und die SPD damit rumjuckeln – alle außer die Grünen!“, sagt er und lacht ironisch. Die wollten ja den Zweitakt-Spaß verbieten und am liebsten nur noch E-Roller auf der Straße sehen, sagt er.

Auch Grünen-Wähler im Verein wären okay

Jens Jäger ist es aber vor allem wichtig, dass die Politik seinen Verein nicht belastet: „Unsere ganze Vereinsarbeit hat mit der ganzen Politik nichts zu tun.“ Er wolle auch bei den Mitgliedern „keine parteipolitischen Grenzen ziehen“. Und sogar Grünen-Wähler dürften mitmachen, sagt er neckisch. Man habe Mitglieder aus allen Gesellschaftsschichten, vom Supermarktkassierer bis zu Leuten, die „richtig gut Geld verdienen“.

Seine Liebe zu den Mopeds hat sich der 38-Jährige auch auf einem Tattoo am Arm verewigt. Das Simson-Logo „mit der Unterschrift von den jüdischen Eigentümern, die das Moped damals entwickelt haben“, wie er sagt.

Liebevoll dekorierte Schwalbe-Mopeds stehen am 05.07.2014 in Suhl (Thüringen) bei der Jubiläumsfeier "50 Jahre Simson-Schwalbe".

Liebevoll dekorierte Schwalbe-Mopeds stehen am 05.07.2014 in Suhl (Thüringen) bei der Jubiläumsfeier "50 Jahre Simson-Schwalbe". Etwa 1000 Fahrer aus Deutschland, Österreich und Ungarn feiern hier das Jubiläum des legendären DDR-Kultmopeds mit zahlreichen Veranstaltungen. Foto: Michael Reichel/dpa ++ +++ dpa-Bildfunk +++

Der Simson-Schriftzug auf einem Modell „Schwalbe“. Das Unternehmen wurde 1856 von Löb und Moses Simson in Suhl, Thüringen, gegründet. (Symbolbild)

Michael Reichel

Die Nachfahren der Unternehmer, die 1935 von den Nationalsozialisten enteignet wurden und in die USA flohen, sehen die Vereinnahmung ihrer Marke durch die AfD hingegen gar nicht locker. „Das verhöhnt unsere Familiengeschichte“, sagte Dennis Baum, Nachfahre der Unternehmerfamilie, im Sommer dem Tagesspiegel. Die Partei sei antisemitisch und mache die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten verächtlich. Und er machte klar: „Unser Ziel ist es, dass die AfD alle Plakate, T-Shirts und Werbemittel, mit denen sie unseren Namen missbraucht, vernichten muss.“

Jens Jäger, Vorsitzender des Simson-Clubs "2-Takt-Freaks" in Königs Wusterhausen, vor der „Kulttanke Friedersdorf e. V.“

Der Verein „Kulttanke Friedersdorf e. V.“, dessen Vorsitzender ebenfalls Jens Jäger ist, baut eine historische Tankstelle wieder auf.

Till Eichenauer

Jens Jäger glaubt aber nicht, dass es die AfD schaffen kann, sich die Simson mit Videos im Internet und mit Werbegeschenken so einfach anzueignen. „Es gibt natürlich schon Simson-Zündschlüssel mit dem AfD-Logo drauf, aber das kann ja jeder andere auch machen“, sagt der Einzelhandelskaufmann.

Tatsächlich hat sich jüngst auch die SPD-Landtagsfraktion auf den Ost-Mopeds in Szene gesetzt. Sie hatte erfolgreich ein Gesetz eingebracht, dass auch aus dem Ausland reimportierte Simsons 60 statt nur 45 Kilometer in der Stunde fahren dürfen – ein Privileg, das die Zweiräder aus der DDR auch nach 1990 genießen. Das feiern die Landespolitiker daraufhin in einem Instagram-Video.

Mittlerweile ist der Simson-Klub fließend in einen zweiten Verein übergegangen, in dem Jens Jäger auch federführend aktiv ist. Der „Kulttanke Friedersdorf e.V.“ will eine alte Tankstelle aus dem Jahr 1935 wieder aufbauen und zu einem Treffpunkt für Oldtimer-Begeisterte aus der Region machen.

Der Verein mit Mitgliedern aus Friedersdorf und Umgebung renoviert das Gebäude in Eigenarbeit. Für Jens Jäger ist die Vereinsarbeit im Dorf „eine wichtige demokratische Sache“. Die meisten Mitglieder aus dem Simson-Club sind wieder mit dabei und bringen handwerkliche Erfahrung aus ihren Berufen mit, die im Projekt dringend gebraucht werden. An diesem Nachmittag kommen eine Handvoll Männer Ende dreißig vorbei, um zu helfen.

Jens Jäger ist 1988 geboren und kann sich kaum bewusst an die DDR erinnern. Trotzdem ist gerade seine Generation begeistert von den alten Ost-Mopeds. „Interessant ist, dass die Generation hier, die 20, 30 Jahre älter ist als wir, eigentlich nichts mehr mit den Simsons zu tun haben will. Die mussten das früher ja fahren und haben heute keinen Bock mehr drauf.“